[Rezension] Dracula: Die Wiederkehr | Dacre Stoker, Ian Holt

Dracula Die Wiederkehr Dacre Stoker Ian Holt
Dacre Stoker, Ian Holt:
Dracula: Die Wiederkehr

Über das Buch:
Fünfundzwanzig Jahre sind vergangen, seit die Vampirjäger um Professor van Helsing den gefürchteten Vampir Dracula zur Strecke brachten. Doch der Friede ist trügerisch. In London geschehen unheimliche Dinge, und Jonathan Harker wird ermordet am Picadilly Circus aufgefunden. Irgendjemand scheint es auf diejenigen abgesehen zu haben, die damals an der Vernichtung des dunklen Grafen mitwirkten. Harkers Sohn Quincey tritt in die Fußstapfen seines Vaters, um den Mord aufzuklären. Dabei macht er rätselhafte Entdeckungen. Könnte es sein, dass der legendäre Dracula noch unter den Lebenden weilt?

LYX
Hardcover mit Schutzumschlag, 592 Seiten
19,95€ [DE]
978-3-8025-8220-2
Leseprobe

Meine Meinung:
Fünfundzwanzig Jahre sind vergangen, und seitdem hat sich einiges verändert. Jeder Einzelne der Gruppe hat seine Narben vom Kampf behalten. So ist Dr. Seward drogenabhängig, Jonathan denkt mehr an Alkohol als an alles andere, Mina hat sich äußerlich kein Stück verändert, leidet aber unter den kaputtgehenden Ehe zu ihrem Ehemann, Arthur Holmwood brach jeden Kontakt ab und vergaß Lucy nie und Dr. Van Helsing ist inzwischen ein alter Mann, der sein Lebensende schon längst erwartet. Nicht zu vergessen der Sohn der Harkers, Quincey, der sich von seinem Vater unterdrückt fühlt und lieber Schauspieler wäre, statt Advokat zu werden. Von der Vergangenheit seiner Eltern weiß er nichts; aber das ist nicht das einzige Geheimnis in diesem Buch.
Klang das Buch für den Anfang sehr interessant, folgt auf die Euphorie schnell die Ernüchterung. Der Schreibstil ist zwar angenehm zu lesen, doch erschafft er in keinem Moment die Atmosphäre des frühen 20. Jahrhunderts. Weder erreichen die Empfindungen der Protagonisten den Leser, noch kann man die Umgebung – die mit London zum Beispiel wirklich ein dankbares Setting darstellt – spüren. Das Lesen ist ein Bemerken nebenbei, ein lustloses Zuhören und Zusehen, ohne jemals selbst einbezogen und gefesselt zu werden. Ich persönlich verspürte nie das Bedürfnis, weiterlesen zu müssen, weil ich es wollte.
Dazu hat aber vor allem der Inhalt beigetragen. Das Geschehen ist eine einzige Farce. Wie aus dem Nachwort herauszulesen ist, war es die Intention von Mr. Stoker, die damalige Figurenkonstellation und auch ihre Charakteristik wiederherzustellen und damit auch die Würde des Buches „Dracula“ (nachdem amerikanische Filmproduktionen damit anstellen konnten, was sie wollten). Interessanterweise ist genau das Gegenteil geschehen. Dinge wurden verdreht, hinzugedichtet, ohne dass sie plausibel klangen. Der damals so stolze, furchteinflößende Graf Dracula, der sich seiner Wesensart durchaus bewusst war, verkommt zu einem inkonsequenten, sich selbst glorifizierenden 0815-Vampir, wie man ihn heute in jeder zweiten Vampirgeschichte anfindet, der natürlich auch noch eine Romanze am Start hat.
Eben dies ist ein Beispiel für die Zusätze, die durch die Autoren erfolgten: Wird im Original nie erwähnt, dass Mina tatsächlich tiefe und echte Liebe für Dracula empfindet (genau genommen wird es nicht einmal angedeutet, zumindest nicht das), so sehnt sie sich in der Fortsetzung immer nach ihm und vergisst dafür auch ihren Ehemann vollkommen, den sie im Grunde ja auch geliebt haben soll.
Die Handlung und das Verhalten der Charaktere ist absurd und gleichzeitig so vorhersehbar und klischeehaft, dass es schmerzhaft wird. Es dauert nur sehr wenig Zeit, ehe man ziemlich sicher weiß, wer nun wirklich wer ist und wie es mit der Beziehung zu anderen Charakteren aussieht. Die Geheimnisse „Geheimnisse“ zu nennen, ist eigentlich nicht richtig.
Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, kommt die Geschichte nie richtig in Fahrt. Eine Szene schleppt sich der anderen hinterher. Es passiert viel, doch vermittelt der Text nie das Gefühl, dass viel passiert wäre. Ca. ab Seite 400 kommt bekommt die Geschichte plötzlich etwas Schwung, die eigentliche Handlung scheint endlich loszugehen doch bald verläuft auch das sich im Sande bis am Ende lediglich Frust und ein bitterer Nachgeschmak bleiben.

Somit gibt es nur einen Stern; „Dracula: Die Wiederkehr“ ist vieles, aber nicht lesenswert und erst recht keine vernünftige Fortsetzung des Klassikers. Charakter und ihre Konstellationen werden verdreht, die Handlung ist vorhersehbar und wenig kreativ und sprachlich weiß dieses Werk ebensowenig zu überzeugen. Schade!

Dennoch geht mein herzlicher Dank wieder an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Egmont LYX

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8 thoughts on “[Rezension] Dracula: Die Wiederkehr | Dacre Stoker, Ian Holt

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  3. Ich schließe mich den Aussagen der obigen Rezesion an. Und da ich selbst seit längerer Zeit an einer (ungekürzten) Neuübersetzung von Bram Stokers Klassiker arbeite, lasse ich nun die meinige folgen:

    Darce Stoker und Ian Holt verkündigen in ihrem Nachtwort, sie hätte dieses Buch verfasst um Bram Stokers Andenken zu ehren. Doch dieses Ziel wurde verfehlt, denn Stokers Roman-Charaktere sind kaum wiederzuerkennen: Doktor Seward ist drogensüchtig und am Leben gescheitert. Jonathan Harker ist dem Alkohol verfallen und treibt sich in Bordellen herum. Professor Van Helsing wird von der Polizei mit den Morden von Jack the Ripper in Verbindung gebracht. Dracula selbst ist Shakespeare-Schauspieler und klärt Bram Stoker, der in der wirren Handlung selbst auftaucht, über seine »wahre« Geschichte auf und macht den Autor auf Fehler in seinem Roman aufmerksam. Stokers reale Lebensgeschichte wird falsch wiedergegeben. Elizabeth Báthory, eine historisch verbürgte Gestalt, tritt ebenfalls in Erscheinung und legt als Vampirin ein Verhalten an den »Tag«, welches jede professionelle Domina vor Neid erblassen lassen würde. Und Mina Harker? Altert nicht – weil sie eine Affaire mit dem Grafen hatte. Zahlreiche Handlungsorte des Originals wurden verlegt.

    Fazit: Von einer Fortsetzung von »Dracula« in der Tradition des Originals kann keine Rede sein, und es steht zu befürchten, dass sich der Graf nach einer derartigen Rufschädigung schon aus Protest nie wieder aus seinem literarischen Grab erheben wird. Schließen wir diese Rezension mit einem Zitat aus Bram Stokers Klassiker, welches die Gefühle, die einem bei der Lektüre dieses Machwerks überkommen, treffend wiedergibt: »Und da überwältigte mich das Grauen, und ich sank bewusstlos zurück.«

    • Dito – bei dir nur besser formuliert.. ;)

      Das Buch war wirklich … lachhaft. Wenn man denn noch lachen konnte, was nicht unbedingt vorauszusetzen ist.

      Eine Neuübersetzung?
      (Da fällt mir ein, dass ich das Original immer noch weiterlesen muss … irgendwann.)

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