[Rezension] Sieben verdammt lange Tage | Jonathan Tropper

Sieben verdammt lange Tage Jonathan Tropper Jonathan Tropper
Sieben verdammt lange Tage

Inhalt:
„Ich bin deine Mutter, und ich liebe dich.“
Das sagt Mom immer. Das nächste Wort lautet stets: „Aber …“

Die Familientreffen der Foxmans enden stets mit Türenschlagen und quietschenden Reifen, wenn Judd und seine Geschwister so schnell wie möglich einen Sicherheitsabstand zwischen sich und das Elternhaus bringen. Doch nun ist ihr Vater gestorben. Sein letzter Wunsch treibt allen den Angstschweiß auf die Stirn: Die Foxmans sollen Schiwa sitzen, sieben Tage die traditionelle Totenwache halten. Das bedeutet, dass sie auf unbequemen Stühlen in einem kleinen Raum gefangen sind und nicht davonlaufen können. Nicht vor dem, was zwischen ihnen passiert ist – und nicht vor dem, was die Zukunft für sie bereithält …

Knaur
Hardcover mit Schutzumschlag, 447 Seiten
16,95€
ISBN 978-3-426-66273-1
Leseprobe

Meine Meinung:
Judd hat ziemlich viele Probleme auf einmal. Seine Frau Jen hat ihn betrogen – mit seinem Chef Wade. Dann ist sie auch noch schwanger, was sie ihm gesteht, als er sich auf den Weg zur Beerdigung seines Vater machen will. Auch das künftige Familientreffen stimmt ihn alles andere als glücklich, würde es auch nicht, wenn der Grund dafür nicht der Tod seines Vaters wäre. Die Familie Foxman scheint einfach nicht für das Zusammenleben geeignet zu sein. War früher alles noch gut, verlor der Vater irgendwann das Verständnis für seine Kinder und die Treffen Jahre später enden damit, dass die Kinder fluchartig das Haus verlassen und mindestens eine Person beleidigt oder verletzt ist. Nun war es aber der letzte Wille des Vaters, dass seine Familie Schiwa sitzt, eine Totenwache, die sieben Tage anhält. Von vornherein ist klar: Das kann nicht gut gehen. Und tatsächlich, alle bringen ihre Probleme mit und sowieso die Probleme, die zwischen den Familienmitgliedern herrschen. Da sind Brüder, die einander nicht leiden können, weil sie jahrelang nicht über die Enttäuschung reden, kleine Brüder, die plötzlich Fast-Verlobte haben, die ihre Mutter sein könnten, vergangene Romanzen und Liebschaften, die sich nie wirklich leicht abschütteln lassen … zusammen mit aufdringlichen Nachbarn, gut gefüllten Bäuchen der obligatorischen Trauergäste und T-förmige Kinderkacke auf dem Teller ergibt das ein ziemliches Chaos, das zur Bewährungsprobe für alle Beteiligten wird.
Das Einzige, was man an „Sieben verdammt lange Tage“ wohl aussetzen kann, sind einige unnötige Wiederholungen von Umständen oder Vermutungen, denn ansonsten bietet das Buch alles, was es verspricht und noch mehr.
Trotz der ganzen Schicksalsschläge, die das Buch keineswegs zu knapp bietet, ist die Geschichte bestechend amüsant und vor allem schön – fast wie im echten Leben. Zu verdanken ist das letztlich der wunderbaren Art der Charaktere. Sie alle haben unendlich viele Facetten und gewinnen mit jeder Seite an Tiefe und Profil. Besonders bei den Geschwistern Wendy, Paul, Judd und Phillip ist auch eine Entwicklung zu sehen, Gedankengänge und ein Umdenken. Da ist es fast nur logisch, dass sie einem richtig ans Herz wachsen, allesamt. Zum einen gibt es die spitzzüngige Wendy, die oft keine Grenzen kennt, weiß, was sie will und ihr Leben lebt, wie es nötig ist. Manchmal wirkt sie so verdammt herzlos, dass es schon wieder liebenswert ist. Ihrem Geschwistern geht sie damit allerdings gehörig auf die Nerven. Paul, der wie alle Männer seiner Familie – außer Phillip – seine Gefühle eher zurückhält, seiner vereitelten Karriere als Baseball-Spieler nachtrauert, seinem Bruder Judd die Schuld dafür gibt und wenig auf Phillip gibt. Judd, das Unfall-Kind der Familie, inzwischen arbeits- und ehefrauenlos, fristet sein Leben in einer Kellerwohnung und ist der allzu charmante Erzähler der Geschichte. Phillip dagegen ist das schwarze Schaf, Mamas Liebling und zudem auch der bestaussehendste Bruder der Foxmans. Ihre teils bitterböse, aber augenzwinkernde und verquere Art üben eine wahnsinnige Anziehung aus, auch wenn die Frage, wie ihre Partner das aushalten, durchaus berechtigt ist. Zum anderen ist es das schlichtweg typische Verhalten unter Geschwistern, das riesigen Spaß macht, besonders wenn man selbst die manchmal auftretenden Probleme einer solchen Beziehung kennt.
Die Handlung an sich wirkt an keiner Stelle überzogen, alles passt ins Bild und ist dennoch nicht vorhersehbar. „Sieben verdammt lange Tage“ mag dabei kein spannendes Buch im üblichen Sinne sein, man fiebert dafür aber trotzdem mit, hofft auf ein gutes Ende für Judd und auch für alle anderen. Ihre Leben interessieren und gehen nahe, denn irgendwo haben sie alle eine große Narbe, die so ziemlich jeder von sich selbst kennt, hier jedoch nicht auf die herzzerreißende, sondern wirklich mitnehmende Art präsentiert werden: schlicht und ohne jeden Kitsch.
Und währenddessen sagt einem die Geschichte einfach, was gewiss nicht alle wissen und woran man manchmal nur schwer glauben kann: Es ist nicht immer alles so hoffnungslos, wie es aussieht. Ab und zu braucht man nur Zeit und etwas Abstand, um die Sache dann anpacken und verarbeiten zu können. Und – verdammt noch mal – es ist schön, eine Familie zu haben. Egal, wie wahnsinnig sie ist.
Wer also ein ernstes und trauriges Buch sucht, das trotzdem nicht schwer ist, damit man auch mal herzlich lachen kann, ist bei „Sieben verdammt lange Tage“ genau richtig.
Ich kann nur sagen: Leute, lest es! Ihr macht sonst einen verdammt großen Fehler.

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Nochmals vielen Dank für das Rezensionsexemplar an
Knaur

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