[Rezension] Scatterheart | Lili Wilkinson

Lili Wilkinson Scatterheart Lili Wilkinson
Scatterheart

Inhalt:
»Ich werde Sie oder Ihresgleichen niemals heiraten. Ich bin die Tochter eines Gentlemans und werde einen Gentleman heiraten. Nicht irgendeinen … dahergelaufenen Studenten.«

Als Hannah Cheshire den Heiratsantrag ihres Hauslehrers Thomas Behr ablehnt, ahnt sie nicht, dass sie damit ihr Schicksal für immer besiegelt. Von einem Moment auf den anderen verwandelt sich ihr wohlbehütetes Leben in einen Albtraum. Und ihr wird klar, dass ihre Vergangenheit auf einer einzigen großen Lüge beruhte …

Coppenrath
Hardcover mit Schutzumschlag, 448 Seiten
16,95€
ISBN 978-3-8157-9511-8
Leseprobe

Meine Meinung:
Hannah Cheshire lebt mit ihrem Vater und einigen Bediensteten allein, nur ihr Hauslehrer Thomas Behr kommt regelmäßig vorbei, um sie zu unterrichten und ihr Märchen zu erzählen – unter anderem das von Scatterheart, ein ebenso flatterhaftes Mädchen wie Hannah. Es ist ein angenehmes Leben, ihr Vater hat genügend Geld, um Hannah jeden Wunsch zu erfüllen. Doch eines Tages packt Arthur Cheshire seine Koffer und verschwindet – für immer. Hannah muss erfahren, dass er ein Spieler war und jahrelang in Schulden lebte. Nun fordert ein Gläubiger sein Geld. Thomas Behr erkennt die brenzlige Situation und möchte ihr helfen, indem er Hannah heiratet. Doch noch immer überzeugt von der Unschuld ihres Vaters und seinen Worten – sie sei eine schöne Dame von Stand und würde jemanden von Stand heiraten – lehnt sie sein Angebot ab. Fortan muss sie allein zurecht kommen, doch durch eine Verkettung unglücklicher Umstände bezichtigt man sie mehrfach des Diebsstahls und anderer Kriminalität – sie landet im Gefängnis und wird zu sieben Jahren Strafkolonie verurteilt. Hannah muss lernen, dass weniges so ist, wie es scheint und ihr Denken schnellstens umkrempeln. Als Sträfling nutzen einem Eitelkeit und Ekel wenig. Hannah muss lernen zu überleben, und die Schifffahrt nach Australien ist nur die erste große Hürde.
„Scatterheart“ hält, was es verspricht – eine abenteuerliche Reise eines Mädchens, dessen Leben radikal und grausam über den Haufen geworfen wird und sie zwingt, die Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.
Aus Hannahs Sicht wird die Geschichte erzählt, weshalb man einen guten Einblick in ihre Gedanken und somit auch ihre Wandlung erhält. Anfangs ist sie naiv, regelrecht dumm, was nicht zuletzt auf ihren Vater zurückzuführen ist, der sie genau so erzog. Deswegen muss Hannah nicht unbedingt unsympathisch sein, es ist klar, warum sie denkt, wie sie denkt. Grob gesagt kann sie nicht mal wirklich etwas dafür. Glücklicherweise erkennt sie im Laufe der Geschichte ihre Fehler und wie sie eigentlich hätte reagieren sollen. Sie wird zu einem anderen Menschen: Bedeuteten ihr hübsche Kleider und ein großes Haus zu Beginn noch alles, will sie es letztlich gar nicht mehr haben. Besonders deutlich wird es an ihrem Umgang: Ein einäugiges Mädchen verabscheut sie, bis es am Ende zu einer engen Freundin wird. Einst waren Bedienstete für sie nur Bedienstete, irgendwann spricht sie sie tatsächlich auch an, interessiert sich für sie; immerhin könnte sie genauso eine von ihnen sein – die ehemalige Dame von Stand. Hannahs Wandlung ist logisch und vor allem auch schön, um nicht zu sagen erfreulich. Der Charakter erlangt an Tiefe, die bei anderen Personen durchaus wünschenswert gewesen wäre. Allein mehr Hintergrundwissen wäre interessant gewesen, trotzdem sind die Charaktere okay so – nicht ganz flach, aber für die Geschichte reicht es aus. Teilweise ist es dieses Märchenhafte, das durchaus eine Rolle spielt und dadurch deutlicher wird: Der Böse ist schlichtweg böse. Allerdings war es das auch schon – alle anderen Charaktere sind glücklicherweise nicht so glatt, was wiederum zu den Umständen passt.
Denn ein Leben als Sträfling ist nicht einmal im Ansatz schön. Zwar findet Hannah ihre Lichtblicke, doch umso mehr Grausamkeit und Brutalität erlebt sie, oft auch am eigenen Leib. Lili Wilkinson bleibt schonungslos und schildert auf realistische Art und Weise, was es damals bedeutete, ans andere Ende der Welt geschifft zu werden. Es ist beeindruckend und erschreckend zugleich und schenkt dem Buch somit einiges an Qualität. Die Geschichte wird dadurch schlüssig, der Glitzer bleibt allein auf dem Cover und das ist gut so. Denn ohne diese mit nichts zu verschönigenden Details wäre Hannahs Geschichte womöglich weniger spannend gewesen – so aber ist „Scatterheart“ ein richtiger Pageturner, immer für eine Überraschung gut und nie auch nur im Ansatz langweilig. Lediglich das Ende ist ein wenig kitschig – allerdings auf eine sehr dezente Art und Weise. Zusammen mit den Umständen ist es durchaus akzeptabel und betrachtet man die Tatsache, dass es einem genauso wie den Charakteren geht (sie haben etwas ganz anderes erwartet), ist es schon wieder gut.
Im Grunde könnte „Scatterheart“ wahrlich perfekt sein – leider hapert es stilistisch manchmal. Zwar sind der Ausdruck und die Sprache immer passend und – wenn es geht – schön, das Lesen macht jederzeit Spaß, allerdings war die Autorin ein wenig unkreativ in der Formulierung. Immer wieder werden Wortgruppen wiederholt und für Beschreibungen oder Gedanken genutzt, was früher oder später auffallen muss. Es ist zwar nicht nervig oder so penetrant, dass es das Lesen verderben würde. Aber es ist eben bemerkbar und stört ein wenig.
Schade ist auch, dass das Märchen vom Mädchen Scatterheart zwar interessant eingearbeitet wurde, aber nicht immer wirklich passt. Es war zwar eine schöne Idee und wenn es normal im Text vorkommt – spielt es doch vor allem für Hannah eine große Rolle -, passt es auch. Trotzdem haut es nicht immer hin, wenn am Anfang jedes Kapitels ein Absatz des Märchens steht und dieser scheinbar Parallelen zu Hannahs momentaner Situation aufweisen soll. Diese sind nicht immer oder nur schwer erkennbar, vielleicht wäre es als schlichtweg grober Leitfaden passender gewesen.

Nichtsdestotrotz ist „Scatterheart“ ein wunderbares Leseerlebnis, das leider viel zu schnell endet. Hannahs Geschichte nimmt mit und fasziniert unglaublich. Trotz der Mängel kann ich es nur empfehlen. Wer also nicht allzu zartbesaitet ist, sich ein wenig für das Leben der Sträflinge interessiert und ein paar spannende Stunden sucht, sollte unbedingt danach Ausschau halten!

.

Vielen Dank für das Rezensionsexemplar an
Coppenrath

Eine kleine Frage nebenbei:
Eher durch Zufall bin ich über das Märchen „East of the Sun and West of the Moon“ gestolpert, das aus Norwegen stammt. Die Geschichte von Scatterheart stimmt nicht direkt damit überein, ist jedoch recht ähnlich, vor allem was die Grundsituation angeht. Weiß jemand zufällig, ob das Märchen zumindest daran angelehnt ist? Ich bin mir eigentlich relativ sicher … aber man weiß ja nie!

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