[Rezension] Der Fluch der Hebamme | Sabine Ebert

Der Fluch der Hebamme Sabine Ebert Sabine Ebert:
Der Fluch der Hebamme

Rezension enthält Spoiler zu den vorherigen Bänden!

Inhalt lt. Verlag:
Freiberg 1189: Fast fünf Jahre sind seit Christians Tod vergangen. Marthe und Lukas leiden immer noch unter dem Verlust des Geliebten und Freundes und müssen ihre Gefühle füreinander neu bestimmen. Doch das ist nicht die einzige Sorge, die ihr Leben überschattet, denn es naht der Tag, an dem der grausame Albrecht, der älteste Sohn des Markgrafen Otto, die Regentschaft über die Mark Meißen übernehmen wird. Marthe und Lukas können nicht fliehen: Sie müssen Christians Vermächtnis erfüllen – und sich um die mittlerweile fast erwachsenen Kinder kümmern. Die sechzehnjährige Clara soll heiraten, obwohl sie heimlich in den jüngeren Sohn des Markgrafen verliebt ist, und Thomas träumt davon, sich Kaiser Barbarossas Kreuzzug ins Heilige Land anzuschließen …

historischer Roman, Deutschland (Meißen, Freiberg) 1189-1191, Dritter Kreuzzug
Knaur, Taschenbuch, 720 Seiten, Band 4 von 5
9,99€
ISBN 978-3-426-50606-6, Leseprobe
Band 5

Meine Meinung:
Fünf Jahre sind vergangen, seit Christian sein Leben gab, um die Bewohner Freibergs zu schützen. Nun sind Lukas und Marthe miteinander vermählt, Christians ältester Sohn Thomas steht kurz vor seiner Schwertleite und die älteste Tochter Clara muss endlich verheiratet werden. Die typischen Elternsorgen zu der Zeit, dich leider nicht die einzigen für Marthe und Lukas. Thomas möchte sich dem Kreuzzug von Friedrich I. – uns heute auch als Barbarossa bekannt – anschließen, der örtliche Pater lauert nach wie vor darauf, Marthe der Hexerei zu bezichtigen und auch Otto, der Markgraf von Meißen, wird langsam alt. Sollte er sterben, erbt sein Sohn Albrecht das Amt und dieser ist gar nicht gut auf Marthe und ihre Freunde zu sprechen. Dass ihnen nichts Gutes schwant, sollte er Markgraf werden, wissen die Leute, durften sie seine Grausamkeit doch bereits erleben. Er war es auch, der den Tod Christians forderte.
Dementsprechend sorgenvoll sind die Zeiten, die nun folgen – Albrecht trachtet mit aller Macht nach Meißen und Lukas und Marthe haben alle Hände voll zu tun, was sie können, um immer über alles informiert zu bleiben – und auch ihre Familie zu schützen.
Derweil zieht Friedrichs Heer langsam Richtung Jerusalem, im es zurückzuerobern und Friedrich zu dessen König zu krönen. Unter den Wallfahrern ist auch Dietrich, Ottos jüngerer Sohn, der wohl der Einzige ist, der seinem Bruder etwas entgegensetzen könnte. Doch eine Wallfahrt bricht man nicht ab, und so bleibt die Frage, ob er wohl noch rechtzeitig zurückkommt. Wenn überhaupt.

Auf meine Nachfrage hin hieß es, das Buch sei auch ohne Kenntnis der vorherigen Bände gut verständlich und nachvollziehbar, und das zumindest kann ich bestätigen. An gegebener Stelle wird immer wieder kurz wiederholt, was damals geschehen ist, so dass jeder immer auf dem neuesten Stand ist. Bisweilen kann das für Leser, die von Anfang an mitgelesen haben, etwas ermüdend sein, doch gerade was die ersten Bände betrifft, dürften solche Erinnerungen von Vorteil sein. Sollte also jemand zwischendurch einsteigen wollen, weil ein bestimmter, behandelter Zeitraum interessiert, andere dafür weniger, steht dem nicht wirklich etwas im Wege.
In diesem Buch geht es beispielsweise relativ ausführlich um den dritten Kreuzzug – wenn auch nicht nur – und kann, was das anbelangt, für sich gelesen werden.

Allerdings bringt so ein plötzlicher Einstieg auch seine Probleme mit sich, angefangen bei den Charakteren. Mit der fortschreitenden Serie kommen logischerweise auch neue Charaktere hinzu, die anderen wandeln sich. In „Der Fluch der Hebamme“ gibt es schon jede Menge Charaktere und vor allem die kleinen Randfiguren, die trotz allem nicht unwichtig sind, sind schwer auseinanderzuhalten. Wer sie aus früheren Bänden kennt, wird da sicherlich anders denken, ich aber hatte arge Probleme, die ganzen Schmiede und was weiß ich auseinanderzuhalten oder mir nur die Namen zu merken – meine Rettung bestand einzig und allein darin, dass oftmals dazu gesagt wurde, wer wer ist. (Notfalls gibt es aber auch ein Personenverzeichnis am Anfang des Buches.) Viel schwieriger waren da die ganzen Kinder – außer den drei ältesten gingen diese fast vollkommen unter und wenn die Rede vom „Jüngsten“ ist, sagte mir das nie besonders viel.
Aber auch abgesehen davon sind es einfach zu viele Figuren, um zu einzelnen eine richtige Bindung aufzubauen – zwar habe ich einzelne Geschehen durchaus interessiert verfolgt, aber die Einzelschicksale haben mich nie so berührt, wie sie es hätten tun können.
Außerdem zeigt sich keine wirklich Tiefe, auch wenn ich hier wieder sagen muss: Mir fehlt der Vergleich zu den vorherigen Bänden. Ich bin recht sicher, dass es im großen Vergleich etwas anders aussieht; für diesen Einzelband kann ich jedoch nur sagen, dass die Charaktere als Individuen nicht ganz zu überzeugen wissen.
Denn einige Sachen lassen sich auch mit dem Neueinstieg nicht entschuldigen, manchmal fehlen schlichtweg die Details. Um ein Beispiel zu nennen: In einigen Teilen, die aus Thomas‘ Sicht erzählt werden, wird ein gewisser Zweifel am Glaube erwähnt. Das kommt zwar immer mal wieder, allerdings nie so eindrücklich, wie es hätte sein sollen. Immerhin ist so etwas damals ein regelrechter Skandal, und ich für meinen Teil hätte mir gewünscht, dass es Thomas noch mehr zu schaffen macht beziehungsweise dass dies auch beim Leser rüberkommt.

Viel stärke wichte ich allerdings den Inhalt, der sich sehr an der Geschichte orientiert, also weniger ins Detail geht, sondern zu einem großen Teil historische Ereignisse beleuchtet. Das ist in zweierlei Arten etwas problematisch: Zum einen geschieht nie etwas Schlag auf Schlag, wie es eben so ist. Um irgendwo hinzureiten, braucht man Zeit, auch Nachrichten verbreiten sich nicht allzu schnell, wenn sie einen längeren Weg zurücklegen müssen. Das lässt die Handlung etwas plätschern, und läge der Fokus mehr auf dem kleinen Geschehen mittendrin – das, was sich die Autorin ausgedacht hat -, wäre dieser Effekt womöglich nicht eingetreten.
Denn zum anderen kennen wir die Geschichte ja. Und wenn nicht, dann ist es leicht, sich über die großen Ereignisse zu informieren. Ich hätte mich auch vorab belesen können, wie der dritte Kreuzzug ausgeht, wer die Mark übernimmt und so weiter – um genau zu sein, befindet sich im Anhang des Buches eine Zeitleiste, die auch das zukünftige Geschehen umreißt. Das lässt nur etwas mehr Spannung aufkommen, als wenn ich ein Geschichtsbuch lesen würde, wenngleich auch diese interessant sind.
Ganz unschuldig ist aber die fehlende Bindung zu den Charakteren auch hier nicht – so ist es interessant und ging bei Weitem nicht spurlos an mir vorbei; aber hätten mir die Figuren näher am Herzen gelegen, wäre das Buch an sicherlich spannender gewesen.
Inhaltlich ist es also interessant, aber auch nicht viel mehr; allerdings für einen Neuleser, wie gesagt.
Das Ende war allerdings sehr enttäuschend, da es kein Ende ist, wie auch die Autorin anmerkte. Normalerweise hab ich nichts gegen Cliffhanger, aber in diesem Fall passt es einfach nicht. Das Ende ist in keiner Weise rund oder setzt an, wenn ein Themenkomplex wirklich abgeschlossen ist – beispielsweise die Rückkehr der Wallfahrer hätte für mich persönlich dazugehört; sie fehlt aber. Zum Glück kommt noch ein Band – denn ich will natürlich wissen, wie es richtig ausgeht (mit den Charakteren) und so ein Roman ist dann doch angenehmer zu lesen, als trockene Geschichtsbuch-Texte und ausführlicher als eine Zeitleiste.

Dennoch, das Buch hat auch seine guten Seiten. Zum einen verfällt die Autorin in keinen Erotikwahn, wie es manchmal der Fall ist – aber das sollte Altlesern ja bekannt sein. Zum anderen ist das Buch wirklich sehr angenehm zu lesen.
Außerdem schreckt Frau Ebert keinesfalls vor Toden zurück – das ist keine Überraschung, immerhin ist Christian gestorben, aber dennoch schön. Zwar nicht erfreulich fürs Leserherz, aber wesentlich realistischer als ein Gute-Laune-Bild, bei dem fast alle einen Krieg überleben und Leute, die auf zwei Seiten kämpfen, nie entdeckt werden und keine Konsequenzen erfahren müssen. Einiges davon ist gewissermaßen vorhersehbar und auch irgendwie logisch, damit an anderer Stelle eine gewisse Figurenkonstellation ihr Happy End bekommen kann, aber ich will auch nicht päpstlicher sein als der Papst.
Auch sehr schön ist, dass die beschriebene Welt realistisch wirkt. Ich bin kein wirklicher Mittelalter-Experte und kann natürlich nicht sagen, ob alles genauso ist, wie es war. Aber es wirkt authentisch; die Umgebung, die Sprache … und wenn es schlecht recherchiert wäre, wären wir auch sicherlich nicht mittlerweile beim vierten Band. Kleine Freiheiten hat die Autorin zwar im Nachwort zugegeben, aber diese betreffen eher ein Cover und auch diverse Aufenthaltsorte einiger Charaktere, bei denen die Quellen aber auch nichts Genaues sagen. Und mal ehrlich – ein bisschen künstlerische Freiheit sollte jedem gewährt sein.

„Der Fluch der Hebamme“ ist demnach ein sehr interessantes, wenn auch nur mäßig spannendes Werk. Eine richtige Bindung zu den Charakteren kann leider nicht entstehen, allerdings dürften Altleser das ganz anders empfinden. Sprachlich angenehm und historisch authentisch ist dieses Buch kein Muss für Neueinsteiger, wer die Reihe aber zuvor schon konnte, kann sicher unbesorgt zugreifen.

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Herzlichen Dank aber für das Rezensionsexemplar an
Knaur

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Reiheninfo:
Wie bereits erwähnt, ist „Der Fluch der Hebamme“ Band vier der Reihe und damit auch der zuletzt erschienene.
Weitere Titel sind: „Das Geheimnis der Hebamme“, „Die Spur der Hebamme“ und „Die Entscheidung der Hebamme“. Der fünfte Band soll Ende dieses Jahres erscheinen, die Autorin spricht auf ihrer Seite auch vom Oktober.
In der Beschreibung zum vierten Band (die ihr hier findet), schreibt sie zum Buch:

Band 5, das große Finale der Reihe, wird Ende nächsten Jahres erscheinen. Er führt von 1191 bis ins Jahr 1198, und in dieser Zeit werden heftige Kämpfe in Sachsen-Anhalt, Thüringen und Anhalt ausgetragen, schickt Kaiser Heinrich VI. Männer auf den Deutschen Kreuzzug und will Dietrich die Mark Meißen für sich erobern – auch mit Hilfe der Freiberger.

Das klingt schon fast ein bisschen besser als Band vier – vielleicht werf ich doch wieder einen Blick rein!

Ansonsten sei erwähnt, dass – wie viele sicherlich schon wissen – auch die Cover mit Erscheinen des vierten Bandes erneuert. Im Zusatzmaterial des neuen Buches wird dies damit begründet, dass einfach kein gutes Material mehr verfügbar war – und es doch schade wäre, wenn das Cover eine Frau zieht, deren Kleidung aus einer ganz anderen Zeit stammen. Wo sie recht haben, haben sie recht!
Also wurde mal etwas Neues probiert und nach einem Model gesucht, das sie auch gefunden haben. Abgesehen davon, dass die Dame für meinen Geschmack um die Augen herum womöglich etwas zu sehr geschminkt ist, finde ich die Cover eigentlich ganz hübsch, vor allem aber besser als die ersten Ausgaben:

Sie sind schlichtweg moderner; mein persönlicher Favorit ist ja der erste Band – womöglich auch, weil das Rot so schön dunkel und warm ist.

Blut und Silber Sabine Ebert Nach dem fünften Band wird voraussichtlich kein Marthe-Roman mehr erscheinen, ganz ohne Fortsetzung bleibt die Reihe aber nicht – bzw. gibt es bereits eine Art Fortsetzung.
Sabine Eberts Roman „Blut und Silber“ spielt fast 100 Jahre nach den Ereignissen im fünften Band, und hat nicht wirklich etwas damit zu tun. Abgesehen davon, dass eine Protagonistin – Änne – eine Nachfahrin von Marthe und Christian ist. Wer den vierten Band kennt und aufgepasst hat, kann sich sicherlich denken, aus welcher „Linie“ sie stammt, immerhin gibt’s mehrere Möglichkeiten, von wem genau die Nachfahren abstammen.
Somit müssen sich Fans auch danach nicht ganz von Marthe verabschieden, vorausgesetzt natürlich, sie haben „Blut und Silber“ nicht längst gelesen!
Der Verlag schreibt zum Buch:

Deutschland 1296: König Adolf von Nassau setzt eine gewaltige Streitmacht gegen Freiberg in Bewegung, um die reiche Silberstadt in die Knie zu zwingen. Unter den Bürgern entbrennt ein heftiger Streit: Dürfen sie sich ihrem König widersetzen? Zu den Freibergern, die die belagerte Stadt mutig verteidigen, gehören auch Änne, eine Nachfahrin der Hebamme Marthe, und die Gauklerin Sibylla. Entsetzt müssen sie miterleben, wie Freiberg blutig erobert wird – durch Verrat!

Wer weiß … vielleicht, nach dem fünften Band!

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2 thoughts on “[Rezension] Der Fluch der Hebamme | Sabine Ebert

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