[Rezension] Oktoberfest | Christoph Scholder

Oktoberfest Christoph Scholder Christoph Scholder:
Oktoberfest

Inhalt lt. Verlag:
Das Gas wirkte in Sekunden. Plötzlich war es in dem riesigen Bierzelt still. Totenstill.
Der zweite Wiesn-Sonntag. Weiß-blau erstreckt sich der Himmel über München, Tausende strömen auf das größte Volksfest der Welt. Partystimmung, so weit das Auge reicht, ausgelassen tanzen die Leute in den riesigen Zelten. Niemand ahnt, dass dieser Nachmittag um exakt vier Minuten vor sechs in einem Höllenszenario enden wird. Denn genau zu diesem Zeitpunkt gibt Oleg Blochin, der skrupellose Kommandeur einer russischen Elite-Soldateska, seinen Männern den Befehl, das Betäubungsgas im ersten Bierzelt freizusetzen. Und das ist erst der Anfang: Schlag auf Schlag geht es weiter, 70 000 Menschen werden zu Geiseln in einem hochriskanten Spiel auf Leben und Tod …

Thriller, Oktoberfest, Militär, Speznas
Droemer, gebunden, 604 Seiten
19,95€
ISBN 978-3-426-19888-9 , Leseprobe

Meine Meinung:
Es sollte ein ganz normaler Tag auf der Wiesn werden – normal zumindest für das Oktoberfest. Dass jedoch ein ganzes Bierzelt besetzt wird, damit hätte keiner gerechnet. Doch nicht nur das: auch die Gäste in den anderen Zelten schweben in Lebensgefahr. Versucht nur einer von ihnen, das Zelt zu verlassen, werden die Ventile geöffnet, so dass ein giftiges Gas ausströmen kann, dass die Menschen innerhalb in kürzester Zeit mit dem Tode ringen lässt – damit drohen zumindest die Drahtzieher dieser Aktion: russische Elite-Soldaten, darunter Oleg Blochin, der seinen letzten Einsatz leitet.
Die Politik ist geschockt und bald ist nicht nur die bairische Führung, sondern auch der Bundeskanzler samt Gefolge involviert; und die sehen nur noch einen Ausweg: Wolfgang Härter hinzurufen, der einer Vereinigung angehört, die so geheim ist, dass selbst der Kanzler nichts davon wusste. Härter beginnt unter Einsatz seines Lebens zu ermitteln, doch die Zeit rennt ihm davon.
Tausende sind bereits tot, Tausende könnten noch folgen, die Situation außerhalb der Zelte droht zu eskalieren. Politik und Militär arbeiten zu sehr gegen einander. Wer sind diese Leute, die kaltblütig Menschen vergasen und vor den brutalsten Waffen nicht zurückschrecken?

„Oktoberfest“ könnte richtig klasse sein, stolpert dafür aber viel zu oft.
Es beginnt schon mit dem Schreibstil, der teilweise viel zu abgehackt ist. Zwar lassen sich viele Passagen sehr leicht weglesen, doch gibt es immer wieder Stellen, die der Autor hervorheben möchte. An sich ist das kein Verbrechen, doch ist es derart gestaltet, dass bisweilen drei kurze Sätze untereinander stehen.
Direkt untereinander.
Um etwas hervorzuheben.
Sehr hervorzuheben.
Mit einem einzelnen Satz mag das wirken, besonders wenn es nicht übermäßig gebraucht wird, doch so oft und dreimal direkt hintereinander wirkt es nicht mehr – es nervt eher, da es den Text gewissermaßen verlangsamt, und zwar unnötig.

Denn gerade der Anfang des Buches ist sehr langweilig. Erst nach circa 120 Seiten kommt ein wenig Spannung mit rein, auch wenn sich dann immer noch kein Herzklopfen einstellen will – denn dann startet erst die Handlung, von der der Klappentext spricht.
Am Anfang folgen aber unzählige Einführungen, jede Menge Zeitsprünge und noch mehr Charaktere: einige Unbekannte, die sich später zuordnen lassen, Karl Romberg, Werner Vogel, Amelie Karman, Oleg Blochin samt Iljuschin und Okidadse, Wolfgang Härter und einige andere unbedeutendere Charaktere. Abgesehen von Blochin und seinen Soldaten und Härter sind alle weniger wichtig. Natürlich spielen sie eine gewisse Rolle, allerdings sind sie nie so wichtig, dass sie in dieser Ausführlichkeit dargestellt werden müssten. Außerdem bleiben die Charaktere trotzdem gewissermaßen skizzenhaft, dass das Ganze sicherlich kürzer hätte sein können.
Zugegebenermaßen sorgen einige von ihnen später noch für etwas Spannung während der „Auflösung“, doch ist diese selbst teilweise so banal und lachhaft, dass es wirklich besser gewesen wäre, wären die Charaktere niemals so in der Art in die Geschichte eingebracht worden.
Ohnehin schlaucht das Ende wieder, genau wie der Anfang: Die einzig wirklich offenen, und interessanten Fragen, betrafen eigentlich nur noch Romberg, Amelie und Iljuschin. Wie gesagt: Sie alle waren dann weder überraschend, noch besonders tiefgründig oder in irgendeiner Weise bedeutungstragend. Im Grunde genauso sinnlos wie eine Aktion eines anderen Charakters, die zwar überraschend, aber auch zusammenhangslos daher kommt – zumal am Ende noch nicht mal aufgeklärt wird, wie es da noch weitergeht. Ich für meinen Teil habe mich gefragt, warum es nicht wirklich bis zum Ende erzählt wurde, wenn der Autor doch schon so ausladend begonnen hat?

Anfang und Ende überzeugen also nicht, doch der Mittelteil reißt es wieder etwas raus. Nachdem die eigentlich erwartete Handlung eingesetzt hat, steigt die Spannung deutlich. Und gerade ab Seite 300 wird es richtig „abartig“ spannend. Zum einen mag das an den Methoden liegen, die die Geiselnehme verwenden – brutal und menschenverachtend gehen sie zu Werke, ihnen ist es egal, was mit den Geiseln passiert. Es lieg einzig und allein auf deutscher Seite, die ganzen Menschen zu retten. Machen sie einen Fehler, geschieht das Unfassbare. Christoph Scholder nimmt dabei auch kein Blatt vor den Mund und schildert sehr genau, wie das Gift beispielsweise wirkt. So genau, dass mir teilweise richtig schlecht wurde.
Zum anderen liegt es daran, dass Politik und Militär nicht an einem Strang ziehen, wobei es mir so vorkam, als hätten einige – wenn auch nicht alle – Politiker mal wieder nur ihre Karriere im Kopf. (Dabei werden keine Politiker im Speziellen kritisiert – von ihnen ist nur das Geschlecht bekannt, so dass es zwar heute spielt, aber nicht zwangsläufig auf die lebenden Politiker zurückgeführt werden kann.) Es findet also ein Ringen statt, während dem ich die ganze Zeit nur hoffen konnte, dass das Militär rechtzeitig einschreitet und nicht die Politiker ihren Kopf durchsetzen – einfach damit das Ganze gelingt und die Menschen tatsächlich gerettet werden!
Schön waren aber auch die technischen Details, die der Autor liefert. Zwar waren es an mancher Stelle auch wieder zu viele Zahlen und auch zu große, so dass ich mir nicht immer genau vorstellen konnte, wie groß etwas ist oder welche Zerstörungskraft es hat – aber es war doch immer deutlich genug, so dass sich in meinem Kopf ein Gedanke immer wieder bilden konnte: „Ach, du Scheiße!“ Entsetzen ist hier garantiert!
Genauso hilfreich waren aber auch sonstige Erläuterungen bezüglich des Militärs (unter anderem). Wer wie ich nicht allzu viel darüber weiß, braucht wirklich keine Angst zu haben: Alles wird erklärt, ohne zu langweilen, sei es nun die deutsche oder die russische Seite.

Allerdings gibt es auch hier kleine Kritikpunkte: Die Charaktere gewinnen nie wirklich an Tiefe. Dafür nimmt aber auch das Geschehen viel zu viel Platz ein – etwas, was ich nicht bemängeln möchte, da ich dieses in diesem Fall als wesentlich wichtiger erachte.
Allerdings lebt das Buch manchmal von Zufällen, was an mancher Stelle dann doch zu viel des Guten ist. Außerdem hat es mich sehr verwundert, dass Oleg Blochin erst während der Operation erfährt, welches Gas sie genau verwenden. Bei einem solchen Unternehmen lege ich das doch vorher fest?
Das sind aber eher kleine Punkte, die zu verschmerzen sind. „Oktoberfest“ ist trotz allem ein spannungsgeladenes Werk … wären da Anfang und Ende nicht.

Wer richtig böse Spannung sucht, wird hier zumindest teilweise fündig. Hätte der Autor das gesamte Buch genauso geschickt inszeniert wie den Mittelteil, würde ich ihm einen Schrein errichten und es anbeten. Stattdessen enttäuscht der Rest sehr, was unglaublich schade ist. Dadurch wird „Oktoberfest“ eher zu einem mittelmäßigen Buch, das man gelesen haben kann, aber nicht muss. Aber es lohnt sich auf jeden Fall, sich durch die ersten 120 Seiten zu arbeiten!


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Herzlichen Dank für das Rezensionsexemplar an
Knaur

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5 thoughts on “[Rezension] Oktoberfest | Christoph Scholder

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