Rezension | Das Spiel der Nachtigall | Tanja Kinkel

Das Spiel der Nachtigall Tanja KinkelTanja Kinkel:
Das Spiel der Nachtigall

♣ historischer Roman, 12. Jahrhundert, HRR, Walther von der Vogelweide
♣ Droemer, gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen
928 Seiten
24,99€
ISBN 978-3-426-19818-6

Vielen Dank für das Rezensionsexemplar an Droemer Knaur!

Inhalt:
Das Heilige Römische Reich 1192: Der junge Walther befindet sich mit seinem Freund Markwart auf dem Weg nach Wien, um dort beim Sänger Reinmar in die Lehre zu gehen. Dafür gibt er sich als Ritter Walther von der Vogelweide aus und noch ehe er am Wiener Hof angelangt, wird er in die Gefangennahme Richard Löwenherz‘ verwickelt, ja, er spielt dabei sogar eine entscheidende Rolle. Dies soll nicht das letzte Mal bleiben, dass Walther von der Macht der Worte erfährt.
Zwei Jahre später ist er tatsächlich der Schüler Reinmars, auch wenn er seinem Lehrmeister gerne widerspricht. Warum sollte man nur unerwiderte Liebe anpreisen, wenn die erfüllte doch so viel ergiebiger ist? Eines Tages sollen sich die Verhältnisse aber ändern, denn nach einem Sturz vom Pferd verliert Herzog Leopold V ein Bein – und später sein Leben. Nicht nur dass nun sein Sohn Friedrich, der Walther weitaus mehr gewogen ist als Reinmar, Herzog von Österreich wird, zuvor trifft er auch auf die Jüdin Judith. Diese ist mit ihrem Vater, der Arzt ist, nach Wien gekommen, um dem Herzog zu helfen. Danach trennen sich die Wege der beiden wieder, doch es soll nicht das letzte Mal gewesen sein, dass sie einander begegnen.
Während Walther weiter Erfahrungen sammelt, Lieder schreibt und es ihn nach und nach an verschiedene Höfe treibt – und er somit an Bekanntheit und Einfluss gewinnt –, zieht Judith mit ihrem Vater nach Salerno, um das Handwerk der Medizin, einer Magistra zu erlernen. Auch sie führt es schließlich an andere Höfe. Dass es zwischen den beiden immer reibungslos abläuft, braucht man nicht zu fürchten: Wenn zwei starke Persönlichkeiten aufeinander treffen, endet das selten in Harmonie – zusammen könnten sie aber auch Größeres bewirken.

Vorbemerkung: Definitiv anders als andere Romane, aber deswegen noch lange nicht perfekt.

Meine Meinung:
Tanja Kinkel hält sich nicht groß mit Einleitungen auf – schon im Prolog treffen wir auf Walther, der zum ersten Mal wirkungsvoll merkt, wie stark Worte sein können. Bei einer Rast auf dem Weg nach Wien trifft er – ohne es sogleich zu wissen – auf Richard Löwenherz und ist nicht gerade unschuldig an dessen Festnahme. Auch später verharrt sie nicht lange und treibt die Handlung voran, die andererseits nicht den roten Faden des Buches festmacht. Die Geschehnisse sind genauso oft nur lose mit Walther verbunden oder mit seinem weiblichen Gegenpart Judith. Es sind eben die historischen Ereignisse und um die geht es vordergründlich nicht. Natürlich sind sie keinesfalls nur im Hintergrund, dafür sind sie bei weitem zu einflussreich. Aber die Verknüpfung, die besteht in Walther und Judith, sie sind das Zentrum dieser Geschichte.
Diese Verbindung aus persönlicher Ebene und realen Ereignissen, die hier ein gutes Gleichgewicht gefunden hat, macht das Ganze besonders interessant und das Lesen zu einem Spaß. Trotzdem ist nicht alles Gold, was glänzt, denn manche Dinge sind einfach zu offensichtlich, um Spannung hervorzurufen.
Da hätten wir die große Wende, die später noch einmal stattfinden soll – sie ist absolut vorhersehbar, da die Entscheidungen und Umstände, die dazu führen, viel zu konstruiert sind. Dummheit geht mit Zufall Hand in Hand und es war mir sofort klar, dass das später noch herbe Probleme mit sich bringen sollte – so konnte es mich natürlich nicht überraschen und dem entgegengefiebert habe ich auch nicht. Es war keine Ahnung, sondern Gewissheit und die nagt bekanntlicherweise nicht an einem.
Danach wird es in dieser Hinsicht auch nicht besser, weil sich die Autorin hierbei des Klischeeproblems überhaupt bedient: Die Charaktere reden nicht miteinander. Das ist zum einen zwar sehr menschlich und deswegen hab ich lange überlegt, ob ich es wirklich als negativen Punkt nennen möchte. Andererseits macht dieses Verhalten es ihr leicht, den Konflikt noch ein bisschen länger aufrecht zu erhalten; ich hätte mir da mehr gewünscht. Denn auch hier ist klar: Irgendwann müssen sie reden und das Reden wird helfen.
Spannender wird es zum Glück noch einmal gegen Ende, wobei das Ende selbst nicht ganz zufriedenstellend ist. Zum einen macht es nur deutlich, dass der Fokus eben auf Walther und Judith liegt und auf keinen anderen Ereignissen. Allerdings ließ es mich doch unbefriedigt zurück, als die Spannung noch einmal erhöht wurde, ich mich unweigerlich fragen musste, was denn als nächstes passiere und dann ist das Buch von einem Moment auf den anderen vorbei. Ich hatte fast das Gefühl, in der Luft zu hängen und auch wenn einige Sachen noch im Nachwort aufgezählt wurden, so bleibt das Gefühl, dass das Ende nicht wirklich abschließend war.

Trotzdem kann ich nicht behaupten, dass das Buch langweilig gewesen wäre. Das liegt zum einen an den zwei Hauptcharakteren, bei denen die Chemie einfach stimmt – zumindest solange sie nicht zusammen sind. Es ist schon verrückt: Bei ihren kurzen anfänglichen Begegnungen, hat es sofort geknistert und ich hab mir nichts sehnlicher gewünscht, als dass da mehr daraus wird. Sobald sich das dann aber andeutet, ist die Luft raus
Für sich genommen, sind die Charaktere aber auch nicht ohne, und das gilt diesmal für den kompletten Roman.
Walther vollführt immer wieder die Gratwanderung zwischen sympathisch und unsympathisch. Manchmal befindet er sich mehr auf der einen, manchmal auf der anderen Seite. Mal ist er selbstgefällig, egoistisch und feige, gar ein Lügner, wenn auch nicht immer aus Boshaftigkeit. Aber dann ist er wiederum forsch, später auch wesentlich mutiger, was in Liedern gipfelt, die sogar den Papst offen kritisieren. Walther von der Vogelweide lässt sich von niemandem den Mund verbieten oder die Worte vorgeben – er sagt, was er denkt und ab und zu auch in aller Deutlichkeit. Dieser beständige Wandel macht ihn besonders interessant. Es wirkt nie, als würde sich sein Wesen widersprechen. Er hat einfach wie wir alle zwei Seiten und er weiß meistens, welche der beiden in dieser und jener Situation angebracht ist.
Judith steht ihm da nicht in viel nach – sie ist eine sympathische junge Frau, die sehr modern für ihre Zeit wirkt. Sie weiß aber auch, wann sie sich zurückhalten muss und tut Dinge, für die Idealisten sie vermutlich verteufeln würden. Aber trotz ihrer Modernität ist sie nicht fehl am Platz – sie hatte zugegebenermaßen auch kein leichtes Leben, was auch daran liegt, dass sie eine Jüdin ist. Damit hat sie natürlich kein Problem: aber ein Großteil der christlichen Bevölkerung. In so einer feindlichen Umgebung lernt man entweder wie man überlebt oder man geht, und an Judith ist auch diese Lektion nicht vorbei gegangen.
Andere Charaktere weisen kein wirkliches Profil auf, da sie auch keine so große Rolle spielen. Natürlich sind die wichtig und keine bloßen Namen auf dem Papier, aber Walther und Judith lernt man – wenig überraschend – mehr kennen. Interessant sind die Nebencharaktere trotzdem, sie haben ebenso ihre Ecken und Kanten, die ab und an durchscheinen. Wenn ich einen Liebling darunter benennen müsste, wäre es wohl Gilles, der zwar Christ und kräftig ist, den aber andere Umstände in Gefahr bringen. Auch an ihm wird klar gemacht, wie extrem intolerant die Menschen damals waren – ein Verhalten, das auch heute alles andere als abgeschafft ist, auch wenn die Situation insgesamt besser ist, wie ich behaupten möchte. Heute kann man immerhin – in einigen Gegenden – offen für Gerechtigkeit sprechen und kämpfen.
Um aber noch einmal auf die beiden Protagonisten zurückzukommen: Es knistert von Anfang an zwischen ihnen, so viel hab ich ja schon erwähnt. Auch dass das später ein wenig nachlässt, zumal einiges in ihrer gemeinsamen Entwicklung mir doch ein wenig schleierhaft war. Die Umstände sind einfach zu widrig und eine Aussprache findet beispielsweise erst nach dem gemeinsamen Handeln statt – dabei gäben die Ereignisse Judith in dem Fall Grund genug, Walther zu hassen und nie wieder mit ihm zu reden. Stattdessen wird die Liebesgeschichte vorangetrieben und die Logik muss sich hinten anstellen, was mich beispielsweise später auch nie daran zweifeln ließ, dass das Reden sehr schnell helfen würde. Schade.

Erzählt wird der Roman aus verschiedenen Perspektiven. Den größten Part übernehmen selbstverständlich Walther und Judith, aber auch andere Charaktere springen ab und an mal ein. Bei einigen ist das nur ein einziges Mal der Fall, andere tauchen ein bisschen öfter auf. Unter ihnen sind zum Beispiel Dietrich von Meißen, seine Frau und Tochter des Landgrafen von Thüringen Jutta, die byzantinische Prinzessin Irene, ihre spätere Tochter Beatrix, ein Schreiber, Walthers Lehrmeister Reinmar … sie alle sind unterschiedliche Charaktere, befinden sich an verschiedenen Orten, in verschiedenen Situationen und bringen so neue Blickwinkel mit ein, neue Informationen. Dank ihnen kann ein wenig über den Tellerrand hinaus gesehen werden beziehungsweise erhöht es auch die Spannung, wenn ich also mehr erfuhr als die beiden Hauptcharaktere.
Tanja Kinkel begeht auch nicht den Fehler, allzu nachsichtig mit ihnen oder den Protagonisten zu sein. Teilweise geht das schlichtweg nicht, da es historisch belegte Personen sind, bei denen nun einmal festgeschrieben steht, was mit ihnen geschieht. Aber das gilt nicht für alle und trotzdem bringt sie anhand dieser Figuren näher, dass das Hochmittelalter alles war, nur kein Zuckerschlecken.
Das spricht für sie, was ich nicht direkt von ihren Erklärungskünsten behaupten kann. Dieses Problem zieht sich zum Glück nicht durch den gesamten Roman, sondern tritt hauptsächlich am Anfang und nur ab und an noch einmal zwischendurch auf. Teilweise wurden Konflikte angesprochen, aber nur halbherzig erläutert, sodass ich hinterher da saß und mich fragte, was denn jetzt eigentlich das Problem ist. Andererseits erklärt sie manchmal einzelne Äußerungen so ausführlich – warum es gesagt wurde, wie, wie es verstanden wird, was damit eigentlich gesagt wird, welche Auswirkungen das haben wird und so weiter und so fort –, dass ich manchmal das Gefühl hatte, sie zweifelte direkt an meiner eigenen Denkfähigkeit. Ein bisschen nachdenken kann ich dann schon und alle anderen Leser auch, wenn ich das so behaupten darf. Es wäre schöner gewesen, wenn politische Konflikte, deren Wurzeln noch weiter in der Geschichte zurückliegen, deutlicher erklärt worden wären und man sich bei zwischenmenschlichen Dingen mehr auf sein eigenes Köpfchen hätte verlassen dürfen anstatt alles vorgekaut zu bekommen.
Ansonsten kann ich mich über den Schreibstil absolut nicht beschweren. Auch wenn er nicht herausragend war, war er doch sehr angenehm und keineswegs zu einfach und schlicht gehalten. Immerhin galt es auch, Walther von der Vogelweide eine Stimme zu verleihen und wenn dieser im Buch nicht mit Worten hätte umgehen können, dann wäre das allerdings eine sehr herbe Enttäuschung gewesen. Zu dieser kam es nie und so waren die Seiten schnell weitergeblättert, wenn ich dann endlich wieder Zeit zum Lesen hatte.
Absolut schuldig an diesem Effekt ist aber auch, dass der Roman ein wenig ungewöhnlich ist. Tanja Kinkel bringt so einige Details und Perspektiven mit ein, die das Buch zu etwas Eigenem formen: Walther ist kein Ritter, hier spielen Kämpfe nicht die zentrale Rolle, wie es in anderen Romanen der Fall ist – auch wenn sie trotzdem passieren und wichtig sind für das Geschehen. Judith ist nicht nur eine Jüdin, sondern auch eine Ärztin, eine Frau, die ihren Unterhalt selbst verdient; beides bringt in dieser Zeit große Probleme mit sich. Da wäre auch noch Gilles, der seine Perspektive mit sich bringt und niemand muss fürchten, dass die Ritter und Fürsten auf einmal vollkommen außen vor gelassen werden. Ich würde nicht so weit zu gehen zu sagen, „Das Spiel der Nacht“ wäre einzigartig, aber es ist definitiv mal etwas anderes.

Fazit:
Es gibt einige Argumente für „Das Spiel der Nachtigall“, aber genauso viele, die dagegen sprechen. Es ist interessant, aber nicht immer spannend, weil manche Ereignisse zu konstruiert sind. Die Charaktere für sich sind toll, aber ihre Entwicklung miteinander verläuft nicht immer ganz logisch. Der Text liest sich wirklich schön und schnell, aber die Erklärungen sind an manchen Stellen zu wenig, an anderen zu viel. Es hält sich gewissermaßen eine Balance, sodass ich sagen möchte: Wer Interesse an einem etwas anderen historischen Roman und an einer Liebesgeschichte hat, der darf hier gerne reingucken, sollte aber auch mit kleinen Makeln rechnen.

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3 thoughts on “Rezension | Das Spiel der Nachtigall | Tanja Kinkel

  1. Nur zur o. a. Rezension:
    „Das Heilige römische Reich Deutscher Nation 1192“ ????

    „sacrum imperium romanum“ ist zwar um 1250 bereits erwähnt, „nationis germanicae“ wird erst ab 1486 üblich (Quelle u. a. Prof. J. Lehmann in „Die Staufer – Glanz und Elend eines Deutschen Kaisergeschlechts“ S. 54 ff Kapitel: Das Erbe der Cäsaren: die Kaiseridee; München 1978 )

    • War mir aus dem lang zurückliegendem Geschichtsunterricht nicht mehr so bewusst, weswegen ich den Begriff benutzte, der im Gedächtnis haften blieb. ;) Ist korrigiert und danke! (!!!!!)

  2. Pingback: Monatsstatistik: Dezember 2011 « Muh, das Telefonbuch

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