Rezension | Dustlands: Die Entführung | Moira Young

Dustlands Die Entführung Moira YoungMoira Young:
Dustlands: Die Enführung
OT: Blood Red Road

♣ Jugendbuch, Post-Apokalypse, Abenteuer
♣ Fischer, gebunden mit Schutzumschlag
464 Seiten, Band 1 von 3
16,99€
ISBN 978-3-8414-2142-5

Inhalt:
Irgendwann in der Zukunft: Die Zivilisation, wie wir sie kennen, gibt es längst nicht mehr. Die Welt hat sich verändert, doch wie sie genau aussieht, das weiß Saba anfangs noch gar nicht. Mit ihrem Vater, ihrem Zwillingsbruder Lugh und ihrer kleinen Schwester Emmi lebt sie beinahe vollkommen isoliert von allen anderen Menschen am Silverlake. Einst lebte auch ihre Mutter dort, doch diese starb bei der Geburt von Emmi, wofür Saba ihr die Schuld gibt. Es ist längst kein gutes Leben mehr, weil der Regen ausbleibt und die Familie immer weniger zu essen hat. Trotzdem ist ihr Vater nicht bereit umzuziehen – die Dinge ändern sich aber, als eines Tages Fremde auftauchen und Lugh verschleppen. Saba schwört, ihn zu finden, noch nicht ahnend, wie sehr sie dieses Versprechen in Gefahr bringen wird. Womit sie genauso wenig rechnet, sind die Gefährten, auf die sie nach und nach trifft, besonders nicht mit Jack. Der junge Mann lässt sie alles andere als kalt – und doch kann sie sich nicht sicher sein, ob sie ihm auch trauen kann; mal abgesehen davon, dass sie momentan wirklich andere Sorgen hat. Mit jedem Tag steigt das Risiko, Lugh zu verlieren …

Vorbemerkung: Ja, der Schreibstil ist gewöhnungsbedürftig. Ja, er wird nicht jedem gefallen. Aber: Wenn ihr nicht durchhaltet, seid ihr verdammt noch mal selber schuld! (Euer Verlust, ehrlich jetzt.)

Meine Meinung:
Ich beginne mal mit dem Auffälligsten: Moira Youngs Schreibstil. Ich habe schon von einigen Beschwerden gelesen und ich gebe offen zu, dass ich anfangs auch so meine Probleme damit hatte. Dabei hat uns der Verlag absolut geschont, zum Vergleich möchte ich einfach mal fix eine kleine Stelle zitieren:
In der deutschen Ausgabe vom Fischer-Verlag finden wir auf Seite 18 folgenden Wortlaut:

Ich will, helfen, sagt sie.
Dann halt die Leiter fest, sag ich.
Nein! Ich will richtig helfen! Du lässt mich immer nur die Leister festhalten!
Tja, sag ich, vielleicht bist du ja zu nichts anderem zu gebrauchen. Hast du da schon mal dran gedacht?

Was auffällt, sind folgende Dinge: absolute Fehlanzeige von Anführungszeichen. Die direkte Rede wird gleich in den Text eingearbeitet und höchstens durch ein „sag ich/sagt sie/er/…“, „frag ich“ etc. gekennzeichnet. Bei den Verben fehlt dafür der finale Vokal – wenn es Saba macht, dann heißt es nicht „ich trete“, sondern „ich tret“. Das ist alles ein bisschen ungewöhnlich, aber nichts, woran man sich nicht gewöhnen könnte. So gesehen ist es auch keine ganz überzeugende Übersetzung – auch wenn die Übersetzer hier wirklich einen harten Brocken vor sich hatten! –, denn im Original sieht das Ganze so aus:

I wanna help, she says.

Hold the ladder then, I says.

No! I mean really help! All you ever let me do is hold the ladder!

Well, I says, maybe that’s all yer fit fer. You ever think of that?

Die Leerzeilen hat man dankenswerterweise auch weggelassen, denn die wären wohl wirklich störend gewesen.
Rein grundsätzlich kann man diese Art zu schreiben mögen oder eben auch nicht. Eines lässt sich aber nicht abweisen: Es passt genau zu Saba. Ja, es ist dadurch auch manchmal etwas schwierig, bei der Konversation genau festzustellen, wer nun was sagt – was aber die Ausnahme ist –, aber es erweckt auch den Eindruck, als säße Saba direkt neben uns und würde uns erzählen, was passiert ist. Aufschreiben könnte sie es uns gar nicht, denn sie kann weder lesen noch schreiben, in dieser Welt vermag das kaum noch jemand. Und es ist nun einmal ein Fakt, dass wir in der Regel wesentlich ordentlicher schreiben, weil wir dann auch genauer darüber nachdenken, was wir sagen. Saba ist ein einfacher Mensch und erzählt es uns, nimmt die Worte, wie sie kommen und in dieser Hinsicht kann ich nur sagen: Passt perfekt.

Der einzige wirkliche Nachteil am Schreibstil ist wohl, dass Saba sich nicht groß mit Beschreibungen der Welt um sie herum aufhält. Natürlich gibt die ihre Eindrücke wieder, wenn etwas Neues auftaucht, aber es geht nie so weit, dass ich behaupten könnte, ich hätte nun eine ganz konkrete Vorstellung von ihrer Welt. Dabei ist es eine absolut interessante: kühle Wälder wechseln sich mit Wüsten ab, in denen ganze Siedlungen unter dem Sand begraben liegen und mit jedem Sturm freigelegt oder wieder begraben werden können. Lesen und Schreiben sind eine Seltenheit geworden, für uns selbstverständliche, ja, teilweise bereits alte Gegenstände sind dort nur noch „Abwrackertechnokram“. Stattdessen baut man sich fragwürdige Hütten als Heim, wird von einem zwielichtigen König regiert und hat mit den Auswirkungen der Experimente der Abwracker – unseren Experimenten – zu kämpfen. Das geht dabei ein bisschen unter, wenn auch nicht vollkommen, und abgesehen davon könnte ich höchstens minimale Fragwürdigkeiten im Handlungsverlauf als „Makel“ benennen. Eines wird aber sehr deutlich: Es ist keine freundliche Welt.
Aufgewogen wird das auch wieder durch die wunderbare Tatsache, dass „Dustlands: Die Entführung“ sehr temporeich ist und damit auch unglaublich spannend wird. Ich bin über keine einzige Stelle gestolpert, bei der ich mit ruhigem Gewissen hätte unterbrechen können. Wann immer ich mir Macht der Gewohnheit schwor, dass nach dem Abschnitt Schluss wäre für diesen Moment, so konnte ich doch nicht aufhören und musste schlichtweg weiterlesen. Es war beinahe eine Qual, das Buch abzulegen – etwas, das ich bei den meisten Büchern vermisse.
Die Emotionen kommen bei dieser Schnelligkeit auch nicht zu kurz. Ich habe manchmal weinen müssen, ich habe gelacht, hatte Herzklopfen, war aufgeregt, hab meine Hände durchgeknetet und mehr als nur einmal einen frustrierten oder erfreuten Schrei losgelassen (sehr zum Unmut meines Umfelds).

Für mich ist aber noch etwas ganz anderes eines der besten Dinge des Buches: Saba. Es gibt so, so, so viele Bücher, in denen die Protagonistin als stark beschrieben wird, während sie sich letztlich doch nur von ihrem Prinzen retten lässt. Saba aber ist jemand, der anderen Leuten in den Hintern tritt, und zwar kräftig.
Sie ist zugegebenermaßen kein durchweg sympathischer Charakter. Sie hegt beispielsweise eine Abneigung gegen ihre kleine Schwester, die sie wirklich nicht gut behandelt. Grund dafür ist der Tod der Mutter bei der Geburt, wofür Emmi natürlich nichts kann. Trotzdem gibt Saba ihr auch nach neun Jahren noch die Schuld dafür. Aber sie ist auch bereit, ihre Fehler einzusehen und sich zu entschuldigen. Ihre Reise hilft ihr bei ihrer Entwicklung, sodass sie auf die einen oder andere Sache auch eine neue Sichtweise erlangt.
Ansonsten ist sie zwar nicht gebildet, aber schlau genug, wenn auch mehr im pragmatischen Sinne. Manchmal ist die Gute ein bisschen schwer von Begriff, was sie aber nur umso herzlicher macht. Sie steht fest zu ihren Zielen und wenn sie ein Versprechen gibt, dann tut sie auch alles in ihrer Macht Stehende, um es zu halten. Sie ist eine dieser ehrlichen, menschlichen Kämpferinnen, die ich so unsagbar liebe.
Sie bleibt aber längst nicht der einzige interessante Charakter. Von Lugh bekommen wir natürlich nicht besonders viel mit, dafür aber von Emmi, die ihrer Schwester ähnlicher ist, als Saba vermutlich wahrhaben will. Sie ist ein stures Kind, das eine Kämpfernatur in sich trägt und aus dem sicherlich auch irgendwann eine selbstbewusste Frau wird – auch wenn sie wohl ewig klein bleiben wird für ihr Alter. Jack dagegen … nun, er ist einfach Jack und zwischen ihm und Saba kribbelt es, aber wie! Die beiden haben kaum ein Wort miteinander gewechselt, da flatterten mir schon die Schmetterlinge im Bauch umher. Trotzdem bin ich froh, dass ihre Geschichte nicht voranrast und ganz bestimmt keine 0815-Klischee-Kitsch-Romanze wird. Andere werden eher gestreift, sind aber nichtsdestotrotz interessant, allen voran der geheimnisvolle DeMalo, bei dem ich ungemein gespannt bin, wo die Autorin ihn noch hinführt.

Dies ist eine der Fragen, die am Ende offen bleiben. Genauso bleibt es bei Jack und Saba spannend, und auch Saba selbst scheint einige Fähigkeiten zu haben, die sich bisher nur sehr leicht andeuteten und bei denen ich womöglich zu viel hinein interpretiere. Trotzdem bleibt da die Frage, ob in dieser Richtung noch was kommt und bereits nach wenigen Tagen hatte ich das Gefühl, dass viel zu viel Zeit zwischen den Erscheinungsterminen von Band 1 und Band 2 liegt.
Falls es noch nicht deutlich genug geworden ist: Ich liebe es.

Fazit:
Tolle Protagonistin, wunderbare Nebencharaktere, Spannung im Übermaß und ein ungewöhnlicher Schreibstil, der mir zumindest mit der Zeit richtig gut gefiel. Was kann man sich denn noch mehr wünschen? Nun, eine etwas genauere Beschreibung der Welt, aber dennoch kann ich all denen, die es noch nicht kennen oder sich haben abschrecken lassen, nur eines sagen: Nehmt es (noch einmal) zur Hand, haltet durch und genießt ein verdammt gutes Buch.

Blood Red Road Moira Young Wie es weitergeht:
„Dustlands: Die Entführung“ ist mal wieder der Auftakt zu einer Trilogie. (Einer, die momentan sehr vielversprechend klingt!) Über die Veröffentlichung des zweiten Bandes in deutscher Sprache ist momentan noch nichts bekannt, außer dass er 2013 erscheinen wird.
Wer wie ich aber nicht ganz so lange warten möchte, kann es auch mit der Originalausgabe versuchen, die „Rebel Heart“ heißen wird und definitiv 2012 irgendwann erscheint – über Inhalt und Cover ist aber auch hier noch nichts bekannt.

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12 thoughts on “Rezension | Dustlands: Die Entführung | Moira Young

  1. Schöne Rezi. Meine erscheint heute auch noch dazu. Der zweite Teil soll übrigens wirklich erst 2013 erscheinen, jedenfalls steht es so im Leseexemplar hinten drin.

    LG Vanessa

  2. Ich fand das Buch auch sehr interessant und gut. Der Schreibstil war wirklich ungewöhnlich, aber nach eine paar Seiten fand ich ihn richtig toll. Und Saba ist wirklich eine starke Heldin, ich finde es klasse, dass sie nicht so glatt wie Heldinnen in anderen Büchern ist.

  3. mmh, ich lese auf Japanisch staendig Texte ohne Anfuehrungszeichen oder Komma, darum hat mich das in Blood Red Road wohl gar nicht mehr schockiert XD Ist alles Gewohnheitssache. Frueher kamen die Leute auch ohne Rechtschreibung aus ;)

    Jedenfalls schoen, dass dir das Buch gefallen hat. Ich fand’s auch gut, dass man den ersten Band als in sich abgeschlossen lesen kann.

    • Dann dürfte das zumindest wirklich nicht stören. xD Ich kannte bisher nur Texte mit Anführungszeichen – mit Ausnahme des einen französischen Buches, das ich mal gelesen hab.
      Jaaaaa, früher. ;)

      Stimmt! Wobei ich ja trotzdem sehr hibbelig bin, was dann wohl in Band 2 kommt. Der Titel verspricht erst einmal nur Gutes. :D (Mal abgesehen davin, dass zwei Wörter rein grundsätzlich nicht so wahnsinnig viel versprechen können.)

  4. Pingback: Monatsstatistik: Dezember 2011 « Muh, das Telefonbuch

  5. ich liiiiiiieebeeee dieses buch auch. Über alles gerade der Schreibstil der Autorin hat mir sehr gut gefallen, denn ich mag so unendlich lange Landschaftsbeschreibungen nicht. Man hat doch auch Fantasy, da kann man sich die Umgebung doch selbst ausdenken. Außerdem liebe ich alle Personen im Buch und finde es auch sehr gut, dass Saba nicht wieder so einen perfekten Charakter hat, sondern auch manchmal nicht so sympatisch ist, wie gegenüber ihrer Schwester.

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