Rezension | The Remains of the Day | Kazuo Ishiguro

The Remains of the Day Kazuo IshiguroKazuo Ishiguro:
The Remains of the Day

♣ Belletristik, 20. Jahrhundert, Erinnerungen, Geheimnisse und Lügen
♣ faber and faber, Taschenbuch
272 Seiten
£7.99
ISBN 978-0-571-27558-8

Inhalt:
England, Juli 1956: Seit Jahrzehnten dient James Stevens als Butler in Darlington Hall. Sein momentaner Arbeitgeber ist der reiche Amerikaner Mr. Farraday, der nun für einige Wochen fort sein wird. Da er keineswegs verlangt, dass seine Angestellten in dieser Zeit im Haus eingesperrt bleiben, schlägt er Stevens vor, sein Auto zu nehmen und sich ein paar Tage frei zu nehmen. Zunächst nimmt Stevens diesen Vorschlag nicht sehr ernst, doch letztendlich entschließt er sich doch dazu – auf seinem Weg will er Miss Kenton, einer ehemaligen Angestellten, die vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges heiratete und wegzog, einen Besuch abstatten. Er erhielt erst vor kurzem einen Brief von ihr, in dem er den Wunsch zurückzukehren rauszulesen meinte, und da er in Darlington Hall eine kompetente Hand mehr gut gebrauchen kann, setzt er diesen Plan auch in die Wirklichkeit um.
Doch diese Reise dauert ihre Zeit und Stevens beginnt, sich zu erinnern und über sein Leben nachzudenken – die Zeit vor dem zweiten Weltkrieg bei Lord Darlington, dem heute nur noch Böses nachgesagt wird, seine Arbeit zusammen mit Miss Kenton und all die Ereignisse, die ihn damals prüften. Nach und nach bildet sich ein Bild der Dinge, die damals geschehen sind – und hätten geschehen können, hätte Stevens seine Chancen ergriffen.

Vorbemerkung: Eigentlich Bemerkung nebenbei: „batman“ bezeichnet abgesehen vom Comichelden auch einen Offiziersburschen. Wieder was gelernt!

Meine Meinung:
Ich würde es vorziehen, zunächst wieder vor dem Schreibstil zu warnen – nicht dass er schlecht wäre, im Gegenteil! Man sollte nur bereit sein, sich auf etwas anderes einlassen zu können. Nein, im Grunde ist der Schreibstil auch gar nicht so anders, nur extrem „posh“, wie meine amerikanische Kommilitonin so passend bemerkte. Stevens dient im Haus eines Lords und das hört man auch sehr deutlich. Er scheint ein unerschöpfliches Kontingent an „indeeds“, umständlichen Formulierungen und einer gewissen Steifheit zu bieten, dass es glatt schon wieder liebenswert wirkt.
Am Anfang strengt es zwar noch an, aber das legt sich, sobald man sich daran gewöhnt hat und mit der Zeit entwickelt es auch einen gewissen Reiz – diese Ausdrucksweise ist gewissermaßen das, was auch Stevens repräsentiert. Man muss ihn nicht mögen – ich mochte ihn –, aber seine Angemessenheit kann ihm nicht abgestritten werden.

Ähnlich dem Schreibstil ist auch die Erzählweise: ein wenig steif und umständlich. Ständig kommt der Erzähler vom eigentlichen Thema ab, wodurch wir aber all diese Informationen über die Vergangenheit erhalten. Es läuft eigentlich immer nach einem ähnlichen Schema ab: Stevens hat etwas erlebt und dies lenkt ihn auf mehr oder weniger direktem Wege zu einer Erinnerung von damals. Danach kehren wir entweder ins Hier und Jetzt zurück, wenn auch manchmal nur sehr kurz, oder es geht gleich weiter zur nächsten Erinnerung. So gesehen verliert er ständig den Faden, auch wenn das größere Bild später in sich logisch ist.
Daran kann man sich gewöhnen, muss man aber nicht. Wer solche ständigen Sprünge nicht mag, wird auch mit diesem Buch keine Freude haben. Ich für meinen Teil war mit jeder Erinnerung immer interessierter, da ich mit jeder neuen Information zum einen besser Bescheid wusste und zum anderen dann erst recht wissen wollte, was damals alles passiert ist.
Wer vollständige Aufklärungen liebt, sollte übrigens auch lieber Abstand vom Buch nehmen – manche Erzählstränge bleiben zum Teil im Dunkeln. Zwar deutet der Autor relativ deutlich in einige Richtungen und das meiste kann man sich denken, aber die Details fehlen dennoch.

Was mich an dem Buch aber wirklich verrückt gemacht hat – und das meine ich durchaus im positiven Sinne – war Stevens, bei dem ich mir nie sicher sein konnte, woran ich bin. Auch bei den anderen Charakteren kann ich nicht behaupten, dass sie mir sonderlich ans Herz gewachsen wären. Nehmen wir Lord Darlington, der anfangs auch durch Stevens‘ wohlwollende Worte eher sympathisch wirkt, mit späteren Handlungen dieses Urteil aber ins Gegenteil verkehrt, auch wenn Stevens immer wieder beteuert, er sei ein guter Mann. Oder Miss Kenton, die bisweilen extrem kindisch auftritt, aber dann auch wieder sympathisch ist, einfach weil ihre Reaktionen – so überzogen sie bisweilen sind – irgendwo verständlich bleiben. Andere wichtige Charaktere gibt es ehrlich gesagt auch nicht.
Stevens … nun, einerseits wirkt er richtig süß mit seinem gestelzten Ausdruck und seinen kleinen Eigenheiten, so zum Beispiel seine Versuche, sich Humor und Schlagfertigkeit beizubringen, weil er das Gefühl hat, dass Mr. Farraday dies von ihm erwarte. Er möchte ganz der perfekte Butler sein und seine Aufgaben so gut es ihm möglich ist erledigen – Loyalität und Würde stehen bei ihm an oberster Stelle. Aber sehr oft scheint er das auch mit Ignoranz zu verwechseln oder zumindest ist das mein Eindruck nach dem Lesen. Es gab so viele Situationen, in denen ich ihn am liebsten geschüttelt hätte, um wenigstens ein paar Emotionen ans Tageslicht zu bringen, aber da war immer nur Professionalität.
Das ist es aber noch immer nicht, was mich vor allem anderen weiterlesen ließ. Das nämlich wäre die Tatsache, dass ich seinen Erzählungen nie wirklich über den Weg trauen konnte. Anfangs war das noch kein Problem, doch spätestens bei der dritten Wiederholung einer Aussage – zum Beispiel dass die Gerüchte über Lord Darlington schlichtweg falsch sind – musste ich mich fragen, was wohl geschehen ist, damit er es sich so vehement einreden muss. Denn als nichts anderes erscheint es mir – ob es da um Miss Kentons Wunsch der Rückkehr oder Lord Darlingtons Unschuld geht. Bisweilen wird es ja sehr klar, dass er sich nicht ganz die Wahrheit einzuprägen versucht, da es eben Ereignisse gab, die eine ganz andere Sprache sprechen.
Auch Wendungen, die den Eindruck erwecken, er würde genau das Gegenteil von dem empfinden, was er sagt, nährten dieses Misstrauen. Und wenn er eine Erklärung liefert und meint, es würde immer sinnvoller klingen, je länger er darüber nachdenke und noch hinterher schiebt, dass es die Wahrheit wäre, dann weiß ich wirklich nicht, was ich davon halten soll. Warum muss er denn so über die Sinnhaftigkeit nachdenken, wenn es ohnehin die Wahrheit ist?
Ob ich nun mit meinen Zweifeln und Vermutungen richtig liege, weiß vermutlich allein der Autor. Nichtsdestotrotz macht es den Reiz des Buches aus und auch wenn ich nie auf die Ebene kam, dass mir die Charaktere wirklich etwas bedeuteten – interessiert war ich allemal und letzten Endes kann ich das Buch nur als lesenswert ansehen.

Fazit:
„The Remains oft he Day“ ist anders und ganz gewiss keine Lektüre für entspannte Stunden. Trotzdem ist es gewissermaßen ein Genuss, nach dem man auch über das eigene Leben nachdenken könnte – Kazuo Ishiguro zeigt sehr deutlich, dass man durch vertane Chancen keineswegs ein schlechtes Leben führen muss, dass die Frage, wie es wohl gewesen wäre, aber früher oder später ihren Weg zurückfindet. Und bleibt.

Advertisements

3 thoughts on “Rezension | The Remains of the Day | Kazuo Ishiguro

  1. Ganz wunderbares Buch. Sehenswert ist auch der Film mit Anthony Hopkins und Emma Thompson (der übrigens auch einen ganz wunderbaren Soundtrack hat).

    • Auf jeden Fall ein sehr interessantes Buch!
      Den Film sehe ich gerde stückchenweise … obwohl mir dort momentan noch das gewisse Etwas vom Buch fehlt. :)

  2. Pingback: Januar 2012 « Muh, das Telefonbuch

Und ihr so?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s