Rezension | Wir beide, irgendwann | Jay Asher & Carolyn Mackler

Jay Asher & Carolyn Mackler:
Wir beide, irgendwann (engl. The Future of Us)

Jugendbuch
cbt, Hardcover mit Schutzumschlag, 394 Seiten, 17,99€
ISBN 978-3-570-16151-7
erscheint am 27.08.2012

Vielen Dank für das Rezensionsexemplar an cbt.

Es ist das Jahr 1996: Computer sind noch nicht allzu weit verbreitet und wie das mit dem Internet nun so genau funktioniert, ist auch nicht jedermann klar. Die 16-jährige Emma gehört zu denjenigen, die sowohl einen Computer als auch Internet besitzen, doch irgendwas läuft schief bei ihr. Sie stößt auf die Seite Facebook, die es, was sie nicht wissen kann, eigentlich noch gar nicht geben dürfte. Dort findet sie ihr eigenes Profil, nur dass sie dort 15 Jahre älter ist. Zusammen mit ihrem besten Freund Josh erkundet sie die Seite und ist von ihrer Zukunft wenig begeistert. Ohne Rücksicht auf Verluste – und die Warnungen von Josh –setzt sie alles daran, sich eine bessere Zukunft zu sichern, vergisst daraufhin aber nicht nur das Leben der anderen, sondern auch ihre unmittelbare Gegenwart, die noch so viel mehr zu bieten hat.

„Wir beide, irgendwann“ liegt eine ziemlich coole Idee zugrunde. Man musste zwar ein bisschen Fantasy (oder Science Fiction, je nachdem wie man Zeitreisen sieht) hinzufügen, um sie möglich zu machen, aber das ist letztlich nichts Dramatisches.
Wie reagiert man, wenn man mit der eigenen Zukunft konfrontiert wird? Vor allem wenn einem diese Zukunft nicht gefällt? Das ist die große Frage, mit der sich Emma und Josh auseinandersetzen müssen, was beide auch auf unterschiedliche Art und Weise tun. Während Joshs Zukunft eigentlich sehr gut aussieht, ist das, was Emma von ihrer sieht, weniger berauschend. Entsprechend unterschiedlich fallen ihre Reaktionen aus.

Aber nicht nur in dieser Hinsicht sind beide Charaktere sehr verschieden. Josh ist der eher schüchterne Junge von nebenan mit einer Vorliebe fürs Skateboardfahren und einem Talent fürs Zeichnen. Er ist verantwortungsbewusst und umsichtig, auch wenn natürlich auch er Fehler macht. Vor diesen verschließt er aber nicht die Augen und für eine Entschuldigung ist er sich sicherlich nicht zu fein. Er ist außerdem in Emma verliebt, was diese auch weiß und weswegen er erst einmal auf Abstand ging.
Emma dagegen ist zwar nicht die Zicke schlechthin, aber sehr auf sich selbst fixiert. Es geht ihr um ihre Zukunft, ihr Wohlergehen, ihre Ziele. Und wenn sie dazu jemandes Gefühle verletzen muss, dann ist das eben so. Zwar tut es ihr auch ein wenig leid, aber sobald ihr Gegenüber dann auch ein wenig aufbrausend reagiert – was nur logisch ist –, tut sie sich vor allem selber leid. Sie Arme, sie wurde verletzt, es tut ihr ja leid, aber sie ist die gute Freundin und andere nicht. Da nicht an die Decke zu gehen, ist bisweilen ein wenig anstrengend.
Positiv hervorzuheben ist jedoch, dass sie sich ändern. Beide lernen dazu, auch wenn Josh schneller auf dem richtigen Weg ist als Emma. Wiederum nicht so positiv ist die Tatsache, dass Emma nur hinsichtlich ihrer Zukunft dazu lernt. Die Reflektion ihres Verhaltens anderen gegenüber fiel für mich persönlich ein wenig knapp aus. Ich habe nicht das Gefühl, dass sie wirklich begriffen hat, wie egoistisch sie sich teilweise benahm.

Letztlich verstehen aber beide etwas Wichtiges, das auch das Buch vermitteln möchte: Die Zukunft mag wichtig sein, aber sie ist nicht alles. Es gibt eine Gegenwart, mit der man sich auch beschäftigen muss, ohne jede einzelne Handlung auf die Zukunft auszurichten und im Hier und Jetzt gar nichts mehr genießen zu können. Man kann ohnehin nie bestimmen, wohin die Dinge führen, genauso wenig wie man vorhersehen kann, was das Leben für einen in petto hat. Überraschungen wird es immer geben und manche von ihnen führen uns auf einen anderen Weg – aber das ist ganz bestimmt nicht immer etwas Schlimmes, wenn man sich damit auseinander setzt.
Zu dieser Erkenntnis kommen sie Schritt für Schritt; Josh auf seine ruhige, angenehme Art und Weise, bei Emma ist ein wenig Durchhaltevermögen gefragt. Abgesehen davon leben sie ihren Alltag der späten 90er, der – wie das bei Jugendlichen eben so ist – manchmal von kleinen und größeren Krisen geprägt ist, aber auch viel Spaß macht. Abgesehen davon ist das Buch vor allem für die Leute unterhaltsam, die in der Zeit bereits gelebt haben und sich wenigstens ein bisschen daran (oder die Jahre danach) erinnern. Zumindest bei mir hat vor allem AOL einige Erinnerungen wieder hervorgekramt, wogegen ich absolut nichts einzuwenden habe.
Aber auch ansonsten verspricht diese Zeit einiges an Spaß, wenn die Protagonisten sich beispielsweise fragen müssen, warum man in der Zukunft um Pluto trauert. Was wohl mit ihm geschehen ist?

Allerdings würde ich das Buch trotz allem jüngeren Lesern, die sich eher im Alter der Protagonisten befinden, empfehlen. Denn abgesehen davon, dass es eine Zeit vor Augen führt, in der das Leben für die meisten noch ohne Internet funktionierte, hat mir persönlich etwas besonders gefehlt: „Wir beide, irgendwann“ konnte bei mir keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Was das Buch mir beibringen konnte, wusste ich auch vorher schon und so blieb eine recht unterhaltsame Geschichte, die für mich schöner gewesen wäre, hätte Emma sich nicht so vollkommen daneben benommen.

Der zweite Punkt, der mich sehr enttäuscht hat, ist die Übersetzung. Ich habe das Buch nie auf Englisch gelesen, im Original soll es jedoch besser sein. Zwar lässt sich das Buch trotzdem noch recht schnell lesen, aber das ändert nichts an der Steifheit, die dem Text innewohnt. Ich hatte einen lockeren Schreibstil erwähnt, ganz passend zum Buch und seinen Charakteren und vielleicht hätte ich den auch bekommen, hätte ich zur englischen Ausgabe gegriffen. Auf Deutsch kann man darauf aber lange warten, was ärgerlich ist und stört.

„Wir beide, irgendwann“ bietet eine schöne Geschichte, die allerdings nicht hängen bleibt. Auch wenn es immerhin einen Protagonisten gibt, mit dem man sich identifizieren kann und sich das Buch im Grunde leicht lesen lässt, stören sowohl die beinahe unerträgliche Protagonistin als auch die steife Übersetzung. Schade drum, aber es reicht für einen Lesenachmittag.

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2 thoughts on “Rezension | Wir beide, irgendwann | Jay Asher & Carolyn Mackler

  1. Pingback: Juni 2012 « Muh, das Telefonbuch

  2. Das sind harte Worte! Ich kann nicht beurteilen, ob das Buch im Original besser ist, aber so war es doch auch recht amüsant und zeigt jungen Leuten auf, dass sie ihre Zukunft gefälligst selbst in die Hand nehmen sollen.

Und ihr so?

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