Rezension | Dearly, Departed | Lia Habel


Reihe: Dearly #1
Genre: YA, Dystopie, Steampunk, Zombies
Verlag: Ballantine Books
ISBN: 978-0-345-52331-0
Preis: $16.99
Erscheinungsdatum: Oktober 2011
Format: Hardcover

Nora Dearly lebt Ende des 22. Jahrhunderts in Amerika – auch wenn davon nicht mehr allzu viel übrig ist. Anderthalb Jahrhunderte zuvor wurde die Welt endgültig von einer Katastrophe nach der anderen geplagt und die wenigen Überlebenden konnten nur mit Mühe einen neuen Fleck für sich finden. In verklärter Erinnerung an viktorianische Zeiten, orientierte man sich an den Werten und Systemen dieser Zeit, das Ergebnis war die Gesellschaft der „Neuen Viktorianer“. Diejenigen, die damit nicht einverstanden waren, wurden in den Süden verdrängt, nun als „Punks“ bekannt. Nach etlichen Kriegen ist zwar noch kein Frieden in Sicht, doch die jetzigen Kämpfe finden nur noch zwischen der viktorianischen Armee und Extremisten statt.
In dieser Welt lebt Nora trotz relativen Wohlstands kein einfaches Leben. Da beide Elternteile mittlerweile verstorben sind, wohnt sie zusammen mit ihrer Tante, deren oberstes Ziel der soziale Aufstieg ist. Immer frustrierter mit ihrem Schicksal, sucht sie nach Wegen, ihre Situation zu ändern, doch nie hätte sie erahnt, worauf es letzten Endes hinauslaufen würde: Mitten in der Nacht wird Nora von grauenvollen, halb-verwesten Gestalten angegriffen und von anderen zwar beschützt, dafür aber entführt. Seit Jahren schon verheimlicht die Regierung den Umstand, dass es eine neue Krankheit gibt, die Wesen direkt aus einem Horrorfilm erschafft: Zombies. Zu diesen gehört auch Captain Abraham Griswold, der zwar tot, deswegen aber noch lange kein Monster ist. Nach und nach muss Nora feststellen, dass ihre Vorurteile keineswegs der Wahrheit entsprechen. Doch noch mehr Überraschungen warten auf sie: Längst verloren geglaubte Menschen könnten in ihr Leben zurückkehren – vorausgesetzt, die Zombies, die nun ihre Heimat terrorisieren, infizieren nicht die ganze Stadt.

Zombies in einem romantischen Jugendbuch? Das klingt schon reichlich verrückt, aber wie sieht’s dann bei „Zombies als Objekt der Begierde in einem dystopischen, romantischen Steampunk-Jugendbuch“ aus? Mal abgesehen davon, dass sich da einige Dinge durchaus widersprechen … aber ob man’s glaubt oder nicht, das Konzept funktioniert.
Lia Habels Roman spielt in der Zukunft, aber da wir Menschen nun mal vollkommen bekloppt sind, hat man sich ausgerechnet auf das viktorianische Zeitalter berufen und die Systeme von damals wieder eingeführt. Letztlich war man sich doch zu fein, auf solche Dinge wie moderne Toiletten und Handys zu verzichten und hat mit Projektionen, die den Leuten Bäume in der Landschaft und schöne Fassaden an den Gebäuden vorgaukeln sollen, dem Ganzen die Krone aufgesetzt. Das Schlimmste ist: Nach all den Katastrophen kann ich mir gut vorstellen, dass die Leute vor dem Offensichtlichen die Augen verschließen, sich einen solchen Scheiß ausdenken und somit selbst in Zeiten zurückkatapultieren, die sich zwar nicht komplett von unserer Gegenwart unterscheiden, aber in noch vielen Dingen mehr sehr, sehr ungerecht sind. So mal wieder in der Annahme bestätigt, dass Menschen oftmals ziemlich dumm sind, ging’s weiter im Text – während junge Damen in Pferdekutschen mit ihren Handys spielen, erfahren wir, dass es auch so was wie eine Opposition gibt, die allerdings aus dem Land gejagt wurde und nach und nach wird klar, dass mit den Zombies auch noch das Horrorgenre begrüßt werden kann.
Was hier so kunterbunt und wild durcheinander klingt, ist zumindest auch kunterbunt. Kombiniert mit einer teils altmodisch anmutenden und dann wieder sehr modernen Sprache, fügt sich aber alles zu einem stimmigen Ganzen zusammen, von dem ich sehr gern gelesen habe. Was nicht heißt, dass ich gern dort leben würde.

Die Zombies hier entsprechen nur zum Teil dem klassischen Bild. Zwar sind auch sie einem beschleunigten Zersetzungsprozess ausgesetzt, aber sie sind keineswegs alle wilde Monster, die durch die Gegen ziehen und jedem Menschen, dem sie begegnen, das Gehirn aus dem Schädel löffeln. Je nachdem, wie lange es dauert, bis sie nach ihrem eigentlichen Tod wieder aufwachen, behalten sie ihren Verstand bei oder eben auch nicht – die, die innerhalb von Sekunden erwachen, sind auch die, die medizinische Hilfe bekommen. Damit wird dafür gesorgt, dass sie so gut wie möglich erhalten bleiben; notfalls werden sie wieder zusammengeflickt. So kommt es, dass Bram noch relativ fit ist, von einem leichten Humpeln und den milchig überzogenen Augen mal abgesehen. Leichengeruch? Nix da, diese Zombies sind sauberer als ein Mensch jemals sein kann!
Von daher hatte ich auch absolut kein Problem mit der Liebesgeschichte des Buches, die sich zwischen Nora und Bram entwickelt. Bram ist auch nicht ekeliger als ein Vampir, der einem im falschen Moment auch mal an die Kehle gehen würde – seine Zombieinstinkte sind ziemlich harmlos dagegen. Stattdessen beschert uns all das ein recht dramatisches Szenario, bei dem von Anfang an klar ist, dass eine Beziehung nicht lange währen kann: Irgendwann wird Bram seiner Krankheit nachgeben müssen. Doch anstatt das Ganze mit nervigem „Wir können aus diesem und jenem Grund nicht zusammen sein“-Gerede ins Lächerliche zu ziehen, wie es leider viel zu oft der Fall ist, wollen beide das Risiko wagen und genießen, was sie genießen können, solange es noch geht.
Dennoch wird dabei nichts überhastet, stattdessen können wir die Entwicklung in aller Ruhe mitverfolgen. Es ist eine erfrischende Herangehensweise mit ungewöhnlichen Protagonisten – ich weiß nicht, was da dagegen sprechen soll.

Die eigentliche Geschichte geht auch recht langsam voran, was wiederum nicht allzu positiv ist. Natürlich funktionieren auch langsame Geschichten, aber ich war seit jeher jemand, der eine schnellere Handlung bevorzugt. Trotzdem kann ein Buch mich noch überzeugen und das ist auch hier der Fall.
Zunächst kriecht die Handlung geradezu voran, doch mit jedem Kapitel steigt die Spannung, die Fragezeichen im Kopf werden größer, die Furchen in der gerunzelten Stirn tiefer. Am Ende geht’s dann rund, die Handlung kommt endlich so richtig in Fahrt.
Allerdings ist es nicht das allein, was dafür gesorgt hat, dass es nur einen halben Punkt Abzug gibt. Das darf ruhig der wunderwunderwunderbare Humor dieses Buches auf seine Kappe nehmen. Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen, wie oft ich beinahe vor Lachen vom Stuhl gekippt wäre und ich mich gar nicht mehr einkriegen konnte. Das liegt natürlich alles an den Charakteren, aus deren Sicht abwechselnd erzählt wird, und ihrer Konstellation. Da wären eher ruhigere Personen wie Pamela, Noras beste Freundin, die selten richtig aus sich herauskommt, dann aber richtig. Bei Leuten wie Noras Vater oder einem Captain des Militärs gibt es selbstverständlich weniger zu lachen, aber wozu gibt es mein persönliches Zombie-Dreamteam? Je nach Kapitel erleben wir aus Brams und Noras Sichtweise das Miteinander des herrlichen, lustigen und herzzerreißenden Zombieteams an Brams Seite, bei dem jeder seine eigene Persönlichkeit, seine eigenen Probleme, seinen eigenen Kopf hat. Sie alle – auch ihre menschlichen Freunde – haben Schlimmes erlebt und doch machen sie jetzt für sich und andere das Beste daraus, riskieren immer wieder ihr Nicht-Leben. Es ist eine wunderbar verrückte Truppe, die ich sofort in mein Herz geschlossen habe.
Nora mit ihrer Unangepasstheit ging es da genauso, auch wenn sie die Information, dass es Zombies gibt, zunächst gar nicht gut aufnimmt. Aber sie hat schon länger die Nase von all den gesellschaftlichen Regeln voll und war schon immer ein kleiner Rebell, weswegen Rüschenröcke und Schleifchen im Haar sich bei ihr bestens mit der Fähigkeit, mit Waffen umzugehen, vertragen. Sie ist keine Alleskönnerin, aber definitiv eine sympathische Allesversucherin.
Sie alle zusammen haben dafür gesorgt, dass gar keine Langeweile aufkommen konnte – und ich habe das Buch umso mehr genossen.

Fassen wir das mal zusammen: Zombies in einem dürftig renovierten viktorianischen Zeitalter in der Zukunft, mit zugegeben langsamer Handlung, dafür einem deftigen, manchmal ein bisschen morbiden Humor, ausgehend von zig verschiedenen, dafür umso liebenswerteren Charakteren, die die Zeit bis zum wirklich guten Showdown bestens überbrücken. Wie kann ich dieses Buch nicht lieben?


Die Reihe in den USA:

Die Reihe in der UK:

Die Reihe in Deutschland:

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7 thoughts on “Rezension | Dearly, Departed | Lia Habel

  1. Wenn das schöne PB raus kommt, wird das Buch auf jeden Fall gekauft!

    Das UK Cover vom zweiten Teil hab ich ja noch gar nicht gesehen gehabt. Also die UK Cover allgemein für die Reihe… eigentlich passend. Da läuft es einem schon beim angucken eiskalt den rücken runter und man hat noch gar nix über die Zombies gelesen :P

    • Hehe. Ist aber auch erst seit zwei Wochen raus, von daher … ab zum nächsten Bestelltbutton!

      Ich hätt’s vermutlich gleich dazuschreiben sollen: Das bei der UK waren erst zwei Cover zum ersten Band – war mir nicht sicher, welcher Stil jetzt fortgesetzt wird (oder beide); hab jetzt aber endlich das cover vom 2. Teil gefunden (vorausgesetzt es ist es – beim Verlag steht noch gar nix) und ergänzt. Sonderlich prickelnd sieht das aber auch nicht aus. xD
      Nee, die UK hatte da echt kein Händchen für die Bücher … zumindest nicht im „Ich spreche den Leser an und sorge dafür, dass sie das Buch zur Hand nehmen“-Sinne. xD

      • aso!^^
        Hab aber auch mal wieder nicht richtig hingeguckt und mich schon gewundert, wieso die vers. Fonts haben^^
        Immerhin haben sie sich ein klein wenig gesteigert, das erste war ja echt zum fürchten.

      • Ich mag vor allem die Schrift. *lach* Aber das war’s dann irgendwie auch schon. Auch wenn’s natürlich schön ist, dass auch Bram zu sehen ist und nicht nur Nora. Das wirkt irgendwie immer so, als wäre sie die einzige/wichtigste Erzählerin des Buches.

  2. Pingback: August 2012 « Muh, das Telefonbuch

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