Rezension | Grischa: Goldene Flammen | Leigh Bardugo


Originaltitel: Shadow and Bone
Reihe: Grischa #1
Genre: YA, („Light“) Fantasy
Verlag: Carlsen
ISBN: 978-3-551-58285-0
Preis: 17,90€
Erscheinungsdatum: September 2012
Format: Hardcover

Alina und Maljen wuchsen zusammen in einem Waisenhaus auf, nun sind sie gemeinsam in der Ersten Armee des Zaren: sie als Kartografin, er als Fährtenleser. Bei der Überquerung der Ödsee, einem Meer aus Schatten, das das Land teilt und in dem grausige Wesen leben, die Jagd auf Menschen machen, passiert aber etwas Unerwartetes. Bei einem Angriff der Volkra gelingt es Alina, sie alle zu vertreiben – mit Licht, das aus ihrem Körper strömt. Diese Fähigkeit besitzt normalerweise nur eine Sonnenkriegerin, eine der Grischa, die sich auf Magie verstehen. Doch Alina wurde schon vor Jahren getestet, und sie wurde nicht als Grischa identifiziert. Sie kann das gar nicht getan haben!
Trotzdem ist der Dunkle, der Führer der Grischa, davon überzeugt, dass sie die Hoffnung ist, die er sich seit Jahren herbeisehnt. Ohne viel Federlesens wird sie fortgebracht, um in einem der Paläste des Zaren ausgebildet zu werden. Doch von selbst kann sie nicht auf ihre Kräfte zugreifen und auch in allen anderen Übungen versagt sie. Kann sie wirklich die Hoffnung des Volkes sein?

Das Cover des Buches ist wunderschön, aber das war’s dann auch schon fast wieder. Von allen Seiten hörte ich eigentlich immer nur Positives über das Buch beziehungsweise wesentlich mehr als Negatives. So kam es, wie es kommen musste: Zum ersten Mal seit langem gab ich wieder Geld für ein deutsches Hardcover aus, was bei mir mittlerweile selten genug passiert. Dass es dann gleich so ein Fehlgriff wird, ist dabei besonders ärgerlich.

Eigentlich fängt das Buch sehr interessant an. Der Prolog ist wahnsinnig gut, einer der schönsten, die ich lange gelesen habe und wäre das ganze Buch in diesem Stil gehalten, hätte ich es allein dafür gepriesen. Danach wechselt die Autorin aber vom Erzähler in der dritten Person zur Ich-Perspektive und der kleine Zauber ist schon mal verflogen.
Trotzdem geht es nicht schlecht weiter. Ich mochte Alina im ersten Augenblick gut leiden. Sie hat eine große Klappe, die sie manchmal geschlossen halten sollte, aber dass sie es nicht tut, macht sie nur umso liebenswerter. Sie ist ein junges Mädchen mit seinen Sorgen und Ängsten: Sie ist in ihren besten Freund verliebt, der aber nur Augen für andere, hübschere Mädchen hat und auch als Kartografin ist sie zwar gut, aber mehr auch nicht. Vor der Ödsee hat sie berechtigterweise große Angst, auch wenn sie selbst wahrscheinlich noch nicht einmal ahnt, wie sehr sie sich darum sorgen sollte. Leider war mir als Leser auch nicht bewusst, wie viel Angst ich davor gehabt haben sollte.

Denn danach verpufft all das Potential geradezu. Es fing schon damit an, dass die zuvor sympathische Alina mit jeder Seite mehr wie ein extrem junges, unbeholfenes Mädchen klingt, das in seinem Leben noch nichts durchstehen musste – was nicht der Wahrheit entspricht. Ich habe auch nicht die leiseste Ahnung, wie alt sie eigentlich ist. Erst 16? Vielleicht schon 18? In beiden Fällen klingt sie wesentlich jünger, was es schwer für mich gemacht hat, mich bei ihr einzufühlen. Wenn eine 12-Jährige wie eine solche klingt, ist das eine Sache. Wenn aber jemand, den ich als älter erwartet habe, wesentlich jünger wirkt, dann irritiert das.
Es resultierte darin, dass ich mich immer weniger um sie sorgte, genauso wie mir die anderen Charaktere herzlich egal waren. In manchen Fällen ist da ein Ansatz von Tiefe, aber mehr nie und meist kommen sie gar nicht oft oder lange genug vor, um zu ihnen eine wirkliche Bindung aufzubauen und sich um sie zu sorgen – oder über ihre Handlungen schockiert zu sein, das kommt ganz darauf an.

Handlungstechnisch hat das Buch fast gar nichts zu bieten. Den Großteil des Buches über verbringt Alina in der Ausbildung, die zwar zunächst recht interessant ist, was sich später aber auch ändert. Es besteht kein Ultimatum, nichts das irgendwie zur Eile drängen oder Spannung erzeugen würde. Die Ödsee existiert seit Generationen, was machen da ein paar Monate mehr? Soll die Spannung dadurch erreicht werden, dass unklar ist, ob Alina an ihre Kräfte gelangt? So unklar ist das nicht, genauso wie der restliche Verlauf der Handlung.
Nach der absolut unvorhersehbaren Wendung in der Geschichte (Achtung, Ironie) ändert sich das ein bisschen, viel nützt es aber nicht. Die Hoffnungslosigkeit, die sich zwischendurch breit gemacht hat, hat mir sehr gut gefallen, aber letztlich verläuft alles genau so, wie es das Klischee verlangt.

Bis dahin war es eine beinahe akzeptable Geschichte, aber da gibt es noch ein kleines Detail, das mehr als ärgerlich ist. Der Fokus der Autorin auf Schönheit hing mir irgendwann zum Hals raus. Alle sind schön, schöner, am schönsten, Alinas ständige Tiraden über ihr ach so hässliches Aussehen waren irgendwann nur noch ermüdend. Wer nicht schön ist, ist nicht besonders und wer nicht besonders ist, ist auch nicht schön – statt zu zeigen, dass auch „hässliche“ Mädchen Großes vollbringen zu können und dass das Aussehen eigentlich kein wichtiger Faktor ist, muss Alina auch schön werden, und damit meine ich nicht die Make-Up-Sessions zu Beginn.
Zwar gibt es Momente, in denen diese Schönheit keine allzu wichtige Rolle spielt und die Erklärung für Alinas Aussehen ist, in dieser Welt, schlüssig, aber am Ende überrascht es trotzdem, dass man sich ausgerechnet nach dem hässlichen Mädchen sehnt und auch sonst nimmt dieses Thema eine viel zu große Rolle ein, die es so darstellt, als wäre ein bedeutungsvolles Leben ohne sie nicht möglich. Vielleicht kommt die Kritik in den späteren Büchern, wer weiß. Für den Moment aber war ich einfach nur genervt.

Da gibt es noch einen letzten Punkt, den ich zugegebenermaßen selbst gar nicht so wahrgenommen habe. Dieser betrifft die russischen Einflüsse in der Geschichte, bei der die Autorin offenbar reichlich geschlampt hat. Es ging schon los mit den Nachnamen. Wie eigentlich weithin bekannt ist, haben die Nachnamen von Männern und Frauen unterschiedliche Endungen – das weiß sogar jemand wie ich, der sich in seinem ganzen Leben noch nie wirklich mit Russland beschäftigt hat und nur ein paar Mal kurz die fixe Idee hatte, die Sprache zu lernen. Da kann man doch auch von der Autorin verlangen, dass sie davon weiß? Nun, wenn sie es tat, hat sie das zumindest ignoriert – leider hat das aber nichts mit künstlerischer Freiheit zu tun, sondern ist beleidigende Ignoranz.
Dieses Detail wurde zumindest in der deutschen Übersetzung ausgebessert, so dass Frauen nun weibliche Nachnamen haben und Männer männliche. Das ändert aber leider nichts an der Tatsache, dass manche Namen übersetzt ziemlichen Blödsinn ergeben, und nicht zuletzt die Bezeichnung für die magisch talentierten Menschen, Grischa, einfach nur die Verkleinerungsform von dem Namen Grigori ist. Dieser Einfallsreichtum erschlägt mich geradezu. Es gibt noch ein paar Dinge mehr, die da nicht ganz im Argen liegen, aber andere wissen besser Bescheid als ich und haben längst darüber berichtet. All jenen, die nicht viel über Russland wissen, wird es wie mir zunächst gar nicht auffallen und dadurch wird es auch nicht stören. Von der Autorin kann man aber sicherlich mehr erwarten, wenn sie schon solche Einflüsse verwendet. Wenn sie etwas vollkommen Neues hinzugedichtet hätte – okay. Das wäre sogar schön gewesen. Aber bestehende Tatsachen vollkommen anders einzuflechten, ist nicht wünschenswert.

„Grischa: Goldene Flammen“ war für mich eine herbe Enttäuschung. Weder die Spannung noch die Romanze oder gar die Welt, die ich mir erhofft habe, hatte das Buch zu bieten. Stattdessen gibt es eine vor sich hin plätschernde Handlung, die nur ab und an das Interesse weckt, eine nur auf den ersten Blick sympathische Protagonistin, schlechte Recherche über Russland (oder Faulheit?) und eine fragwürdige Rolle von Schönheit. Alles in allem nicht sehr zufriedenstellend.

Die Reihe in den USA:

Die Reihe in der UK:

Die Reihe in Deutschland:

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12 thoughts on “Rezension | Grischa: Goldene Flammen | Leigh Bardugo

  1. Ich hatte von Anfang an eigentlich kein sonderlich großes Interesse an dem Buch, das kam erst als plötzlich so viele begeistert davon waren. Aber ich kann wohl doch beruhigt die Finger davon lassen.

    • Ich hatte vorher auch nur ein halbes Auge drauf geworfen (schönes Cover halt xD) und hab mich durch die guten Rezensionen anstacheln lassen. Ist wirklich schade, dass das Buch nicht verspricht, was es hält. :/ Es ist so schön!

  2. Auch wenn es natürlich schade für dich ist, dass dir das Buch nicht so gut gefallen hat, beruhigt es mich auch irgendwie. Ich lese es gerade und hatte echt hohe Erwartungen, nach all den positiven Meinungen, die ich dazu gelesen hatte. Aber ich bin jetzt bei der Hälfte und bisher plätschert es wirklich nur so vor sich hin. Die ein oder andere Figur finde ich ganz nett, aber es kratzt alles zu sehr an der Oberfläche. Erinnert mich ein bisschen an die Situation damals bei „Ewiglich die Sehnsucht“ – alle sind fast ausgeflippt vor Begeisterung und ich fand es richtig schlecht. Da finde ich allerdings „Grischa“ auch noch besser, zumindest aktuell… mal sehen, wie es weitergeht, abbrechen will ich nicht. Aber schon schade, die ganz andere Aufmachung hatte mich irgendwie auf etwas Besonderes hoffen lassen.

    • Ging mir genauso. Zwischenzeitlich hab ich mich ernsthaft gefragt, ob ich ein anderes Buch lese – mir wollte absolut nicht einfallen, was daran jemanden begeistern kann. Da sieht man’s mal wieder mit den Geschmäckern, aber keine Sorge, allein sind wir nicht. :)
      Das Einzige, was mich tröstet, ist eigentlich, dass das Buch im Regal trotzdem klasse aussieht. *lach*

  3. ojie, ich habe die Rezi nur angefangen zu lesen und als ich gemerkt habe, dass du überhaupt nicht davon begeistert warst, gleich wieder aufgehört. Habe das Buch nämlich gerade vorige Woche erhalten und möchte es bald lesen… habe Angst hier gespoilert zu werden ;)

    • Spoiler sind eigentlich nicht drin, aber mehr oder minder unvoreingenommen an das Buch ranzugehen, ist ja auch nicht schlecht. Will ja auch niemandem die Laune vermiesen, der das Buch noch vor sich hat. ;)

      • tja, genau die Angst habe ich, wenn ich deine Rezi jetzt schon lese. Werde mir mal das Buch zu Gemüte führen und danach, wenn ich meine eigene Meinung darüber haben, diese hier lesen.
        Ist immer besser ohne Vorfreude/ oder Vorurteil an Buch zu starten… mal sehen, was es für mich bereit hält ;)

  4. Oh nein, das klingt ja wirklich nicht gut. Ich habe in den letzten Tagen zwar schon ein paar schlechtere Rezensionen entdeckt, aber weil man sonst so viel Positives hört, bin ich nun doch etwas überrascht. Aber gut so – ich überlege schon immer hin und her, ob ich das Buch lesen soll oder nicht. Jetzt ist es wenigstens nicht mehr ganz so dringend und vielleicht warte ich dann einfach aufs englische Taschenbuch.
    Dass die Namensendungen nicht korrekt sind, ist ja mal ziemlich idiotisch oO Ich bin zwar auch keine besondere Russlandkennerin, habe aber mal ein bisschen die Sprache gelernt und war dort, deshalb hoffe ich, dass mir nicht noch mehr auffallen wird, wenn ich das Buch dann lese =S

    • Das wäre eine Variante. :)
      Es ist wirklich interessant, wie sie das … nicht wissen konnte? Ich frag mich wirklich, warum sie sich dagegen entschieden oder überhaupt nicht recherchiert hat. Nachvollziehen kann ich’s jedenfalls nicht, xD
      Aber du warst mal in Russland? *-* Wie ist es da so?

      • Das würde ich auch gerne mal wissen. Zumal es ja nicht auf der Hand liegt, dass man sich von Russland zu einem Fantasyroman inspirieren lässt. Da sollte man sich doch wenigstens über die einfachsten (Sprach)regeln informieren…
        Jaaa :D Also ich war in St. Petersburg und fand es wirklich, wirklich toll. Die Stadt ist wohl im Vergleich zum Rest Russlands noch ziemlich europäisch, aber irgendwie trotzdem anders. Wir waren während der weißen Nächte dort, also war es ganz lange hell und man konnte Ewigkeiten spazieren gehen. Die Atmosphäre war wirklich toll und jetzt habe ich mir fest vorgenommen, auch mal andere Teile des Landes zu bereisen. Ist aber auf jeden Fall sehr interessant :)

      • Tja, da haben wir wohl falsch gedacht … oder so.
        Aw, cool! *-* Ich will auch schon länger mal hin, und mein Pa redet seit Ewigkeiten darüber, dass er mal mit uns nach Odessa und/oder Russland möchte, aber bisher wurde nie was draus. :/ St. Petersburg wäre da vermutlich auch der erste Anlaufpunkt … oder eben Moskau. Aber irgendwomit muss man ja anfangen und danach kann’s weitergehen. ;)

  5. Pingback: September 2012 « Muh, das Telefonbuch

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