Rezension | Wächter der Finsternis: Neue Welt | Conny Engel


Genre: Fantasy, Romantik
Reihe: Wächter der Finsternis #1
Erscheinungsjahr: 2011
ISBN: 978-3-86279-139-2
Format: Paperback
Preis: 12,90€

Vielen Dank für das Rezensionsexemplar an den Wagner-Verlag.

Sarahs Leben war noch nie das gewöhnlichste: Seit jeher plagt sie eine seltsame Blutkrankheit, auf die sich die Ärzte keinen Rat wissen, und schon früh verstarb ihr Vater. Mittlerweile lebt sie, aufgrund der Zerstrittenheit mit ihrer Mutter, meist bei ihrem Onkel. Was die Zukunft angeht, ist sie aber wie viele andere auch: Sie weiß nicht so recht, wie es weitergehen soll, doch schon sehr bald ist diese Entscheidung nicht mehr von Bedeutung. Mitten im Wald trifft sie auf den geheimnisvollen William, der ihr zeigt, dass es mehr gibt als nur das menschliche Leben – und dass sie Teil dieser fremden Welt ist. Diese Erkenntnis birgt nicht nur Möglichkeiten, sondern auch Gefahren. So hat es ein Mitschüler Sarahs, der sie als Bedrohung seiner Art sieht, auf sie abgesehen, und auch sie selbst könnte ihr Leben gefährden.

Bereits die Inhaltsangabe fällt mir schwer zu formulieren, denn es passiert nicht viel und würde ich vermeintlich spannende Punkte aufführen, so hätte ich schon die Hälfte des Buches verraten. Freunde sind „Wächter der Finsternis: Neue Welt“ und ich nicht geworden; Gründe gibt es dafür gute.

Es gibt Autoren, die können mit ihren Worten zaubern. Wie sich jedoch schnell herausstellt, gehört Conny Engel nicht zu ihnen. Emotionslos ist ein Satz an den nächsten gereiht, Gesellschaft wird ihnen von Rechtschreib- und Grammatikfehlern geleistet. Letztlich fehlen auch widersprüchliche Formulierungen wie „meist immer“, „gerade erst vor einer Stunde“ oder die Bezeichnung eines Instinkts als logisch nicht. Wenn man es falsch macht, dann richtig? Es dürfte auch interessant sein zu erfahren, wie genau ein Oberteil ausgerechnet mit „Blutspritzern getränkt“ sein kann.
Da spielt der Hang zur Wiederholung kaum noch eine Rolle. Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen, wie oft Charaktere schreien, obwohl dies – kontextbedingt – nicht immer passend beschreibt, was sie tun. Manch einer brüllt, manch einer ruft auch nur … doch nicht hier; andererseits werden die Worte eines Charakters komplett großgeschrieben und mit drei Ausrufezeichen versehen, wenn dieser eigentlich nur eindringlich flüstert. Leider ist diese Unsinnigkeit bezeichnend für das Buch.
Es sind beinahe Kleinigkeiten, die immer und immer wieder auftauchen und somit den Lesefluss stark einschränken. Kein Mensch sagt tatsächlich „ächz“, auch wenn die Dialoge im Allgemeinen sehr gezwungen und unnatürlich wirken. Und nein, „wo“ sollte man nicht im Zusammenhang mit Zeitpunkten verwenden; umgangssprachlich mag das angehen, von einem Buch verlange ich aber eine gewisse sprachliche Korrektheit, zu der auch die richtigen Imperativformen gehören: also „sieh!“ statt „sehe!“
Ist das zu viel verlangt? Ist es zu viel verlangt, dass die Autorin als Erschafferin der Geschichte weiß, ob sie jemanden nun Isaac oder Isaak nennt? Ob jemand mit Ihr oder Sie angesprochen wird? Ich denke nicht, und doch erfüllt der Text etliche Negativbeispiele, allen voran der geradezu inflationäre Gebrauch von Abkürzungen. Wenn die Gefühle eines Charakters beschrieben werden, reicht es nicht, zwei, drei Adjektive zu nennen und ein „usw.“ dahinter zu setzen. Genauso wenig wie es passt, es hinter eine Aufzählung von Aktivitäten zu setzen, obwohl nach der letztgenannten gar nichts weiter passiert ist.

Der Inhalt überzeugt genauso wenig. Sofort rast das Geschehen los, und obwohl ich ein Freund von schnell voranschreitenden Handlungen bin, gehören unnötig gehetzte Plots nicht dazu. Von einem Moment auf den anderen erlangt Protagonistin Sarah ihre Fähigkeiten und schenkt der übernatürlichen Erklärung dafür sofort Glauben. Gab es in der Vergangenheit Hinweise darauf, von ihrer „Blutkrankheit“ mal abgesehen? Nein, auf einmal ist da mehr, ohne dass wir die geringste Erklärung dafür erhalten. Was hat die Wandlung ausgelöst? Warum kommt das alles jetzt und vor allem auf einmal? Antworten sind hier zweitrangig, die Autorin wollte es so haben, Punkt.
Zudem scheint Sarah keinerlei Probleme zu haben, sich physisch an ihr neues Leben zu gewöhnen. Es reicht, wenn ihr alles erklärt wird – spätestens nach dem dritten Mal gelingt es ihr einwandfrei. Paradoxerweise kann sie sogar der größten Versuchung von allen – wenn auch nur schwer – widerstehen, während sie bei kleineren nachgeben muss. Es scheint fast, als wäre ihr eigentlicher Name „Mary Sue“, denn eine solche ist sie. Ihre Schwächen sind eine einzige Farce; vermutlich sollen sie den Eindruck einer Charakterisierung erwecken, woran Conny Engel aber scheitert.
Die Figuren sind Namen und nichts weiter. Es geht sogar so weit, dass dem Leser Eindrücke aufgedrängt werden, die nicht das widerspiegeln, was im Text vor sich geht. So wird beispielsweise immer wieder betont, wie schlau dieses Mädchen ist, dabei übersieht sie die offensichtlichsten Hinweise. Wenn ich in einem Text über das Wort „krynophal“ stolpere, frage ich mich dann erst viel, viel später, was es bedeutet? Aber Sarah wäre wohl nicht Sarah, wenn sie dieses wild blinkende Hinweisschild wahrnehmen würde, und so werden Geheimnisse in die Länge gezogen, während der Leser bereits weiß, worum es geht.
Genauso wird mit Sarahs angeblicher Stärke oder der Bedrohung durch Christoph verfahren: Es soll da sein, eigentlich fehlt aber jede Spur davon. Vieles wird überdramatisiert, was Spannung erzeugen soll, letzten Endes aber lächerlich wirkt.
Ich könnte an dieser Stelle noch zahlreiche Gegebenheiten aufführen, die mir mehr Kopfschmerzen als Unterhaltung bescherten. Um das Ganze aber etwas abzukürzen, soll nur eine Sache noch Erwähnung finden, die zu verschweigen schon beinahe kriminell wäre: Hätte sich die Autorin die Mühe gemacht, ihre Welt zu durchdenken und zu erklären, wäre dies zu vermeiden gewesen. So aber dürfen wir ein weiteres Element in der Geschichte begrüßen: Rassismus.
Es fängt damit an, dass es Oberhäupter gibt, einen Vertreter der Rasse für jeden Kontinent: Amerika, Europa und der Orient. Zum einen ist der Orient kein Kontinent, aber selbst wenn er als solcher gelten würde, wären immer noch ein paar übrig. Angenommen Ägypten zählt dazu, was ist mit dem Rest Afrikas? Australien gäbe es auch noch. Und der Rest Asiens? Nun, dafür gibt es eine Erklärung: Asiatisches Blut schmeckt „verdorben“, weswegen es keine asiatischen Vampire gibt und daher auch kein Oberhaupt. Nun könnte man versuchen, es damit zu begründen, dass die Ernährungsweise asiatischer Kulturen das Blut derart beeinflusst, dass es nicht mehr schmeckt. Man könnte es, die Autorin macht es aber nicht, und ich habe es auch nicht vor, denn schon einfache, logische Fragen würden hier jeden in Erklärungsnot bringen. Was ist zum Beispiel mit asiatischen Ländern, die kulturell sehr verschieden sind? Russland liegt zu einem Großteil auch in Asien, klassischerweise werden sie aber nicht wirklich als Asiaten wahrgenommen. Gibt es also auch keine russischen Vampire oder nur solche, die auch dem europäischen Teil des Landes stammen?
Jede Nachfrage ist letzten Endes unnötig, denn wie sich herausstellt, ist es gar nicht immer notwendig, jemanden zu beißen, um ihn zu verwandelt. Der Virus kann durch Injektionen oder auch Sex übertragen werden, was spielt also der Geschmack des Blutes für eine Rolle? Es macht vielmehr den Eindruck, als wären es Asiaten für Frau Engel nicht wert. Allein dafür muss ich das Buch als absolut nicht lesenswert einschätzen.

Leider kann es immer noch schlimmer kommen, auch wenn wohl nichts den Rassismus überbietet. Dem Buch fehlt es an Atmosphäre, Spannung und Logik – vor allem aber an eigenen Ideen. Es werden immer wieder Klischees bedient, die Handlung konnte so schon in zig anderen Romanen gelesen werden, Eigenes wird man hier vergeblich suchen. Es gibt allerdings ein Buch, an das ich mich besonders erinnert fühlte: Twilight.
Viele Parallelen sind Kleinigkeiten, die normalerweise nicht groß auffallen würden. Bei dieser Masse sieht es jedoch anders aus und ich konnte den Gedanken an Stephenie Meyers Vampire gar nicht mehr beiseiteschieben. Ein Ereignis war bezeichnend: Zwischendurch dachte ich, dass hier sicherlich niemand glitzern würde, da es einfach zu offensichtlich wäre. Im nächsten Satz erfuhr ich, dass sie stattdessen leuchten.
Zwar gibt es immer wieder einige Variationen der einen oder anderen Art, dennoch bleiben die Grundkonstellationen gleich: Sarah ist besonders und trifft auf denjenigen einer Gruppe, der noch keinen Partner hat, die anderes sechs sind alle schon vergeben. Dabei gibt es ein zierliches Mädchen und eines, das die Protagonistin offensichtlich nicht mag. Einer der Gruppe hat Schwierigkeiten, mit dem Blutdurst umzugehen, aber rein grundsätzlich töten sie niemanden und jagen Tiere. Geld spielt keine Rolle und sie leben außerhalb des Ortes, in dem es aus unterschiedlichen Gründen sehr wenig Sonne gibt. Sarah lebt außerdem bei ihrer Vaterfigur, und muss selber recherchieren, mit was sie es zu tun hat – obwohl es hier gepasst hätte (und weniger unnötig kompliziert gewesen wäre), hätte man es ihr einfach gesagt.
Sowas kann mit der Zeit nicht mehr vergessen werden und hinterlässt nur einmal mehr das Gefühl großer Enttäuschung. Wenn ich ein anderes Buch als Twilight lese, dann möchte ich auch tatsächlich ein anderes Buch geboten bekommen.

Um es kurz zu machen: Nein. „Wächter der Finsternis: Neue Welt“ bietet eine überhaupt nicht durchdachte Geschichte, in der gar nichts stimmt. Der Schreibstil ist unkreativ und emotionslos, bisweilen hatte ich das Gefühl, einen uninteressanten Bericht zu lesen statt einem Buch. Wenn wenigstens originelle Ideen dabei gewesen wären, hätte es zumindest ein kleines positives Detail gegeben, doch auch diese fehlen. Die Geschichte kann man von anderen Autoren wesentlich besser verfasst finden, und dort zumeist auch ohne rassistische Nuancen.

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