Rezension | For Darkness Shows the Stars | Diana Peterfreund


Genre: Postapokalypse, Romantik
Verlag: Balzer + Bray
ISBN: 978-0-062-00614-1
Preis: $17.99
Erscheinungsdatum: Juni 2012
Format: Hardcover

Irgendwann in der Zukunft: Elliot gehört zur Bevölkerungsschicht der Ludites, jene Menschen, die einst Gottes Willen ehrten und so von der Reduction verschont wurden. Das Ergebnis dieser war eine ganze Generation geistig behinderter Menschen und erst nach langer Zeit wurden ihnen wieder vollkommen gesunde Kinder geboren – die Posts, wie sie sich nennen. Zu ihnen gehört auch Kai; schon sein Vater war ein Post und gemeinsam arbeiteten sie für die Norths: Elliots Familie.
Zwischen den Kindern entwickelte sich eine unerwartete Freundschaft, die aber die Unterschiede ihrer sozialen Klassen nicht überwinden konnte. Heute ist Elliot für das Anwesen der Norths zuständig, wenn auch nicht offiziell. Kai ist schon vor vielen Jahren gegangen, doch die Trennung der beiden verlief nicht im Guten. Elliot hatte ihre ganz eigenen Gründe, Kai nicht zu begleiten, die diesen verletzt und zurückgewiesen gehen ließen. Doch nun kehrt er zurück und beide erhalten eine neue Chance, die Uneinigkeiten von damals zu klären – doch wie, wenn Wut und Bitterkeit die Wahrnehmung beeinflussen?

„For Darkness Shows the Stars“ ist eine postapokalyptische Neuerzählung von Jane Austens „Persuasion“, hierzulande unter den Titeln „Überredung“ und „Anne Elliot“ bekannt. Ich selbst habe den Roman vor einigen Jahren und bisher nur ein einziges Mal gelesen (auch wenn er mir sehr gut gefiel und mein liebstes Buch der Autorin war), daher bin ich wohl kaum eine Expertin, was die Parallelen der beiden Bücher angeht. Soviel kann ich aber sagen: Auch wenn meine Erinnerung an das Original recht lückenhaft ist, so kamen mir einige Szenen in Diana Peterfreunds Interpretation sehr bekannt vor; auch der Ausgang ist wohl für niemanden eine Überraschung, der das ältere Werk kennt. Das macht aber nichts, denn zum einen waren Parallelen zu erwarten und es macht Spaß zu sehen, wie die Autorin das eine oder andere Element in ihre Geschichte eingebaut hat. Zum anderen ist der Ausgang der Romanze nicht der Teil der Geschichte, der die Spannung erzeugt, denn „For Darkness Shows the Stars“ hat noch viel mehr zu bieten.

Die Geschichte spielt in der Zukunft, was denkbar ungewöhnlich sein könnte, wenn man die zeitspezifischen Probleme bedenkt, die in Jane Austens Roman angesprochen werden. Hier aber mag uns die Gesellschaft viele Jahre voraus sein, sozial ist sie viele Jahrzehnte zurückgegangen. Der Grund dafür lässt sich schnell nennen: Mit wachsendem technologischen und medizinischen Fortschritt wagten die Menschen immer mehr, bis die Gene so sehr verändert wurden, dass sämtliche Kinder mit einer geistigen Behinderung auf die Welt kamen. Verschont bleiben nur jene, die sich an ihren Glauben klammerten und jegliche Veränderungen verschmähten – die Ludites. Nach der „Reduction“ waren sie diejenigen, die noch herrschen konnten – und das taten sie. Man besann sich auf vergangene Zeiten, in denen die Klasse, der man angehörte, die wichtigste Rolle spielte, und „Niedere“ lediglich Arbeiter oder gar Sklaven waren. Und schon ist das Setting dem Jane Austens gar nicht mehr so unähnlich.
Ich gebe zu, an dieser Stelle habe ich mir manchmal mehr Erklärungen gewünscht: Was genau löste die „Reduction“ aus, waren wirklich die Wissenschaftler dafür verantwortlich? Unwahrscheinlich ist es nicht, doch genauso kann ich mir vorstellen, dass religiöse Fanatiker mit Absicht etwas manipulierten, nur um sich selbst Recht geben zu können. Die Begründung, es wäre Gottes Strafe für ihren Hochmut gewesen, ist in meinem Augen vollkommener Humbug. Andererseits stellt Diana Peterfreund es auch nicht so dar, als wären übernatürliche Kräfte hier am Werk gewesen, vielmehr macht sie klar, dass wir nicht wissen können, was Gott will oder ob es überhaupt einen gibt. Damit kann ich mich sehr zufrieden geben, sodass diese kleine Erklärungslücke ein beinahe unwichtiges Detail ist – schließlich kann man die Ursachen auch gar nicht so genau kennen. Immerhin haben die Ludites beinahe jede fortschrittliche Technologie verboten und Forschung kann nur im Geheimen betrieben werden.

Ansonsten ist „For Darkness Shows the Stars“ gar nicht so wirklich eine Liebesgeschichte; zumindest nicht in dem Ausmaß, das ich erwartet hätte.
Elliot und Kai sind zwei wunderbare Charaktere, wobei ich Letzterem gerne ein wenig mehr Einsicht und Vernunft eingeprügelt hätte. Dabei war es zunächst er, der Wahrheiten erkannte, vor denen Elliot als Kind die Augen verschloss. Ihre Beziehung lernen wir in Form von Briefen kennen, die sich beide mehr oder minder heimlich schrieben. Dabei geht die Geschichte nicht chronologisch vor: Mal sind sie acht Jahre alt, dann wieder vierzehn, mal ist Kai schon weg, dann ist er noch da … Stück für Stück offenbart sich dabei dem Leser die gemeinsame Vergangenheit und auch die Gefühle, die sie füreinander hegten. Was zunächst eine tiefe Freundschaft war, wurde mit den fortschreitenden Jahren mehr, auch wenn beide ganz gewiss nicht immer einer Meinung waren. Nicht selten liegt es an Elliot, die ein wenig im Denken der Ludites gefangen ist, was man ihr nicht allzu übel nehmen kann, genauso wenig wie ihre teilweise unglückliche Wortwahl. Aber sie lernt, so wie sie auch in der Gegenwart der Geschichte fähig ist zu lernen und ihre Fehler einzusehen.
Später ist es immerhin sie, die den Blick für das große Ganze und das, was notwendig ist, hat. Ja, sie hat sich dagegen entschieden, Kai zu begleiten und zog es vor, sich um das North Estate zu kümmern. Dies tut sie nicht etwa aus Machtgier, sondern aus Verantwortungsbewusstsein. Denn so sehr man das eigentliche System kritisieren möchte, unter der richtigen Führung kann es dennoch fair und ein guter Arbeitsplatz sein, an dem man vorrangig Mensch, und dann Arbeitskraft ist. Genau das möchte Elliot erreichen, und das ist eine Erkenntnis, die Kai fehlt, der seine Urteilskraft viel zu sehr von seiner Wut beeinflussen lässt. Es ist bisweilen ein wenig frustrierend, von seinem Verhalten zu lesen, doch letztlich spricht es nur für das Buch: Diana Peterfreund hat hier Charaktere geschaffen, die keineswegs in ein Schwarz-Weiß-Schema passen und oftmals trotz ihrer (vielen) Fehler noch immer sehr sympathisch sind. Ersteres gilt für alle Charaktere, letzteres nicht, aber man kann schließlich nicht jeden mögen.
Aber zwischen all diesen emotionalen Irrungen und Wirrungen hat eine Liebesgeschichte gar nicht so viel Platz. Um ehrlich zu sein, und ich hätte nie gedacht, dass ich das jemals sagen werde, hätte ich mir mehr Romantik gewünscht. Daher gibt es auch ein bisschen Punkteabzug, denn am Ende fehlte mir die fließende Entwicklung der Beziehung zwischen Elliot und Kai – ich wollte mehr Szenen mit den beiden, mehr unangenehme Momente, mehr Einsicht, mehr Romantik eben. Allerdings fehlte da viel von Kais Seite, was nicht weiter verwunderlich ist, da die Geschichte aus Elliots Sicht erzählt wird.

Langweilig war es deswegen aber noch lange nicht. Wie bereits gesagt: Die Liebesgeschichte ist gar nicht so sehr der ausschlaggebende Grund, das Buch zu lesen – zumindest nicht, wenn man „Persuasion“ oder Jane Austen im Allgemeinen kennt.
Was mich hauptsächlich zum Weiterlesen gedrängt hat, war die Frage, was aus dem North Estate wird. Nicht weil ich mir so sehr wünsche, dass die Norths ihren Besitz behalten und reich und glücklich werden – ich habe mich gefragt, was aus den Menschen wird. Die Situation ist denkbar schlecht seit dem Tod von Elliots Mutter. Ihr Vater scheint vollkommen unfähig zu sein, den Familienbesitz zu leiten. Stattdessen gibt er lieber Geld aus, das die Familie nicht hat, unterstützt von seiner ältesten Tochter. Elliot dagegen hat alle Hände voll zu tun, die Arbeiter vor ihrem Vater zu beschützen und die Familie vor dem Ruin zu bewahren, doch oftmals trifft sie auf taube Ohren, wenn sie ihrem Vater Vernunft lehren möchte.
Es ist eine Situation, die die interessantesten und wichtigsten Fragen des Buches aufwirft. Elliot wurde in dem Glauben erzogen, dass Gott die Menschen einst für ihre Gottlosigkeit bestrafte und dass vor allem Genmanipulation eine Sünde ist, die erneut seinen Zorn hervorrufen könnte. Und doch scheint es, als wäre dies die letzte Chance, die Elliot hat, um den Menschen, die ihr so am Herzen liegen und für die sie sich verantwortlich fühlt, zu helfen. Es muss ja nicht am Menschen experimentiert werden, aber an Getreide? Kann das schon böse sein?
Immer wieder muss sie sich fragen, was richtig und was falsch ist. Sie muss all die Werte in Frage stellen, die ihr von klein auf eingetrichtert wurden. Sie muss ihr eigenes Verhalten, aus Vergangenheit und Gegenwart, reflektieren, ihre Fehler einsehen und vor allem lernen, damit umzugehen. Sie muss herausfinden, wie sie mit der Verantwortung umgehen kann und sollte, und wie weit sie bereit ist zu gehen, um anderen ein gutes Leben zu ermöglichen. Sie muss Opfer bringen und sich fragen, wie viele sie noch ertragen kann.
Es sind Fragen, die sich viele Menschen, in anderen Kontexten und mit anderer Dringlichkeit, stellen müssen. „For Darkness Shows the Stars“ zeigt uns, dass es manchmal keine klaren Antworten gibt und dass wir letztlich so handeln müssen, wie wir es mit unserem Gewissen vereinbaren können. Es zeigt, dass Opfer nicht umsonst sein müssen, auch wenn die Belohnung nicht dem perfekten Leben entspricht, das wir uns erhofft hatten – zumindest nicht immer. Dass es sich lohnt weiterzumachen.

„For Darkness Shows the Stars“ mag nicht all das Potential ausschöpfen, das es birgt, trotzdem ist es eine schöne und eigenständige Neuerzählung von Jane Austens „Persuasion“. Diana Peterfreund überzeugt mit ihren gut ausgearbeiteten und oftmals sympathischen Charakteren und Fragen, mit denen sich früher oder später jeder mal konfrontiert sehen wird, wenn vielleicht auch in anderer Art und Weise. Trotzdem wird hier niemandem eine Antwort aufgedrängt, stattdessen gezeigt, wie es sein kann. Wenn auf ein Buch „lesenswert“ zutrifft, dann auf dieses.

Mittlerweile ist klar, dass „For Darkness Shows the Stars“ nicht ganz allein bleibt; es gibt bereits ein kleines Prequel namens „Among the Nameless Stars“ (klickt auf das Cover und ihr kommt zur kostenlosen PDF-Datei). Im Herbst nächsten Jahres wird aber „Across a Star-Swept Sea“ erscheinen, das keine direkte Fortsetzung ist, aber in der gleichen Welt spielt. Man wird wohl auch auf ein paar bekannte Gesichter treffen. ;)

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4 thoughts on “Rezension | For Darkness Shows the Stars | Diana Peterfreund

  1. Jetzt, wo du es so schreibst, hätte ich mir glaube ich auch mehr Romantik gewünscht bzw. mehr Annährungsversuche. Ich fand es zwar gut, dass Elliot nicht sofort gesprungen ist, wenn Kai es verlangt hat, aber gerade gegen Ende wäre ein bisschen mehr Zuneigung toll gewesen (oder halt noch 3 Kapitel nach dem Ende ;D).

Und ihr so?

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