Rezension | BETA | Rachel Cohn

Beta

Originaltitel: BETA
Reihe: Annex #1
Genre: YA, Dystopie
Verlag: cbt
ISBN: 978-3-570-16164-7
Preis: 17,99€
Erscheinungsdatum: 25. Februar 2013
Format: Hardcover

Vielen Dank für das Rezensionsexemplar an cbt.

Elysia ist jung, schön – und eigentlich tot. Zumindest ist das die Person, deren Körper sie besitzt, denn genau das ist der Grund, warum sie existiert. Nach dem Tod ihrer „First“ wurde deren Körper geklont – das Ergebnis ist Elysia. Klone sind Wesen ohne eigene Gefühle, und daher bestens geeignet, um auf Demesne – einer abgeschiedenen Insel für die Privilegierten – der Oberschicht zu dienen. Doch Elysia ist anders – zum einen ist sie ein Beta-Klon, der nicht ganz ausgereift ist, denn bisher werden immer nur Erwachsene geklont, kaum Teenager. Zum anderen fühlt sie eben doch etwas, auch wenn es ihr zu Beginn gar nicht so wirklich klar ist – und nach und nach bringt sie das zum Zweifeln …

Es ist schon beinahe faszinierend, wie viel „Beta“ eigentlich falsch macht. Am Anfang versprach das alles, gar nicht mal so schlecht zu werden. Zwar gibt es schon zig andere Romane, die sich damit beschäftigen, dass die, die angeblich nichts fühlen, dessen doch fähig sind, aber trotzdem kann die Idee immer noch gut umgesetzt werden. Dazu wäre es aber nötig gewesen, nicht jedem Klischee zu entsprechen, das die Ausgangssituation in sich birgt.

Demesne ist eine Insel für die Privilegierten. Während der Rest der Welt durch die Wasserkriege aufgerüttelt wurde und die Menschen dank einer neuen, wolkenkontrollierenden Technologie Wüsten besiedeln konnten, kann man sich dort nach Strich und Faden verwöhnen lassen, wenn man das nötige Kleingeld hat. Luft, Wasser, Menschen … so ziemlich alles dort ist in der einen oder anderen Weise überarbeitet und verbessert worden, so dass zum Beispiel ein Bad im Meer wahre Wunder für die Schönheit bewirken kann.
Was aber kommt Otto Normalverbraucher in den Sinn, wenn wir von Leuten hören, die sich beinahe alles leisten können? Das Wort „Snobs“ vielleicht, ein bisschen neidisch ist man manchmal ja schon. Nur dass Gedanken dieser Art hier nicht einfach so kommen, sondern vollkommen berechtigt sind. So werden die ersten „echten“ Menschen eingeführt und fast alle sind genau das bis zum Schluss. Die Männer sind notgeile Säcke, die sich an dem bedienen, was sie zu besitzen meinen, die Frauen gackernde Hühner, deren größte Sorge darin besteht, dass ihre Töchter keine schönen Klamotten tragen wollen. Unter den Voraussetzungen kann aus den Kindern ja nichts anderes als verwöhnte Gören werden, die meinen, sich alles herausnehmen zu können. Willkommen auf Demesne!

Entsprechend der Beschreibung sollte man bei den Charakteren nicht viel Tiefe erwarten, und das gilt genauso für unsere Protagonistin: Elysia. Die Gute hat im Grunde überhaupt kein Profil, wobei es wirklich nicht hilfreich ist, dass sie gedanklich Pingpong zu spielen zu scheint und zwar mit ihrer Meinung als Ball.
Dass sie entgegen der allgemeinen Wahrnehmung doch etwas fühlt, ist eigentlich sofort klar und irgendwann kriegt sie es auch selbst mit. Gibt ihr das zu denken, dass sie nicht die willenlose Arbeitskraft ist, wie man ihr einredet? Ja, durchaus. Sieht sie, dass das Verhalten der Menschen den Klonen gegenüber verachtenswert ist? Ja, auch das. Bewegt sie das dazu, etwas an ihrer Situation zu ändern? Manchmal, aber wirklich fest werden ihre Pläne nie, im Gegenteil. Zwischenzeitlich wundert es sie, dass jemand sie toll findet, obwohl sie ja „nur“ ein Dienstklon sei – ignorieren wir mal die Tatsache, dass sie zuvor eigentlich bereits festgestellt hatte, dass sie nicht zweitrangig ist. Letztlich ist es auch nicht ihre Situation, die sie zum Handeln animiert, sondern die gute alte Insta-Love. Diese wiederum findet gleich zweimal Platz im Buch. Das schreit doch geradezu nach Tiefe und einem durchdachten Charakter! (Besonders da Herr Nummer 1 furchtbar erotische korallenrote Lippen hat, sie anmacht wie zig andere Mädchen auch – was sie weiß – und sich ihr gegenüber nur öffnet, wenn er auf einem Trip ist. Klingt das nicht romantisch?)
Zu allem Überfluss scheint sie noch nicht mal besonders schlau zu sein, auch wenn die Autorin uns wohl anderes denken lassen möchte. Elysia ist dermaßen naiv, dass es schon an Dummheit grenzt. Mehrmals lässt sie sich dazu hinreißen, sich Leuten anzuvertrauen, bei denen sie entweder nicht sicher sein kann, dass sie auch vertrauenswürdig sind oder bei denen glasklar ist, dass man ihnen nicht vertrauen sollte! Ihre Naivität entschuldigt keinesfalls, was einige Charaktere im Laufe des Buches tun – keineswegs –, aber an mancher Stelle geht sie Risiken ein, die schlichtweg dumm sind.

Bei dem Hauptcharakter muss man sich gar nicht wundern, dass auch der Rest der Geschichte alles andere als überzeugend ist. Der Plot an sich ist langweilig und vorhersehbar, und zu großen Teilen auch sehr erzwungen. Die Autorin bindet Ereignisse ein, die an sich ein interessantes, aber auch schwer zu behandelndes Thema darstellen. Leider scheint sie mit dieser Schwierigkeit nicht umgehen zu können, denn hier kommen sie als schlichte Wendepunkte daher, um der Handlung eine neue Richtung zu geben, ohne sich aber ernsthaft mit der Thematik auseinanderzusetzen. Bei „leichteren“ Dingen wäre das zu verschmerzen, hier ist es fatal und beinahe schon beleidigend – zumal nicht einmal alles rechtlich korrekt bezeichnet wird.
Hinzu kommen wirklich seltsame Situationen, in denen Leute, die für Selbstbestimmung und Freiheit einstehen, plötzlich zu Anhängern völlig veralteter und zudem komplett hirnrissiger Traditionen werden. Elysia darf zu einem Symbol von immenser Wichtigkeit werden, aber über ihren eigenen Körper bestimmen? Nein, das wäre wahrlich zu viel Verantwortung. Geben wir sie lieber in die Obhut eines Mannes. Elysia mag das zunächst nicht witzig finden, aber am Ende kommt sie damit erstaunlich (schnell) gut klar. Immerhin ist der Herr gutaussehend, was will man mehr?
Allein wenn ich an diese vollkommen verqueren Ansichten denke, wird mir ein wenig schlecht – wer weiß, ob das im nächsten Band besser dargestellt und aufgelöst wird, aber Band 1 hat Rachel Cohn vollkommen in den Sand gesetzt.

Das einzig Gute, was ich über „Beta“ sagen kann, ist, dass es sich einfach und schnell liest – dagegen lässt sich nun wirklich nichts einwenden, auch wenn das Buch insgesamt gesehen kein literarischer Höhenflug ist. Muss es auch gar nicht sein, solange man das geschriebene Wort genießen kann. Das trifft hier aber nur auf stilistischer Ebene zu und das reicht wohl kaum aus, um alles andere aufzuwiegen.

01

Flache Charaktere, klischeebeladene Handlung, fragwürdige Botschaften und ernste Themen, die als Spannungserzeuger missbraucht werden – es gibt kaum etwas, das Rachel Cohn in „Beta“ nicht falsch gemacht hat. Das Buch mag sich leicht lesen lassen, ich kann allen von dieser Lektüre aber nur abraten.

„BETA“ ist nur der erste Roman einer Reihe, die offenbar mindestens vier Bände umfassen soll, und deren zweiter Band dieses Jahr wohl noch auf Englisch erscheint. (Wann genau, wie er aussehen wird und worum es genau geht, ist noch nicht bekannt.)
Wer das Buch auf Englisch lesen möchte, sollte nach einem ganz ähnlichen Cover Ausschau halten, da das Prinzip vom deutschen Verlag bei der Gestaltung übernommen wurde:

BETA

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16 thoughts on “Rezension | BETA | Rachel Cohn

    • Ohje. xD Aber wer weiß, vielleicht gefällt es dir besser? Habe zwar noch nichts allzu Gutes über das Buch gehört, aber immerhin gab’s auch mäßige Bewertungen.
      Einfach öfter englische Bücher lesen, dann sind da auch gute dabei! x)

  1. Ojie, damit kann ich dieses Buch wohl von meiner WL entfernen. Deine Rezi war ja ganz amüsant zu lesen, nur wenn ich mir dann denke, dass ich dafür fast 20€ ausgeben muss, um es zu lesen und mich dann nur zu ärgern.. vergeht mir gleich alles. Aber danke für die Warnung, somit hat sich das erledigt! ;)

    • Ich bin auch froh, dass es als Rezi-Exemplar hereinflatterte. (Allerdings hätte ich es normal auch gar nicht gelesen; wie gesagt: die Idee ist nicht die allerneuste.)

      • okay, ist aber oft das selbe, bei Dystopien, selten mit wirklich neuen Ideen.
        Aber man darf ja nicht zu streng sein… aber wenn dann auch noch die Charas nicht funkionieren, wird es öde :/

      • Aber manchmal gibt’s ja doch noch das eine oder andere Buch, das nicht wie jedes x-beliebige klingt – und dann auch noch gut geschrieben ist. :)

  2. Moah, gar nicht gesehen, dass deine Kritik auch schon da ist =)
    Was soll ich noch groß hinzufügen? Alles was ich sehe, wenn ich an das Ende des Buches denke, ist dein .gif auf Goodreads xD
    Passender geht es nicht mehr. Gerade das Ende ist mir wirklich unverständlich!

    • Ich konnte mich endlich dazu aufraffen. xD
      Haha, ja, im Nachhinein schien es mir unglaublich gut zum Buch zu passen. xD Dafür liebe ich GIFs – keine großen Worte, ein kleines Bildchen sagt eigentlich alles, was gesagt werden muss.
      Ich würd auch gern mal wissen, was die Autorin sich da konkret bei gedacht hat. oO Ich hoffe zumindest, dass es da was gibt …

  3. Muah, ich habe ja schon einen Vorgeschmack auf diese Rezension bekommen. Aber ist trotzdem beruhigend das ganze noch mal zu lesen – endlich mal ein Buch, das ich ganz ohne Zweifel von meiner Wunschliste streichen kann :-D Wobei die korallenroten Lippen es ja fast Wert wären, das Buch zu lesen (NOT xD).

    • Ja, die korallenroten Lippen … ich glaube, das war mein erster großer WTF-Moment im Buch. xD
      Aber wie gesagt, falls du irgendwann mal Lust hast, dich grün und blau zu ärgern: Mein Exemplar steht bereit! ;)

  4. Pingback: Januar 2013 « Muh, das Telefonbuch

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