Rezension | Sprich | Laurie Halse Anderson

Sprich

Originaltitel: Speak
Genre: Contemporary, Jugendbuch
Verlag: Beltz & Gelberg
ISBN: 978-3-407-78908-2
Preis: 7,95€
Erscheinungsdatum: Juni 2011
Format: Taschenbuch

Melindas erstes Jahr in der High School startet, doch es ist weit entfernt von der aufregenden Zeit, die man sich vielleicht vorstellen mag. Grund dafür ist eine Party in den Ferien, bei der auch Melinda war. Doch anstatt ihre Zeit genießen zu können, rief sie die Polizei, was für viele Leute auch Ärger bedeutete. Warum sie es getan hat, weiß keiner und Melinda ist entschlossen, kein Wort darüber zu verlieren. Während sie damit kämpft, was damals vorgefallen ist, wird sie von Mitschülern gemieden und als spießige Spaßbremse abgestempelt, sodass ihr nicht mal mehr ihre angeblichen Freunde zur Seite stehen. Dabei braucht Melinda die Unterstützung mehr denn je, um nicht endgültig abzustürzen.

„Sprich“ könnte wirklich klasse sein, wenn bei mir auch der Funke übergesprungen wäre. Es erzählt die Geschichte eines jungen Mädchens, dem etwas Schlimmes widerfahren ist. Doch anstatt darüber zu reden, schweigt Melinda, auch um selber zu vergessen zu können, was ihr angetan wurde. Dass das keine Aussichten auf Erfolg hat, dürfte den meisten klar sein, und so verschlimmert sich Melindas Zustand mit jedem Tag mehr. Sie zieht sich immer weiter zurück, ihre Noten werden schlechter, ihr geht es nicht nur psychisch, sondern auch physisch schlecht. Ihr Antrieb geht vollkommen verloren, und auch wenn manche Passagen aus der Highschool, von denen sie erzählt, recht witzig sind, schlägt sich ihre Stimmung auf den Text nieder.
Allerdings konnte ich zu Melinda nie eine Verbindung aufbauen; natürlich tat sie mir leid, zumal ich durch selbst verschuldetes Spoilern bereits wusste, was geschehen ist, und ich hoffte, dass sie den Mut und die Kraft finden würde, endlich darüber zu reden – einfach weil das das Einzige ist, was ihr – und auch anderen – in dieser Situation helfen kann. Doch darüber ging es nie hinaus; dabei wäre es nicht einmal notwendig gewesen, dass ich sie komplett verstehe (was ich tat). Wenn ich „Sprich“ mit „Wintermädchen“ vergleiche, hat Ersteres eigentlich die besseren Karten, da ich mich eher in Melindas Lage versetzen kann als in Lias, die magersüchtig ist und sich Stück für Stück zu Tode hungert. Trotzdem habe ich mich mit Lia verbundener gefühlt als Melinda.

Normal wäre das nur ein kleineres Problem, hier aber konzentriert sich die Handlung – der Thematik entsprechend – auf Melinda und ihre Bemühungen, wieder zurück in den Alltag zu finden. Das ist auch unter gegebenen Umständen interessant zu verfolgen und bewegend, letzteres könnte aber wesentlich stärker sein – wobei es vielleicht sein Gutes hat, dass dem nicht so ist. Ansonsten könnte das Buch reichlich deprimierend sein, zumindest passagenweise; aber auch so ist es schon sehr, sehr traurig.

Was man mit einiger Sicherheit sagen kann, ist, dass Melinda mehr und mehr in eine Depression stürzt, was sich auch im Text zeigt. Über große Teile hinweg ist es ein monotones Aneinanderreihen verschiedener alltäglicher Ereignisse, die mehr und mehr unwichtig scheinen – wozu das Ganze noch, warum bemühen? So haben die meisten dieser Szenen keine allzu beachtliche Länge, was gibt es schon zu erzählen? Stattdessen gibt es kleine Teilabschnitte, was gefallen kann, aber nicht muss.
Nur ab und zu blitzt was durch, wenn bestimmte Ereignisse oder Menschen Melinda daran erinnern, was geschehen ist – und wenn es das Sezieren von Fröschen ist. Die Erinnerungen warten überall und nehmen keine Rücksicht.
Auch sprachlich ist das Ganze eher „lose“, ganz wie man es von einer jungen Schülerin erwarten kann. Insgesamt war es mir dann teilweise aber zu locker und abgehackt, auch wenn sich der Text nach wie vor gut lesen ließ. Ganz wie bei Melinda gilt hier, dass es ein eher kleiner Kritikpunkt ist, und in dem Fall fällt er auch nicht ganz so sehr ins Gewicht.

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„Sprich“ könnte klasse sein, hätte ich eine Verbindung zur Protagonistin gefunden. Da das, bei mir, nicht der Fall war, fehlte mir ein letzter Funke, was dadurch, dass mir der Erzählstil bisweilen ein wenig zu abgehackt war, noch ein wenig erschwert wird. Letztlich ist es aber eine Geschichte darüber, dass wir über das, was uns bedrückt und niederreißt, auch reden müssen, um eventuell heilen zu können; es zeigt, was passieren kann, wenn wir es nicht tun. Insofern tut es mir keineswegs leid, Zeit mit diesem Buch verbracht zu haben, ich denke aber, dass es irgendwo auch etwas bessere Lektüre zu dem Thema gibt.

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8 thoughts on “Rezension | Sprich | Laurie Halse Anderson

  1. Das Buch ist ja irgendwie schon fast ein YA Klassiker oder? Zumindest begegnet es mir überall. Ich will es auch bald unbedingt mal lesen und bin dann mal gespannt, inwiefern bei mir der Draht zur Protagonistin reicht. Das Positive an dem Buch – ich kann es eventuell ohne schlechtes Gewissen lesen, weil darin irgendetwas vorkommt, dass zu meinem Studium passt. Yey!

    • Irgendwie schon! Ich hab es bestimmt auch schon seit 2010 auf dem SuB und in den Jahren tauchte es auch immer wieder mal auf – irgendwie kommt man nicht drumherum. (Was in dem Fall ja nicht schlimm ist.)
      Du kannst es sogar noch weiter beruhigen: Es ist total schnell gelesen und nimmt wirklich nicht viel Zeit ein. :)

  2. Ist schon ewig her, dass ich das Buch gelesen hab, aber ich fand es ziemlich gut damals, vor allem den Schreibstil… wie sie die Dialoge wiedergibt (wie man so viel Schweigen kann, wow, das ist mir ein Rätsel, einfach gar nix zu sagen…) und die Verben immer wieder beugt (Französischvokabeln warn das, glaub ich).

      • Ich glaub mir hat Speak besser gefallen. Wahrscheinlich weil ich es zugänglicher fand (eine Essstörung hat gegen meinem Schokoladenwahn keine Chance) und es war kürzer und knapper, ich glaube Wintergirls hat sich für mich hier und da etwas gezogen.

  3. Ich habe nach ca 30 Seiten aufgehört zu lesen. Wohl angemerkt, dass ich es für den Englischunterricht lesen muss. Allerdings habe ich um ehrlich zu sein, keinerlei Lust dieses Buch zu lesen, einfach weil ich den Schreibstil schon nicht mag. Ich weiß ja nicht, wie es euch ergeht, aber da ich viel und gerne lese, hatte ich schon bessere Stile vor Augen. Ich fand es auch sehr langweilig, einfach weil sie – wie bereits in der Rezension erwähnt – ihren Schulalltag abgehackt wiedergibt und ich vor allem keine Bindung zu ihr Aufbauen kann. Tut mir echt leid, Anderson! Vielleicht bin ich auch zu streng, da ich es ja nicht zu Ende gelesen habe, aber fehlt bei mir die Motivation für ein Buch – und das kommt echt selten! – dann muss es wohl seinen Grund haben.

    • Schullektüre ist ja auch immer so eine Sache, da kann selbst das beste Buch zur Qual werden. Wobei ich es trotzdem etwas schade finde, dass du es abgebrochen hast – trotz aller Kritik finde ich, dass es trotzdem ein wichtiges Buch ist. Wobei, wenn du andere Bücher in die Richtung mal anschauen willst, gibt’s „All the Rage“ von Courtney Summers und „Asking For It“ von Louise O’Neill. Hab beide noch nicht gelesen, aber bisher kommen sie sehr gut bei den Leser_innen an.

Und ihr so?

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