Rezension | Der Wolkenatlas | David Mitchell

Der Wolkenatlas

Originaltitel: Cloud Atlas
Genre: teils historischer, Kriminal-, Science-Fiction- und postapokalyptischer Roman
Verlag: Rowohlt
ISBN: 978-3-499-24141-3
Preis: 9,99€
Erscheinungsdatum: November 2012
Format: Taschenbuch

Vielen Dank für das NotizBuch an Sandra.

Adam Ewing, Robert Frobisher, Luisa Rey, Timothy Cavendish, Sonmi~451 und Zachry – das sind die Namen der Menschen, die in diesem Buch ihre Geschichten erzählen. Ewing von seiner Reise über den Pazifik, Frobisher von seinen Erlebnissen als Schüler eines berühmten Komponisten, Luisa von ihren Entdeckungen in einer skrupellosen Firma, Timothy von seinem Martyrium im Altersheim, Sonmi von ihrer Rebellion und Zachry vom Leben seines Volkes; all das hat auf den ersten Blick wenig gemeinsam und doch scheint am Ende eine Verbindung zu bestehen, die sich nur bei näherem Hinsehen zeigt.

Zumindest ist das, was das Buch ursprünglich versprochen hatte. Schon seit dem Film ist mir klar, dass die Verknüpfungen nicht so dicht sind wie erwartet – von wegen alles sei verbunden –, aber ein bisschen was hatte ich mir vom Buch doch erhofft.

Das Offensichtlichste war erst einmal die Sprache. Wir werden mit sechs verschiedenen Charakteren konfrontiert, die auf unterschiedliche Art und Weise ihre Erlebnisse wiedergeben. Sei es als Tagebucheinträge, als Briefe, als Kriminalroman, als Erzählung oder Interview – so wie sich die Formen unterscheiden, ist auch die Stimme jedes Mal anders und dafür kann man das Buch eigentlich nur loben. Während Adam ganz der Mann des 19. Jahrhunderts ist, vermag Robert Frobisher wunderbar mit seinen sarkastischen bis zynischen Kommentaren bestens zu unterhalten, während bei Luisa Rey der nüchterne Ton einer professionellen Journalistin zu finden ist. Timothy Cavendish kann das Ganze etwas lockerer nehmen, während Sonmis Interviews beinahe schon steril wirken, was aber wesentlich angenehmer ist als Zachrys lose Zunge, die von der Grammatik bestenfalls mal gegrüßt wurde und das auch nur mit größtmöglichem Sicherheitsabstand. Die Persönlichkeiten spiegeln sich im Text wider; das ist genau, was ich mir – zum einen – erhofft hatte.

Nun mag das Buch sprachlich toll sein, aber so etwas rettet eine Geschichte nur bedingt und da fängt es schon an zu hapern. Inhaltlich waren die Geschichten zum Großteil weder besonders kreativ noch wirklich mitnehmend. Aufgrund des knapp bemessenen Platzes – jede Stimme erhält einige Seiten, ehe der Erzählstrang abbricht und die nächste Stimme beginnt – bleibt eine gewisse Nähe zu den Charakteren reines Wunschdenken, was sich auf meine Wahrnehmung der Geschichten auswirkte. Frobishers Parts waren sehr amüsant, wenn auch gegen Ende etwas unverständlich, was zum Glück nicht für Cavendish gilt. Bei Luisa Rey wurde es auch mal spannend, aber das war’s dann auch schon. Die Parts, die in der Zukunft spielen, waren ansatzweise interessant, zum Großteil aber eher langweilig, was aber besonders für den werten Mr. Ewing gilt.
Da hilft auch eine noch so göttliche Sprache nicht; wenn’s nicht funkt, funkt es nicht. Dass die Parts immer genau dann aufhören, wenn es spannend wird, ist dabei nicht unbedingt hilfreich. Zwar werden fast alle später wieder fortgesetzt, doch auch dort gilt zum Teil, dass abgebrochen wird, sobald es richtig interessant wird (z.B. in Sonmis Fall).

Die Einzelgeschichten seien auch gar nicht so wichtig, mag manch einer vielleicht sagen, hier gehe es um das große Ganze. Aber was genau soll das sein? Dass wir es immer wieder verderben werden? Dass unser Streben nach Macht uns immer wieder dazu bringen wird, einander zu zerstören und zu verletzen? Dass sich die Geschichte immer wieder wiederholt? Das sind kaum neue Erkenntnisse, aber der Autor selbst sagt in einer der Geschichten, dass es nicht um das Was, sondern um das Wie geht. Und auch wenn ich zugeben muss, dass es an sich neu und interessant ist, es geht in der Form aus genannten Gründen einfach nicht auf.
Zumal ich mich, in Hinblick auf die Verknüpfungen, ein wenig veräppelt fühle. Die meiste Zeit über sind es ganz banale Sachen – jemand liest den Text eines anderen, trifft auf jemanden aus dem Leben des anderen etc. Die Taten des einen haben einen gewissen Effekt auf das Leben des anderen, schön und gut, aber auch das ist keine allzu neue Erkenntnis. Sowas passiert nun einmal, wenn man lebt. Die einzige Konstante ist ein Muttermal, das aber nie weiter beleuchtet wird. An einer einzigen Stelle ist von Inkarnation die Rede, aber das war’s auch wieder. Unter den Umständen wäre es mir lieber gewesen, man hätte das Ganze einfach außen vor gelassen und sich auf weniger Geschichten konzentriert.

„Der Wolkenatlas“ ist deswegen kein schlechtes Buch, es hält nur einfach nicht, was es mir versprochen hat. Insofern bin ich enttäuscht, zumal mich keine einzige Passage auch nur ansatzweise umhauen konnte. Warum so viele von dem Buch schwärmen, bleibt mir also vollkommen schleierhaft.

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Sprachlich mag David Mitchells „Der Wolkenatlas“ fantastisch sein, doch die Geschichten sind bestenfalls ansatzweise spannend oder amüsant. Manch eine tendiert leider zur Langeweile und auch die Verknüpfungen können nicht überzeugen – es ist alles leider ein Fall von „gewollt, aber nicht so recht gekonnt“. Trotzdem hat das Buch seine unterhaltsamen, wenn auch nie mitreißenden Momente, so dass es sich wenigstens ein bisschen lohnt, Zeit hierfür aufzubringen.

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2 thoughts on “Rezension | Der Wolkenatlas | David Mitchell

  1. Sehr schöne rezension. Ich kann das gut verstehen auch wenn ich es anders wahrgenommen habe. Ein bisschen langweilig waren manche parts tatsächlich aber ich fand das gesamtpaket ziemlich cool. Dass die geschichten nur so locker verbunden waren, finde ich irgendwie ganz in ordnung so. Reinkarnation wäre mir zu viel, aber durch die muttermale kann man sich seinen teil ein bisschen dazu denken.

    • Dankeschön! Ich wär, zugegebenermaßen, auch nicht begeistert gewesen, hätte er komplett die Esoterikschiene gewählt (wobei das je nach Präsentation auch sehr spannend sein kann). Aber so war’s irgendwie nichts Halbes und nichts Ganzes (eigentlich nicht mal was Viertelstes xD), das muss man vermutlich wirklich ab können.

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