Rezension | Mein fahler Freund | Isaac Marion

Mein fahler Freund

Originaltitel: Warm Bodies
Reihe: #1
Genre: YA, Dystopie
Verlag: Klett-Cotta
ISBN: 978-3-608-93914-9
Preis: 19,95€
Erscheinungsdatum: Februar 2011
Format: Hardcover

R ist ein Zombie, aber das heißt nicht, dass er ein blutrünstiges, menschenfressendes Monster ist. Also, doch, eigentlich schon, aber immerhin macht er sich einen Kopf darüber. Denn auch wenn er seine Sprachfähigkeiten eingebüßt hat, so ist sein Gehirn alles andere als verrottet. Bei einem seiner Raubzüge fällt ihm ein junger Mann namens Perry zum Opfer und wie bei jedem anderen Menschen auch, dessen Hirn er verspeist, erhält R einige seiner Erinnerungen beim Essen. Dazu gehören auch die von Perrys Freundin Julie, die mit bei der Gruppe dabei ist, die R und seine „Freunde“ überfallen haben. Er weiß gar nicht so richtig warum, aber R tarnt die junge Frau und nimmt sie mit sich in sein Zuhause: den von Zombies und wandelnden Skeletten bewohnten Flughafen. Und ehe sich die beiden versehen, lernen sie, dass die Zombies nicht die Monster sein müssen, die alle in ihnen sehen. Dumm nur, dass nicht jedem diese neue Erkenntnis schmecken wird.

„Mein fahler Freund“ ist alles andere als eine typische Zombiegeschichte. Zwar geht es auch hier vergleichsweise oft um Gehirne, aber dahinter steckt noch so einiges mehr. Ganz offensichtlich schon mal die Tatsache, dass die Zombies Gehirne essen, um einen Blick auf die Erinnerungen ihres Opfers werfen und sich so kurz etwas lebendiger fühlen zu können, aber das meine ich nicht. Es geht schon damit los, dass R für einen Zombie erstaunlich eloquent ist. Zwar kann er all die Worte, die sich in seinem Kopf formen, selten auch ausformulieren, aber als Leser muss uns das wenig stören, da wir ja auch von seinen Gedanken genug mitbekommen.
So präsentiert sich uns ein wirklich schöner Schreibstil, der auf seine morbide Art und Weise romantisch ist – was vollkommen dazu passt, dass ein gewissermaßen Untoter sich in eine junge Frau verliebt, die – zum Glück oder leider? – ziemlich lebendig ist. Es gab Passagen, die wirkten auf mich ein wenig melodramatisch, aber ansonsten ist das Buch zumindest sprachlich ein reiner Genuss.

Auch wenn man sich auf die eine oder andere ekelige Szene einstellen muss (ganz ohne funktioniert das mit den Zombies nun doch nicht), so ist „Mein fahler Freund“ vielmehr ein Buch über Hoffnung, das auch ein bisschen genau das zu schenken vermag. Wenn man etwas wirklich will, lohnt es sich durchaus, dafür zu kämpfen, selbst wenn es aussichtlos scheint. Vielleicht weiß man zunächst auch gar nicht, dass man überhaupt etwas möchte, aber wenn wir offen bleiben und bereit sind, Neues zu wagen, dann kann genau das passieren. Die Situation von Julie und R ist zwar eine andere als die unsere – noch steht die Welt und Zombies bin ich bisher auch noch keinen begegnet –, aber es ist doch eine schöne Botschaft, die mich mit einem Lächeln zurückließ.
Genauso zeigt das Buch, dass man durch Menschlichkeit zum Menschen wird und nicht durch das, als was wir von anderen klassifiziert werden. Menschen können Monster werden und die angeblichen Monster können bessere Menschen sein als wir selbst.

Das sind alles eigentlich sehr schöne Dinge, trotzdem hat das Buch für mich nicht ganz funktioniert, was aber nicht nur der Fehler des Buches ist.
Zum einen fehlte mir der Kontakt zu den Charakteren. Zwar erfahren wir recht viel über Rs Gedanken, trotzdem war er mir nach 100 Seiten nur wenig näher als am Anfang und bis zum Ende änderte sich das auch nicht mehr wirklich. Was bei R nicht funktionierte, war auch bei Julie und den anderen nicht anders, bei den Hauptcharakteren wog es aber am schwersten. Mir war letzten Endes nicht egal, wie es mit den beiden weitergeht, besonders interessiert hat es mich aber auch nicht.

Hinzu kommt, dass der Autor entweder keine Lust hatte, gewisse Dinge zu erklären oder aber nicht wusste, wie er das überhaupt anstellen soll. Wir werden einfach in die Welt hineingeschmissen; scheinbar ging die einstige Zivilisation schon vor einiger Zeit unter und mit der Apokalypse kamen die Zombies. So weit, so gut – warum sollten auch ausgerechnet Julie und R wissen, wie es dazu kam? Diese Informationen sind nicht unbedingt wichtig und erst recht nicht für die Geschichte, die der Autor erzählen wollte. Später aber wird es ein wenig zu viel des Ganzen, oder vielmehr: zu wenig. Besonders eine Stelle gegen Ende wirkt ohne jeglichen Erklärungsansatz schlichtweg willkürlich, aber dafür kaufe ich mir kein Buch. Es hinterließ zumindest bei mir einen negativen Beigeschmack.

03

Letztendlich muss man bei „Mein fahler Freund“ wissen, ob man genau diese Art von Buch wirklich lesen möchte – geht es auch mal ohne weitere Erklärungen zur Handlung und der Welt, darf aber philosophisch sein? Dann darf man beruhigt zum Buch greifen. Auch ansonsten ist es nicht schlecht, man sollte nur nicht zu viel erwarten.

Bin ich die Einzige, der das deutsche Cover wirklich gefällt? Scheint so, aber zum Glück gibt’s ja noch einige Cover mehr – fragt sich nur, welches Design dann fortsetzt wird, denn neben einigen Kurzgeschichten soll es nun auch, vermutlich 2014, einen zweiten Band geben. Wann der genau erscheint und wie er heißen wird, ist aber noch nicht bekannt.

WarmBodies_UKWarmBodies_US

Links ist das britische Paperback, rechts das amerikanische Hardcover (von dem es mittlerweile aber auch ein Paperback gibt). Dank des Films, der mittlerweile auch in den deutschen Kinos zu sehen war, gibt es nun auch die obligatorischen Filmausgaben, die mehr oder minder gleich aussehen (rechts ist die deutsche Ausgabe):

WarmBodiesM_UKWarmBodiesM_USWarmBodiesM_Dt

Advertisements

2 thoughts on “Rezension | Mein fahler Freund | Isaac Marion

  1. Man beachte das zusätzlich eingefügte Herz auf der deutschen Ausgabe. Wie immer wird hier Liebe Liebe Liebe in den Vordergrund gerückt XD

Und ihr so?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s