Rezension | Fractured | Teri Terry

Fractured

Reihe: Slated #2
Genre: YA, Dystopie
Verlag: Orchard Books
ISBN: 978-1-408-31948-2
Preis: £6.99
Erscheinungsdatum: April 2013
Format: Paperback

Slating löscht das Gedächtnis ehemaliger Krimineller aus, komplett, damit diese eine zweite Chance erhalten und noch einmal von vorn beginnen können. Das zumindest besagt die Theorie und Kyla hat am eigenen Leib erfahren, dass die Praxis ein wenig anders aussieht. Sie hat Erinnerungen, doch nur so bruchstückhaft, dass sie selber nicht weiß, wer sie einmal war. Nun aber treten Menschen in ihr Leben, die ihr helfen können, dieses Wissen zurückzuerlangen – wenn sie aufpasst jedenfalls. Ihr eigener „Vater“ behält sie im Auge und jeder Fehltritt, der die Aufmerksamkeit der Lorder erregt, könnte dafür sorgen, dass Kyla wie viele andere Menschen plötzlich verschwindet. Allzu große Vorsicht kann sie aber nicht walten lassen; sie muss nicht nur sich selbst, sondern auch Freunde und ihren eigenen Platz im großen Ganzen finden. Die Lorder müssen aufgehalten werden, doch auch um jeden Preis?

Ich will Teri Terrys Bücher mögen, ich will es wirklich – und zum Teil mache ich das ja auch. Als ich mir damals „Slated“ gekauft habe, studierte ich gerade in Irland, es war mein „Yay, ich habe die erste Prüfung überstanden!“-Buch – trotz seiner Fehler hat es eine Art emotionalen Wert für mich, es ist schließlich ein Irland-Buch. Deswegen war ich auch sehr auf die Fortsetzung gespannt, ob sie meine Hoffnungen erfüllen kann oder nicht. Und wieder muss ich sagen: zum Teil ja, aber eben nur zum Teil. Ich weiß nicht mal, wie ich das Buch bewerten soll!

Ein großes Problem des ersten Bandes war das Tempo; passte es zunächst noch zum Charakter, wurde es irgendwann zu viel des Guten: Kyla wurde immer selbstständiger, das Tempo erhöhte sich aber nie, was geradezu frustrierend war. Meine Hoffnung für den zweiten Band war, dass sich die Ereignisse auch einmal überschlagen, damit es nicht nur interessant, sondern auch spannend ist. Auf den letzten hundert Seiten ist das der Autorin auch (wunderbar) gelungen, zuvor lässt sie sich aber wieder viel Zeit. Kyla mag einige Erkenntnisse gewonnen haben, aber sie weiß noch lange nicht, wer sie wirklich ist – verständlicherweise, wie auch ohne ihre Erinnerung? In gewisser Hinsicht wagt sie sich auch vor, forscht nach, um mehr zu erfahren und stolpert dabei in Dinge hinein, zwischen denen sich mit jeder Seite mehr ein Konflikt anbahnt, der erst auf den besagten hundert Seiten richtig ausbricht; von daher finde ich die Langsamkeit im Nachhinein gar nicht so schlimm, trotzdem muss man zum Lesen ein bisschen Geduld mitbringen.

Meine Wünsche an den zweiten Band gingen aber noch weiter. Ich wollte Antworten und die habe ich bekommen; was den Informationsgehalt von „Fractured“ angeht, kann man eigentlich nur zufrieden sein. Von Anfang an werfen Kylas Träume weitere Rätsel auf, mit dem Fortgang der Handlung verändern sie sich aber, lösen einige der Rätsel, werfen aber neue Fragen auf. Kylas Vergangenheit formt sich mit jedem Kapitel neu und das ist definitiv etwas, das mir sehr gut gefallen hat. Außerdem wird Bens doch sehr plötzlicher Sinneswandel vom ersten Band erklärt – ich nehme meine Kritik von damals also zurück!

Bleibt Kyla, die damals anfangs schwer zu verstehen war. Das Problem legte sich im Laufe der Handlung, jetzt ist es, zusammen mit ihren Erinnerungen, wieder zurückgekehrt. Ich würde das nicht negativ sehen, gemessen daran, dass Kyla verschiedene Persönlichkeiten in sich vereint: Wer sie war und wer sie nun ist. Beides liegt recht weit auseinander, was für viel Widerstreit sorgt, der nur verständlich ist. Ich konnte manche ihrer Entscheidungen nicht nachvollziehen, aber wie auch? Ich weiß nur wenig über das Mädchen, das sie einst war, genauso wie sie selbst nicht immer weiß, was sie damals getan hat. Diese Einsicht fehlt uns (noch), da wäre es schlimmer, würde man mit jeder Handlung genau mitkommen. Das Einzige, was mich hier tatsächlich gestört hat, war Kylas ewiges Hin und Her. Mal sagt sie, sie würde alles tun, damit das Ziel erreicht wird, dann wiederum bekommt sie Zweifel. Kurze Zeit später will sie wieder alles tun, dann kehren die Zweifel zurück und so weiter und so fort. Es hat durchaus etwas mit der Geschichte zu tun, mit Kylas Vergangenheit und den Personen, die darauf Einfluss hatten – anstrengend wurde es mit der Zeit trotzdem.
Schade ist außerdem, dass viele Charaktere in den Hintergrund gerieten, allen voran Kylas neue Mutter, die im ersten Band doch sehr vielversprechend schien. Das ändert sich auch in „Fractured“ nicht, doch ihr wird, wie vielen anderen Charakteren, die teilweise erst jetzt auftreten, auch, nur wenig Platz gegeben.

„Fractured“ hat also manches besser gemacht als „Slated“ und nichts wirklich schlechter. Hinzu kommt der Terrorismusaspekt. Dass die Lorder sich ihre Gesetze machen, wie es ihnen passt, konnten wir bereits im ersten Band schnell merken, aber es wäre eine etwas zu einfache Annahme, dass alle, die gegen die Lorder vorgehen, das Richtige tun. Teri Terry spricht hier das Gut-Böse-Prinzip an und wie weit man es akzeptieren kann und sollte. Im Laufe der Handlung wird selbst auf Lorderseite angesprochen, ob sie wirklich alle „böse“ sind – können alle etwas dafür, dass sie dort sind oder gibt es da noch ein paar Informationen mehr, die wir wissen sollten, um über sie, individuell, urteilen zu können? Klar wird auf jeden Fall, dass man nicht schlecht ist, nur weil man mit ihnen arbeitet, höchstens ein wenig naiv; genauso ist man kein schlechter Mensch, weil man nicht militant gegen sie vorgeht. Schon in Band 1 haben wir einen Aktivisten kennenlernen dürfen und so, wie es aussieht, können mit dieser Haltung mehrere Menschen etwas anfangen. Ich wünsche mir, dass darauf im nächsten Bänd näher eingegangen wird.
Zurück aber zu den Terroristen, denn genau das sind sie letzten Endes. Der Zweck heiligt nicht die Mittel, das wissen wir. Von Seiten Free UK wird das aber ignoriert, auch wenn nicht jeder dort weiß, wie kaltblütig manche Mitglieder wirklich sind. Es war spannend mitzuverfolgen, wer wo steht und was sie vertreten, ob manch einem vielleicht noch die Augen geöffnet werden oder ob es längst zu spät ist. Ich gebe zu, ich hätte das Buch mehrmals gerne gegen die Wand gedonnert, weil Leuten eine Entscheidungsgewalt überlassen wird, die sie nicht haben sollten – das ist aber auch der Punkt, denke ich. Uns fällt es ein wenig leichter als Kyla, den Überblick zu behalten, und warum wird später auch geklärt. Letztlich hat das Buch ein bisschen was von einem (indirekten) Essay darüber, dass Gewalt nur Gegengewalt erzeugt und selten in etwas Gutem endet; dass es bei der Ausarbeitung dieses Punktes wenig zu lachen und in dem Sinne zu genießen gibt, kann dem Buch nicht vorgeworfen werden.

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Im Nachhinein bin ich mir immer noch unsicher, ob es nicht doch dreieinhalb Sterne statt vier sein sollten, aber Band 2 war einfach besser als der erste – und der war besser als drei Sterne, weswegen das Ergebnis nun so aussieht, wie es eben aussieht. „Fractured“ ist zu einem großen Teil ein ruhiges Buch, das erst gegen Ende noch einmal richtig losklotzt; diese Parts haben mich vollkommen überzeugt. Zuvor ließen mich Träume und halb zurückgekehrte Erinnerungen weiter rätseln, wenngleich sich keine wirkliche Bindung zur Protagonistin aufbauen ließ – schwierig, wenn sie sich nicht einmal selbst richtig kennt. Auch den politischen Aspekt der Geschichte mochte ich sehr, zumindest objektiv betrachtet – subjektiv hätte ich dem einen oder anderen Charakter gern eine runtergehauen. Letztlich ist Teri Terrys neues Buch ein gutes, wenn auch keines mit dem man Spaß im regulären Sinn hat.

Bisherige Rezensionen zur Reihe: Slated

Über den dritten und letzten Band der Reihe ist noch nichts weiter bekannt, außer dass er im Frühjahr 2014 erscheinen soll. Dafür erscheinen die Bücher seit Anfang des Jahres auch in den USA, zunächst aber als Hardcover und nicht als Paperbacks wie die UK-Ausgaben. Außerdem erscheint der erste Band am 15.6. unter dem Titel „Gelöscht“ auch auf Deutsch.

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4 thoughts on “Rezension | Fractured | Teri Terry

  1. So ich habe deine Rezi jetzt nur mal flott am Anfang gelesen und das Fazit, da ich den ersten Band nicht kenne. Die Kurzbeschreibung hat mich jetzt nämlich mal neugierig gemacht, bis ich dann fesstellte, dass es ein Fortsetzungsband ist. Umso besser, als ich runterscrolle und sehe, dass im Sommer die deutsche Übersetzung erscheinen soll. Gleich mal rauf auf die WuLi, obwohl dich „Gelöscht“ scheinbar nicht vollends begeistern konnte. *Neugierig bin*. :)

    Liebe Grüße
    Reni

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