Rezension | Mein Herz so wild | Jane Eagland

Mein Herz so wild

Originaltitel: Wildthorn
Genre: historischer Roman, Jugendroman
Übersetzer: Ingrid Weixelbaumer
Verlag: dtv
ISBN: 978-3-423-24839-6
Preis: 12,90€
Erscheinungsdatum: Dezember 2010
Format: Paperback

England Ende des 19. Jahrhunderts: Louisa Cosgrove ist nicht wie die meisten Mädchen ihres Alters – und vor allem nicht so, wie sie sein sollte. Sie möchte ein selbstbestimmtes Leben führen, doch davon ist sie momentan weit entfernt. Ohne ihr Wissen wird die 17-Jährige in eine Nervenklinik eingewiesen, in der behauptet wird, sie sei in Wahrheit Lucy Childs. Louisa glaubt zunächst an eine Verwechslung, doch so oft sie auch beteuert, nicht hierher zu gehören, kaum jemand glaubt ihr. Und wie ist sie überhaupt hierher gelangt – wer hat sie einweisen lassen und weswegen?

„Mein Herz so wild“, so kann man Louisa durchaus beschreiben, zumindest für die damaligen Verhältnisse. Ginge es nach ihrer Mutter – und dem Großteil der Gesellschaft –, würde Louisa lernen, einen Haushalt gut zu führen, sich um ihre Kinder zu kümmern und Höflichkeit wie eine Muttersprache zu beherrschen. Stattdessen will Louisa lernen, Bücher lesen, die Welt entdecken und Ärztin werden, worin zumindest ihr Vater sie auch unterstützt. Sie eckt in jeder erdenklichen Weise an – kein Wunder bei der eingeschränkten Welt, die man ihr zugestehen will.

Als ich anfing, dieses Buch zu lesen, wollte ich es mögen. Es hat so viel in sich, das ich toll finde: Eine junge Frau, die sich gegen die damaligen Konventionen auflehnt, um mal das Offensichtlichste zu nennen. Eine Frauenbewegung gibt es schließlich nicht erst seit dem 20. Jahrhundert und irgendwo muss diese Unzufriedenheit auch herkommen. Niemand muss also fürchten, dass Louisa zu „modern“ wäre, sie möchte einfach nur ihr Leben leben, was in unserer Zeit zumindest teilweise möglich wäre – ganz aber auch nicht, was vermutlich die bitterste Erkenntnis des Buches ist.

Wie Louisa sich ihren Weg erkämpft und wie es ihr in der Nervenanstalt ergeht … ja, davon wollte ich lesen. Und auch sprachlich hatte ich nie etwas zu meckern, mal abgesehen davon, dass für einen Zeitpunkt oft „wo“ benutzt wurde, was bei mir in der Regel dafür sorgt, dass sich meine Zehennägel hochrollen. So gesehen war am Anfang noch alles in Ordnung. Louisa wird zwar bereits eingewiesen, aber die Kapitel, die ihre gegenwärtige Situation schildern, wechseln sich mit solchen ab, die zunächst elf Jahre in der Vergangenheit beginnen und der momentanen Handlung danach immer näher kommen. So lernen wir auch die kleine Louise nach und nach kennen, entdecken ihre Abenteuerlust, sehen, dass sie schon damals nicht „reinpassen“ wollte. Das Verhältnis zu ihrem Vater, ihrem Bruder, ihrer Mutter … all das wird mit der Zeit dargeboten und so erfahren wir auch, was alles geschehen ist, das zu ihrer Einweisung hätte führen können.

Mein großes Problem ist, dass es mit der Zeit zwar noch immer interessant, leider aber auch sehr vorhersehbar wurde. Nicht alles ließ sich sofort und mit jedem Detail erahnen, aber überraschen konnte mich auch nichts mehr. Mein noch größeres Problem ist, dass ich nicht so recht weiß, wie ich das einzuschätzen habe. Ist es vorhersehbar, weil die Autorin ihr Buch weniger gut konzipiert hat? Oder ist es vorhersehbar, weil sie das geschehen ließ, was damals logischerweise geschehen musste? Ich tippe eigentlich auf Letzteres, denn auch wenn es Menschen gab, die Frauen wie Louisa unterstützen wollten, es gab noch viele mehr, die am alten System festhielten, und zwar mit aller Macht. Kann ich dafür wirklich Punkte abziehen? Es erscheint mir ein wenig unfair, zumal das Buch an anderer Stelle schon sehr unfaire Bewertungen erhalten hat, die in dem Fall wirklich nichts mit dem Buch, sondern mit der eigenen, eingeschränkten Weltsicht zu tun haben. Andererseits konnte mich das Buch nicht richtig mitreißen, deswegen gibt’s einen Kompromiss von einem halben Punkt Abzug und das fällt in den Statistiken nicht mal ins Gewicht. Ihr wisst also Bescheid!

Eine kleine Nachfrage an andere Leser, die das Buch bereits kennen, habe ich aber noch – vielleicht kann mir da jemand helfen durchzublicken. Das allerdings enthält Spoiler, alle anderen sollten hier also besser nicht weiterlesen.
SPOILER (Markiert den Text, und schon könnt ihr ihn lesen!)
Ich hab andere Rezensionen mal überflogen und zum Glück bin ich nur über eine „Dame“ gestolpert, die dem Buch aufgrund von Louisas Homosexualität mal eben einen Stern verpasst hat (aber sie ist nicht homophob, nicht doch!), aber immer wieder fand ich eine Warnung vor der Sexszene am Ende, meistens mit dem Vermerk, dass sie diese genauso schlimm gefunden hätten, hätte es sich hier um Mann und Frau und nicht um Frau und Frau gehandelt. (Glaub ich sofort …) Wenn die Szene besonders detailliert gewesen wäre, könnte ich das ja irgendwo nachvollziehen, aber das ist alles so blumig, geradezu züchtig formuliert und nimmt nicht mal ganz eine Seite ein – wo liegt das Problem? Ich verstehe es wirklich nicht.

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„Mein Herz so wild“ ist die Geschichte einer jungen Frau im 19. Jahrhundert, die ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen und auch Stärken führen möchte – und die dafür bestraft wird, ohne dass sie jemandem jemals etwas getan hätte. Ein zunächst interessantes, aber für mich nie gänzlich spannendes Buch, auch wenn das womöglich mehr an der Zeit, in der es spielt, liegt. Einen Blick ist es trotzdem wert – vorausgesetzt man ist in der Lage, über den eigenen Tellerrand zu gucken.

Die Cover sind hier schnell gezeigt. Da ist natürlich die deutsche Ausgabe, die ich einerseits mag und andererseits nicht, und natürlich das Original. Links ist das Hardcover (so sieht auch ein weiteres Paperback aus), rechts das entsprechende Taschenbuch dazu. Es unterscheidet sich ja eigentlich nur der Schriftzug des Titels.

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