Rezension | Stormdancer | Jay Kristoff

Stormdancer

Reihe: The Lotus War #1
Genre: YA, Steampunk
Verlag: Thomas Dunne Books
ISBN: 978-1-250-00140-5
Preis: $24.99
Erscheinungsdatum: September 2012
Format: Hardcover

Yukiko ist die Tochter von Masaru, dem Jäger des Shōguns, des Herrschers über die acht Inseln von Shima. Das Leben von Land und Leuten wird immer mehr vom Blutlotus, einer Pflanze, auf der Macht und Reichtum von Shima basieren, gefressen, doch den Shōgun interessiert dies nicht. Er beauftragt Yukikos Vater damit, einen Greifen (oder auch: Arashitora) zu fangen – obwohl diese als ausgestorben gelten und längst den Mythen des Landes angehören. Es scheint ein aussichtsloses Unterfangen, denn sowohl eine Weigerung als auch Versagen würden den Tod bedeuten – der rücksichtslose Herrscher akzeptiert es nicht, wenn seine Wünsche nicht erfüllt werden. Yukiko ahnt nicht, dass die vermeintlich sinnlose Reise Dinge in Gang setzen wird, die das ganze Land verändern können.

Auf den ersten Blick klingt „Stormdancer“ von Jay Kristoff schlichtweg genial. Auf den zweiten Blick sieht das Ganze aber schon ein bisschen anders aus. Ich habe prinzipiell nichts dagegen, dass Autoren sich an eine Kultur heranwagen, aus der sie nicht stammen. So etwas kann auch einen neuen Blickwinkel ermöglichen, was an sich nicht schlecht sein muss. Nichtsdestotrotz gibt es ein paar Regeln, die man in diesem Fall einhalten sollte – und ich bin nicht sicher, ob Jay Kristoff das getan hat.
Ich hatte schon mit Leigh Bardugos „Shadow and Bone“ so meine Probleme, weil einfachste Gegebenheiten – wie die Endung -a für weibliche Nachnamen – schlichtweg ignoriert wurden. Nun bin ich in japanischer Mythologie nicht allzu bewandert und das meiste Wissen, das ich besitze, stammt aus Mangas und Animes unterschiedlichster Genre und der Lektüre einiger Lifestylemagazine (sehr viel mehr behauptet der Autor aber auch nicht von sich selbst). Von daher kann ich schlecht sagen, ob teilweise nicht nur japanische Mythen, sondern auch andere aus anderen Teilen Asiens vermischt wurden, aber ich möchte anderen Rezensionen gerne glauben, zumal selbst ich einige Dinge bemerkt habe, die mir so nicht ganz in Ordnung schienen.

Am Ende kommt doch alles wieder auf die Sprache zurück und der Umgang des Autors damit ist … nun, nicht ganz zufriedenstellend. Natürlich bin ich auch hier kein Experte, schon gar nicht in älteren Formen des Japanischen, aber ein paar essentielle Dinge müssen einfach auffallen. Da wäre die Verwendung von „hai“ als ganz normales „ja“, wie wir es auch im Deutschen kennen. Ganz so vielfältig ist dieses kleine Wörtchen allerdings nicht, deswegen verstehe ich auch nicht, was es am Ende eines Satzes zu suchen hat, um eine Frage daraus zu machen, wenn man auch ein „ne“ dranhängen könnte. Man könnte natürlich behaupten, dass das Fantasy ist und da einiges anders ist, aber damit ließe sich nun wirklich jede fehlerhafte Recherche erklären.
Was mich aber wirklich gestört hat, war die Verwendung von „-chan“. Suffixe sind hier ohnehin ein Thema, da sie teilweise wie eigenständige Anreden behandelt werden. „Chan“ aber nutzt man, um jemanden anzureden, der einem nahe steht, meistens wird es aber für Frauen verwendet. Manchmal sogar noch für erwachsene Frauen, dann aber auf abwertende Art und Weise. Wenn du jemanden, der kein (Klein-)Kind ist und den du nicht gut kennst, so ansprichst, dann bist du der Meinung, dass du über ihnen stehst. Ich muss vermutlich nicht weiter erläutern, warum es mir nicht unbedingt gefallen hat, dass Frauennamen im Buch konsequent mit diesem Suffix ausgestattet wurden (selbst untereinander), auch wenn man sich kaum kannte oder der andere eindeutig nicht über der Frau stand. Zwar werden Frauen in der Welt, die sich Jay Kristoff ersonnen hat, nicht immer wertgeschätzt, sodass es gewissermaßen Sinn macht, aber bei Charakteren beider Geschlechter, die offensichtlich anderer Meinung sind, ist das doch mehr als fehl am Platz.

Das war nicht alles, was die Sprache betrifft, denn auch der Stil des Autors hat mir ein wenig zu schaffen gemacht. Es ist schade, wenn ein Buch jeglicher Beschreibungen entbehrt, aber zu sehr ins Detail zu gehen, ist auch nicht der richtige Weg. Ich muss nicht wissen, wo jedes Staubkorn liegt, auch meine Fantasie, lieber Autor, ist voll funktionsfähig und es macht mir Spaß, aus der Welt ein wenig meine eigene zu machen. Außerdem schienen mir die Beschreibungen fast verschwendet zu sein, denn während die Kleider des Shōguns minutiös geschildert werden, kriegen wir für viele japanische Begriffe höchstens einmal eine kurze Erläuterung. In manchen Fällen mag das in Ordnung sein, denn Begriffe wie „obi“, „kimono“ und „katana“ dürften vielen geläufig sein, und wiederum andere wie „arashitora“ sind eindringlich genug. Aber „wakizashi“ und „ō-yoroi“? Das stört den Lesefluss sehr, vor allem wenn die Erklärung fehlt und man zum Glossar blättern muss – das natürlich erst thematisch und dann alphabetisch sortiert ist. Macht Sinn, wenn manche Begriffe gänzlich unbekannt sind.
Später wird es ein bisschen besser, allerdings auch nur, da ich mich geweigert habe, alles noch einmal nachzuschauen und mir den Sinn aus dem Kontext zu erschließen versucht habe. Ob ich immer richtig lag … wer weiß. Weniger detailreich waren die Bilder in meinem Kopf deswegen nicht.
Abgesehen davon wird der Text immer englisch interpretiert – der Autor bezieht sich auf „impure“ und spricht von zwei Silben. Im Englischen mag das stimmen, aber auch im Japanischen? Und warum muss man japanisch sprechenden Menschen japanische Worte erklären? Da macht manches nicht allzu viel Sinn.

Ansonsten ist das Buch gar nicht so schlecht und wem diese sprachlichen Gegebenheiten egal sind, der wird wohl auch mit diesem Buch seinen Spaß haben können. Manches kann man ihm einfach nicht absprechen: Protagonistin Yukiko ist jemand, der seinen Willen durchsetzen kann und das auf ziemlich eindrucksvolle Art und Weise. Und auch wenn meine Sympathien im Verlaufe der Handlung immer wieder heranwuchsen, um dann erneut zu schwinden, so war es doch mal schön, von Charakteren zu lesen, die keine schlechten Menschen sind und trotzdem ihre Fehler haben. Nicht zu vergessen: der Arashitora, der mir mit seiner anfänglich fast grausamen Brutalität sofort gefiel und den ich mit jeder weiteren Seite mehr ins Herz schloss. Die Beziehung zwischen ihm und Yukiko entwickelt sich zwischendurch schon fast zu einfach, aber es war trotzdem toll, von ihrem Miteinander zu lesen.
Auch die Kampfszenen können sich sehen lassen; nicht nur sind sie nicht unnötig in die Länge gezogen, Jay Kristoff geht auch nicht allzu zimperlich mit seinen Charakteren um. Wenn schon Kettensägenkatanas mit im Spiel sind, muss das schließlich auch Konsequenzen haben – erst recht, wenn es zu Konflikten kommt. Die sind im Buch geradezu vorprogrammiert, denn auch wenn viele nicht sehen wollen, was sie ihrem Land antun, wird man bald nicht mehr die Augen davor verschließen können – und einige machen dies auch nicht mehr. „Stormdancer“ hat trotz seiner Fehler also einiges zu bieten und könnte durchaus ein gutes Buch sein – könnte.

Spannungstechnisch sieht’s am Anfang eher schlecht aus. Das erste Kapitel (und auch der Klappentext) verrät bereits, dass Yukiko auf den Arashitora trifft. Und auch wenn ich an Yukikos Vergangenheit interessiert war und wissen wollte, warum die Beziehungen zu anderen Charakteren so sind, wie sie sind, machte das die ersten 100 Seiten nicht unbedingt spannend. Wenn sich das später ändert, kann die Freude auch nicht von langer Dauer sein, denn durch unnötiges Drama wird auch das überstrapaziert. Nicht unschuldig ist daran die vollkommen sinnfreie Liebesgeschichte, über deren Existenzberechtigung ich immer noch grüble. Die meiste Zeit über träumt Yukiko ohnehin nur von seinen grünen Augen und die Gefühle, die sich da später entwickeln sollen, sind alles andere als glaubwürdig. Die Pluspunkte werden genauso schnell wieder verspielt, wie sie gewonnen wurden – schade drum.

03

Was anfangs sich nach einem spannenden Abenteuer anhört, entpuppt sich als zwar actiongeladene, manchmal aber auch reichlich überdramatisierte Geschichte, die einfachste sprachliche Gegebenheiten ignoriert und nur ab und an zu glänzen vermag. Für den einen oder anderen mag „Stormdancer“ geeignet sein, aber das will gut überlegt sein.

Geniales Cover lässt grüßen. Nur warum trifft es so oft Bücher, die das eigentlich nicht verdienen? Die UK-Ausgaben sind mal wieder nicht ganz so schick, aber zumindest Band 1 lässt sich noch sehen. Band 2, „Kinslayer“, wird am 17.09.2013 erscheinen. Wer sich die Zeit ein wenig vertreiben will: Es gibt eine Prequel-Kurzgeschichte und eine Kinderbuchausgabe des ersten Bandes.

Kinslayer_200Stormdancer_UKKinslayerUK_200

Advertisements

One thought on “Rezension | Stormdancer | Jay Kristoff

  1. Pingback: Liebe Buchproduktionswelt, selbst weißes Licht enthält viele Farben | Teil 2: Eine Lösung | Muh, das Telefonbuch

Und ihr so?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s