Rezension | Battle Royale | Koushun Takami

Battle Royale

Originaltitel: バトル・ロワイアル
Genre: Dystopie
Übersetzer: Akiko Altmann
Verlag: Heyne
ISBN: 978-3-453-43721-0
Preis: 9,99€
Erscheinungsdatum: September 2012
Format: Paperback

In der Republik Großostasien wird es Zeit für den Start des nächsten Programms. Der Grundablauf ist immer gleich: Eine Klasse wird auserwählt und auf eine Insel geschickt, wo sich die Schüler gegenseitig umbringen sollen, bis nur ein Überlebender verbleibt. Sollten sie sich weigern, den Anweisungen Folge zu leisten, werden sie anderweitig ausgeschaltet.
Dieses Mal trifft es die Klasse 9-B der Shiroiwa Junior High, und statt der geplanten Klassenfahrt wartet auf Shuya und seine Freunde eine brutale Erfahrung, die sie daran zweifeln lässt, wen sie wirklich noch ihre Freunde nennen können. Bisher gab es nie einen anderen Ausgang als den von der Regierung angestrebten – wer also wird diesmal als „Sieger“ hervorgehen?

„Battle Royale“ und „The Hunger Games“ – ich werd nicht ganz drumherum kommen, darüber zu sprechen, was? Es hat schon lange gedauert, bis ich anfing, von Katniss‘ Geschichte zu lesen; erst kurz vorm Erscheinen des Kinofilms ging es los. Eigentlich hat mir das auch gereicht. „Battle Royale“ hat mich grundsätzlich interessiert, aber ein wirkliches Bedürfnis, das Buch zu lesen, hatte ich noch lange nicht – selbst als vermehrt Plagiatsvorwürfe gegen Suzanne Collins auftauchten. Am Ende musste ein leuchtendes Cover her, damit ich zum Buch greife; zu dem Zeitpunkt waren meine Erwartungen sehr weit runtergeschraubt, trotzdem muss ich sagen: Ob „The Hunger Games“ nun geklaut ist oder nicht – es ist eindeutig das bessere Buch.

Bleiben wir erst einmal bei „Battle Royale“, welches schon bedenklich startet. Nicht etwa ob des Inhalts, sondern wegen der Art und Weise, wie auf wenigen Seiten ganz kurz alle 42 Schüler vorgestellt werden. War dem Autor nicht bewusst, dass Normalsterbliche die meisten Namen wieder vergessen haben, wenn die Geschichte richtig startet, oder war es ihm egal? Da viele der Charaktere auch nicht viel mehr werden als Namen, die in manchen Passagen erwähnt werden, musste ich mich ohnehin fragen: Warum überhaupt so viele? Sehr viel weniger schrecklich wäre das Szenario mit weniger Charakteren auch nicht, und zusätzlich wäre ich nicht genervt, ehe das Buch überhaupt loslegt.

Wären es nur diese Einstiegsschwierigkeiten, könnte der Rest ja noch gut werden, aber auch mit dem Erzählstil bin ich nicht gut zurecht gekommen. Zum Teil mag das sehr subjektiv sein – ich bin mit japanischen Autoren nicht sehr vertraut und deshalb kann ich nicht beurteilen, was davon einfach zu einer japanischen Erzählkultur gehört und was im Original vielleicht wesentlich besser klingt –, aber manches war zu abstrus, um entschuldbar zu sein. Das krasseste Beispiel ist wohl der Moment, in dem eine Schülerin aus der Flasche von jemandem trinkt, den sie gerade umgebracht hat. Im Text steht dann, dass der Gedanke, dass sie gerade einen indirekten Kuss mit einer Leiche austauscht, ganz weit weg von ihr ist – nun, von mir auch, wäre es nicht erwähnt worden, hätte ich nicht mal in diese Richtung gedacht. Mache ich momentan übrigens immer noch nicht.
Manche Probleme ergeben sich auch durch die Übersetzung – zumindest könnte das eine Begründung dafür sein, dass „Battle Royale“ bisweilen geradezu schnulzig geschrieben ist und ich lediglich zwei Passagen des Buches richtig gut fand, nämlich die zwei letzten. Abgesehen davon strotzt der Text nur so vor Fehlern: fehlende Wörter, dass/das-Verwechslungen, Satzanfänge werden klein geschrieben, das zweite Wort muss dafür kein Substantiv sein, um groß geschrieben zu werden. Da auch die englische Übersetzung angeblich viele Fehler aufweist, frage ich mich, ob das nicht schon im Original so war. In dem Fall wäre es aber nett gewesen, wenn man zu Beginn darauf hinweist, zumal das später bei den Texten, die sich zwei Schüler schreiben, so gehandhabt wird. Da ein solcher Hinweis nicht existiert, muss ich leider davon ausgehen, dass der Verlag hier sehr schlechte Arbeit geleistet hat.

Bleibt die Geschichte, nicht wahr? Sie ergibt für mich keinen Sinn, jedenfalls nicht die Grundvoraussetzung. Das Programm gilt als eine Art Wehrpflicht, doch wie soll das funktionieren? Die Überlebenden werden wohl kaum in Ehrerbietung vor der Regierung zergehen und da alle betroffen sind – auch Regierungsmitarbeiter beispielsweise – verstehe ich nicht, wie die Mehrheit der Bevölkerung da mitgehen soll. Einige sicherlich, selbst wenn sie selbst betroffen sind und ihre Kinder verlieren. Andere mag dieses Abschlachten vielleicht auch reizen, aber sobald man selbst Verluste erleidet, wird sich auch hier die Haltung verändern. Im Buch sehen wir dementsprechend viele Eltern, die sich wehren wollen und dann zwar ausgeschaltet werden, aber auf Dauer kann das nicht funktionieren. Am Ende wird bemerkt, dass es auch keinen Sinn ergeben soll – eine wirklich befriedigende Antwort ist das nicht. Klingt eher nach einem Autor, der eine Idee hatte, an einem gewissen Punkt stockte und keine Lust hatte, das weiter zu überdenken.
Die weiteren Ereignisse sind sicherlich schrecklich, verlieren aber ihren Effekt durch die Masse. Es ist wie mit den Nachrichten: Natürlich ist es traurig, was da zig Menschen passiert und bisweilen drehte sich mir bei all der Grausamkeit doch ein wenig der Magen um. Aber richtig mitfühlen, mit Menschen, die man überhaupt nicht kennt? Da muss man schon sehr empathisch sein, was zumindest bei mir nicht zutrifft. Mich haben nur zwei Charaktere mitgerissen, denn diese beiden erhalten eine etwas tiefgehendere Charakterisierung, werden etwas genauer vorgestellt und das über das komplette Buch hinweg. Schicksalsschläge und Hintergrundinformationen gibt es auch noch öfter, meist aber in allerletzter Minute, was nicht gerade für Tiefe bei der Figur sorgt. Sehr enttäuscht war ich auch von den Protagonisten des Buches – gerade Noriko, die weibliche Hauptfigur, bleibt schmückendes Beiwerk und hat die meiste Zeit über nicht mal eine Waffe zur Selbstverteidigung. Wie die meisten ihrer Klassenkameraden bleibt sie ein wandelndes Klischee.

Gab es eigentlich auch was Gutes an „Battle Royale“? Nun, es kann schocken. Was Menschen einander antun können, ist nicht weit hergeholt, auch wenn mir die Ausgangssituation in den Details unglaubwürdig erscheint. Der Autor nimmt den Leser ein bisschen in die eigenen Abgründe mit – immer mal wieder habe ich mich dabei erwischt, wie ich besonders miesen Charakteren ihr Ende gegönnt habe. Es ist eine Sache, aus Angst das „Spiel“ mitzuspielen, oder weil man absolut kein Mitgefühl aufbringen kann. Es ist etwas anderes, das Ganze zu genießen, die Chance zu nutzen und noch andere Verbrechen zu begehen, jemanden zu vergewaltigen zum Beispiel. Die Art, wie viele gestorben sind, hat mich immer noch entsetzt, aber mein Mitleid bleib einigen vorenthalten.

Hat Suzanne Collins das nun alles geklaut? Ich weiß es nicht, sie verneint dies. Ähnlichkeiten bestehen auf jeden Fall: So ist wird das Ganze als „Spiel“ bezeichnet und von der Regierung veranlasst, was an sich aber auch bei Takami keine gänzlich neue Idee ist. Bei Collins macht es zudem Sinn, die „Spiele“ dienen der Unterdrückung eines großen Teils der Bevölkerung, die Oberschicht ist aber sicher und die Unterstützung vieler damit – vereinfacht gesagt – gewiss. Der Gewinner ist am Ende versorgt, aber nicht gänzlich sicher. Während des „Spiels“ werden die Tode der anderen „Spieler“ verkündet. Die Bewegungen von „Spielern“ sind beeinflussbar. (Wann sind sie das nicht?) All das sind für mich erst mal keine Beweise für ein Plagiat und die übernommenen Charaktere, von denen ich gehört habe, konnte ich auch nicht entdecken. Um da zu einem Schluss zu kommen, muss man beide Bücher wohl noch einmal ganz genau lesen und vergleichen, aber nach meinen ersten Durchgang kann ich die These nicht wirklich unterstützen.

02_Wertung

„Battle Royale“ kann vor allem eines: schocken. Bei allem anderen kann es aber nicht überzeugen. Wie auch immer das Original aussieht, im Deutschen darf man sich (bei der aktuellen Ausgabe) durch einen extrem fehlerhaften Text quälen, der of kitschig wirkt oder abstrusen Gedanken folgt. Die meisten der Charaktere sind reine Klischees, was bei 42 verschiedenen Personen aber auch zu erwarten ist – das nimmt dem Buch einiges von dem Effekt, den es haben könnte und deshalb kann ich leider nur sagen: Das hätten Sie besser machen können, Herr Takami.

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2 thoughts on “Rezension | Battle Royale | Koushun Takami

  1. Ich hab dich ja gewarnt ;D
    Wobei ich die beiden Filme im Gegensatz doch ganz anschaulich finde, zumal diese auch inhaltlich besser sind als das Buch.
    Dass da so viele Fehler drin sind dürfte bei so einem renommierten Verlag wie Heyne und zudem noch bei einer Neuauflage auch nicht passieren :/
    Vielleicht hat der Lektor vor Ekel auf die Tastatur gereiert xD

    • Das Buch war eh gekauft, da gab’s ja eh kein Zurück mehr. xD
      Ich hab’s bisher immer noch nicht geschafft, die beiden zu gucken, aber der zweite Teil klang ein bisschen abstrus, fand ich. Weiß aber gar nicht mehr, was ich da so komisch fand, irgendein Detail war’s. xD
      Dann hat der aber viel draufgehauen, dass da solche Fehler entstehen, bah. Aber wenn’s bei dir damals nicht so übel war, kann’s ja eigentlich nicht am Original liegen.

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