Literatur, das sind Schiller und Goethe und nichts anderes

Der eine oder andere hat bestimmt mitbekommen, dass ich manchmal im Buchladen arbeite und während ich einst mit Freuden Buchhändlergeschichten gelesen habe, „durfte“ ich mittlerweile auch selber einige Sachen erleben. Da sind natürlich die schönen Momente, wenn junge Menschen ausrasten, weil sie bemerken, dass das gewünschte Buch bereits erschienen ist oder ein kleines Mädchen einfach nicht ohne Buch gehen kann und ihr letztes Geld zusammenkratzt, um ein Hardcover kaufen zu können. (Gah, die Kleine. v-v Hätt‘ ich mein Portemonnaie da gehabt, hätt‘ ich ihr das Ding auch so gekauft.)

Und dann gibt’s da diese … na, diese Kunden. Menschen, die denken, dass das, was sie lesen, das Beste vom Besten ist und bei uns stapelweise im Laden liegen sollte. In fünf verschiedenen Ausgaben. Letztens war da so ein charmanter Herr, und wenn ich jetzt an ihn denke, koch ich immer noch vor Wut. Ich verstehe ja, dass man enttäuscht ist, wenn das Gesuchte nicht vorhanden ist und mit unserem Sortiment bin ich selber nicht immer ganz zufrieden. Aber meine Güte, die Ladenfläche ist begrenzt, es ist mitten in der Stadt und dementsprechend sollte die breite Palette vertreten sein – was sie auch ist.
Nun, besagter Herr fragte nach Brecht und Schiller und war mit der zugegebenermaßen kleinen Auswahl nicht zufrieden. (Hätte er mal nach den Manns gefragt!) Er fuhr mit seiner Beschwerde fort, denn wir hatten nicht nur wenige Titel da, nein, es waren außerdem nur lächerliche Taschenbücher! Und unerhört billige Reclam-Hefte! Und – igitt! – Hamburger Lesehefte! Bei diesen Autoren muss man doch wertvolle Gesamtausgaben haben, gebunden und überdurchschnittlich teuer! (Weil auch so viele Kunden genau danach suchen, dass sich das lohnen würde, die immer da zu haben statt zu bestellen, wenn es verlangt wird … ne.)
Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, zeigte er verächtlich zum Fantasy-Tisch: „Stattdessen haben Sie sowas da!“

Ich hab mich brav entschuldigt, beteuert, dass es mir leidtut, dass die gewünschten Sachen nicht vorhanden sind und darauf hingewiesen, dass ich gerne nachsehen kann, was es gibt und was man bestellen könnte – das meiste ist dann ja am nächsten oder übernächsten Tag da. Am Ende – „Nun, andere lesen auch gerne Fantasy“ – saß das Lächeln aber alles andere als fest und ich fürchte, man hat mir die zunehmend stürmischer werdenden Gedanken ein wenig ansehen können. (Ich geb mir ja Mühe, aber …)

Manchmal möchte man am Eingang doch ein Schild mit dem Hinweis aufstellen, dass Literatur nicht nur das ist, was man selbst als wertvoll erachtet.

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9 thoughts on “Literatur, das sind Schiller und Goethe und nichts anderes

  1. Ich kann solche Lesesnobs nicht ausstehen. Ich meine, wenn kümmerst wenn man die Bestsellerliste rauf und runter liest? Die Titel sind ja auch aus gutem Grund da drauf. Oder wenn man gerne Fantasy liest? Einige der bekanntesten Geschichten sind Fantasy, wie Herr der Ringe. Und Goethe? Ich meine, die meisten Leute die den lesen (müssen), gehen zur Schule oder zur Uni, also sind max. Mitte zwanzig und sind froh, wenn sie die billigen Reclam Ausgaben bekommen. Es geht doch um den Inhalt, nicht um den Preis des Buches.

    • Ich bewundere echt jeden, der Goethe genießen kann. Kenne nur zwei seiner Werke, aber die haben mir jeweils auf ihrere eigene Art versichert, dass ich das so schnell nicht wieder probieren sollte.
      Ich persönlich käme bei sowas Teurem gar nicht auf die Idee, erst mal nur zu gucken. Gut, mich erst mal beraten zu lassen, das ist das eine. Aber wenn es sich nicht gerade um eine momentan beliebte Serie handelt oder es irgendwie in der Werbung war, wird das kaum jemand mitnehmen; wenn ich das will, bestell ich es.
      Dass man als begeisterte Leser als Autor da auch was haben will, das was für’s Auge ist, ist ja vollkommen normal – da reichen normale TBs nun mal nicht. Aber die Arroganz, die der Herr da an den Tag legte, war schon ein bisschen heftig.

  2. Toller Beitrag Shiku, auch wenns mir um deine Erfahrung leid tut. Wenn der Kunde König sein soll, sich dann aber so verhält, stell ich mir echt nicht einfach vor. Klasse, dass du da noch relativ ruhig bleiben konntest!

    Und schön zu sehen, dass es auch die guten Tage gibt. Ach ist das süß mit dem Mädchen ;)

    Mir gehts aber leider auch oft so, dass immer gerade das, was ich gerne kaufen würde, nicht haben. Klar ist dann Bestellen möglich, aber dann muss ich wieder in den Laden laufen und kann es genauso über das Internet bestellen. Von der daher auch Hut ab davor, die richtige Auswahl zu treffen und ein Sortiment zu haben, mit dem man immerhin die Mehrheit zufriedenstellt.

    Und dir wünsch ich zum Ausgleich wieder einen richtig schönen Tag!

    • Danke. :)

      Ja, die Kleine war so niedlich. v-v Sie wollte erst ganz geknickt ohne Buch gehen, hat es aber dann doch nicht fertig gebracht. <3 Ich glaub, demnächst nehm ich mein Portemonnaie immer mit, damit ich traurigen Kindern ihre Bücher kaufen kann. xD (Wenn ich mir vorstelle, dass sie ohne Buch gegangen wäre … das wär' so traurig gewesen!)

      Das Problem kenn ich ja auch. Ich war seit Ewigkeiten nicht mehr in einem Buchladen "shoppen" (und das auch nur in London wieder), weil ich nun mal englische Bücher will und die Auswahl hier eher klein ist – da geht's gar nicht anders, als alles zu bestellen. Aber es gibt doch zig Möglichkeiten, die einem keine fünf Minuten Zeit wegnehmen: Man kann anrufen, sich erkundigen, ob sowas da ist oder im Internet schauen. Die großen Ketten zeigen da ja mittlerweile an, ob das Buch in der Filiale vorhanden ist. Und wenn nicht, kann man es in die Filiale schicken lassen und muss keine Kontodaten und dergleichen angeben – das ist nicht optimal und für eine Beratung muss man immer noch zum Laden gehen, notfalls auch "umsonst", aber so dramatisch find ich das wirklich nicht.

      Es wird wohl nie einen Laden geben, der alle Kunden zufriedenstellt. Hier gibt's da auch sehr unterschiedliche Meinungen – die einen wollen, dass wir uns mehr auf Klassiker oder Technik oder was weiß ich konzentrieren, die anderen schwärmen vom umfangreichen Sortiment. xD

      Merci encore une fois!

  3. Danke, deinen letzten Satz möchte ich genau so unterschreiben. Der gute Herr findet bestimmt auch kleinere Buchläden, die sich nur auf „gehobene“ Literatur spezialisieren, jeder normal denkende Buchhändler muss aber nunmal eine breite Palette bedienen, und da sind sicherlich Bücher dabei, die einem selbst auch nicht gefallen.
    Ich lese meist nur Jugendbücher und mir ist schon klar, dass die literarisch nicht die Spitze sind. Aber na und? Ich lese es halt gern und dafür möchte ich mich auch nicht niedermachen lassen.

    • Ganz genau. Ich gebe zu, es gibt Bücher, die will ich auch nicht im Laden sehen. „Beautiful Disaster“ zum Beispiel, nicht nur weill es unglaublich schlecht ist, sondern vor allem weil es sehr schlechte Botschaften überbringt (kurz: Mädels, gehorcht dem Typen, der behauptet, euch zu lieben). So ein Trara führ‘ ich deswegen aber auch nicht auf.
      Zumal es ja auch wirklich fantastische Jugendbücher gibt. Wenn ich da an Laurie Halse Andersons „Wintermädchen“ denke, oder Harry Potter oder Davod Levithans „Two Boys Kissing“. Ich glaube, die meisten, die Jugendliteratur (und anderes) als Mist abtun, haben noch nie ein Buch aus dem Genre aufgeschlagen und gelesen.

  4. Ahaha, bitte mehr solcher Beiträge, damit ich mich freuen kann, das nicht mehr ertragen zu müssen :P Du hast natürlich mein vollstes Beileid. Solche Snobs sind mir glücklicherweise in den ganzen 6 Jahren nicht begegnet, halleluja!

    • Schadenfreude ist ja eh die schönste Freude, richtig? x)
      Aber wie hast du das geschafft? xD Hatte erst kurz davor jemanden, der es als Armutszeugnis sah, dass wir keinen ganzen Tisch für Büchner da hatten, obwohl Büchnerjahr ist. (Gab ja nur auch den deutschen Buchpreis und was weiß ich, aber ach, wen interessieren schon die Details?)

Und ihr so?

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