Rezension | Two Boys Kissing | David Levithan

Two Boys Kissing

Genre: YA, Contemporary
Verlag: Knopf
ISBN: 978-0-307-93190-0
Preis: $16.99
Erscheinungsdatum: August 2013
Format: Hardcover

Craig und Harry sind bereits seit einer Weile nicht mehr zusammen, dennoch möchten sie gemeinsam einen neuen Rekord für den längsten, ungebrochenen Kuss aufstellen; zunächst gilt dieses Unternehmen vor allem ihrem Freund Tariq, doch wichtig ist es nicht nur für ihn. Es zählt auch für Peter und Neil, die tatsächlich ein Paar sind. Und für Ryan und Avery, aus denen vielleicht noch mehr wird. Und eventuell sogar für Cooper, der niemanden hat. Sie alle verbindet vor allem eines: Sie sind junge, schwule Männer, die mal akzeptiert und mal verstoßen werden, die in Ruhe ihr Leben führen können und um ihre Rechte kämpfen müssen – doch dies ist nicht nur ihre Geschichte.

„Two Boys Kissing“ ist in gewisser Hinsicht ein sehr kleines Buch: Bei normaler Hardcovergröße umfasst es gerade einmal 196 Seiten, obwohl manche Seiten recht viele Leerzeilen enthalten. Umso faszinierender und schöner ist es, wie viel Wichtiges in diesem Buch steht – und wie schnell es dem Autor gelingt, den/die LeserIn zu fesseln.

Neben der Dünne sticht vor allem eines sofort ins Auge: die Erzählperspektive. „You can’t know what it is like for us now – you will always be one step behind. Be thankful for that. You can’t know what it was like for us then – you will always be one step ahead. Be thankful for that, too.” Dies sind die ersten Worte, die uns auf Seite eins begrüßen und schnell wird klar: Hier erzählt kein aktiver Charakter der Geschichte, hier erzählt auch niemand, der allwissend ist, und es erzählt vor allem nicht nur einer. Stattdessen verleiht David Levithan all jenen Männern, die während der 80er Jahre AIDS zum Opfer fielen, eine Stimme und lässt uns durch sie einen Blick auf das Leben junger, schwuler Männer im Heute erhaschen.

Es hat wirklich nicht lange gedauert, ehe bei mir die ersten Tränen kullerten; denn auch wenn der Chor – denn daran erinnern die Erzähler – immer wieder aufzeigt, wie viel sich geändert und verbessert hat, so ist das Schicksal dieser Männer nicht weniger tragisch. Und so sehr sich die Dinge verbessert haben – nicht alles ist gut. Schwule Männer und Jungen (genauso auch lesbische Frauen und Mädchen, auch wenn diese nicht im Zentrum dieses Buches stehen; David Levithan könnte auch nicht in dieser Art berichten, womit Lesben tagtäglich konfrontiert werden) haben noch lange nicht das Recht, ihr Leben so zu gestalten, wie sie es möchten. So wissen Craigs Eltern nicht, dass ihr Sohn schwul ist und er hat Angst davor, was Harry und sein Versuch in Gang setzen wird. Tariq wird doppelt diskriminiert, nämlich als Schwuler und als Person of Colour. Auch die anderen werden immer wieder mit Hass konfrontiert, von ihrer Familie und von Fremden und das einfach nur, weil sie Menschen des gleichen Geschlechts lieben. Das ist keine Neuigkeit, aber es ist immer wieder erschütternd zu sehen, dass es so ist und welche Ausmaße es annehmen kann.

Besonders schön an „Two Boys Kissing“ ist, dass so viele verschiedene Charaktere darin Platz finden. Wir haben mit Harry, Craig, Neil und Peter zwei (ehemalige) Pärchen, aber eine Romanze wird es nie. Avery wurde bei seiner Geburt als Mädchen identifiziert und fürchtet, dass Ryan (und andere) ihn nicht als Jungen wahrnehmen könnten. Trotzdem zeichnet sie alle ein gewisser Optimismus aus, der Cooper fehlt – denn während sie Unterstützung, wenn auch nicht von allen Seiten, finden, ist er allein. Was das aus einem Menschen machen kann, und wozu es manchen treibt, wird auch gezeigt.
All diese Menschen bilden zusammen mit dem Chor ein Bild, das mit den zwei Jungen, die sich küssen, einen Ankerpunkt hat, von dort aus aber noch sehr viel mehr erzählt.

Vieles, was hier gezeigt wird, ist nicht schön, im Gegenteil. Das Buch zeigt zum Teil eine harsche und sehr hässliche Wahrheit. Und dennoch ist es so wunderbar hoffnungsvoll, dass ich es am liebsten noch einmal lesen würde. „The good thing about human progress is that it tends to move in one direction […]. Moves like an arrow, feels like an equal sign” (Seite 67). Gehen deswegen alle Geschichten gut aus? Nein. Es mag Happy Ends geben, aber das galt nie für jeden und es wird noch dauern, ehe es zumindest in Sachen Gleichheit für alle möglich ist. Wir alle können aber dazu beitragen, und auch wenn der Chor in erster Linie die jungen Männer dieser Geschichte und sicherlich auch die schwulen Leser anspricht – am Ende ist es eine Botschaft, die wir uns alle zu Herzen nehmen müssen, jede/r auf ihre/seine eigene Art.

05

„Two Boys Kissing“ ist ein wunderbares, ein erschreckendes, ein trauriges, ein hoffnungsvolles, ein berührendes, ein manchmal wütendes Buch, alles zugleich auf wenigen Seiten, die deswegen nicht oberflächlich sind. Erzählt wird hier vom Leben vieler Menschen durch die Augen derer, die bereits Abschied davon nehmen mussten. Und ich denke, es sollten alle zumindest einmal gelesen haben.

Für April 2014 ist ein britisches Taschenbuch mit neuem Cover angekündigt, allerdings findet sich darüber (noch) nichts beim Verlag. Das Cover, das hier und da immer mal auftaucht, passt jedoch gut zum britischen Cover von „Every Day“, weswegen man wohl davon ausgehen kann, dass es so oder so ähnlich aussehen wird; schade ist es trotzdem ein bisschen, denn ich liebe das Originalcover.

Every Day_200 Two Boys Kissing_UK

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6 thoughts on “Rezension | Two Boys Kissing | David Levithan

  1. Hach schön. Ich fand es auch so toll, dass hier alle Bandbreiten dargestellt werden, von denjenigen, die überhaupt keine Akzeptanz und Unterstützung erfahren, zu denjenigen, die ein bisschen davon mitbekommen, und denen, deren Eltern und Freunde damit ganz normal umgehen. Für die Figuren war das nicht schön und mir tat das auch immer ganz schön weh, aber es ist ja leider realistisch so :( Aber dadurch kam ja irgendwie auch das Hoffnungsvolle zustande, weil man an manchen Stellen gesehen hat, wie es besser wäre.
    Finde das PB auch nicht so toll. Das mit der Schrift ist zwar cool, aber doof, dass die sich gar nicht richtig küssen und auch gar nicht richtig als Jungs zu erkennen sind :( Da finde ich das Original auch wesentlich passender und besser.

    • Ich glaube, das Buch hatte für mich auch schon gewonnen, als Avery vorkam. :)
      Es ist einfach super konzipiert, da kann man wohl wenig gegen sagen. xD
      Und dann kommt ja noch hinzu, dass der ganze Stil ja ein klitzekleines bisschen von John Greens neuen PBs kopiert wurde … aber nur ein bisschen. xD

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