FYI | The Handmaid’s Tale, Margaret Atwood | Wildwood, Colin Meloy & Carson Ellis

Mal wieder zwei mit einem Streich, aber ausnahmsweise keine Reihenfortsetzungen, weswegen es auch absolut keine Spoiler gibt. Eines der Bücher, „The Handmaid’s Tale“, ist gewissermaßen ein Klassiker und bei denen tu ich mich mit Rezensionen ohnehin schwer, da ist das hier doch eine nette Alternative. Bei „Wildwood“ wiederum gibt es für mich nicht allzu viel zu sagen, erst recht nichts allzu Positives.
(Falls es jemanden tröstet: Fortan sollen wieder mehr Einzelrezensionen folgen.)

The Handmaid's Tale

Offred war einst eine Frau wie viele andere auch und lebte ein Leben, mit dem sie recht zufrieden war – doch christlicher Fundamentalismus und Extremismus hat die Gesellschaft längst umgekrempelt. Heute sind Frauen nur noch Gebärmaschinen, bestenfalls Anhängsel von Männern in Machtpositionen. Jedes „unproduktive“ Verhalten – Homosexualität, Verhütung – steht unter der Todesstrafe. Offred selbst war damals noch jung genug, um zur „Handmaid“ zu werden, eine jener Frauen, die einem Ehepaar zugeordnet wird, um an Stelle der Ehefrau ein Kind zu „empfangen“. Doch die Geburtenraten gehen beständig zurück, viele Kinder kommen tot oder behindert zur Welt und gelten in dieser Welt als nicht lebenswert. Offreds Zeit läuft davon, denn wer nicht mehr gebären kann, wird eliminiert.

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„The Handmaid’s Tale“ wurde 1985 zum ersten Mal veröffentlicht und es ist erschreckend, dass dieses Buch – 29 Jahre später – noch genauso aktuell ist. Denn Offred erinnert sich an die Zeit von „damals“ und wir bekommen eine Welt zu sehen, die im Grunde ist wie unsere: Frauen sind theoretisch gleichberechtigt, haben ihre Jobs, ihre Familien, ihre Rechte – alle Möglichkeiten stehen ihnen offen; scheinbar zumindest. Denn wie kann das wahr sein, wenn eine vergleichsweise kleine Gruppe mit ihren engstirnigen Ansichten von Sittsamkeit und Anstand alles über den Haufen werfen? Wie kann es von einem Tag auf den anderen illegal werden, dass Frauen einer Arbeit nachgehen? Wie können all ihre Besitztümer mit einem Mal ihren Männern – Partner, Brüdern, Vätern – übertragen werden? Und wie kann es sein, das ein derartiges System der Unterdrückung entsteht?
Mir ist beim Lesen regelmäßig schlecht geworden. Ich denke nicht, dass uns eine ähnliche Entwicklung droht, aber einige Elemente der Geschichte lassen sich heute noch immer finden. Uns wird heute – unter anderem – das Bild vermittelt, Frauen müssten sexy und möglichst ansprechend sein, aber wenn dem nachgekommen wird, wird es verdammt – auf einmal ist von „Schlampen“ die Rede, die es verdient haben, wie reck behandelt zu werden. Wenn ihnen etwas passiert, sind sie selber Schuld. Noch heute wird bei Vergewaltigungen gefragt: Was hat sie getragen? War sie betrunken? Und in allem steckt die Heteronormativität – es wird immer davon ausgegangen, dass die Menschen heterosexuell sind, der vorgegebene Weg nach der erfolgreichen Partnersuche ist auch klar: Es muss Kinder geben.
In „The Handmaid’s Tale“ sieht das dann so aus: Um Frauen vor ihrer angeborenen Sünde zu schützen, müssen sie stets anständig gekleidet sein, die Haut bleibt bedeckt, der Blick gesenkt. Ihre Rettung ist die Schwangerschaft, aber alles, das schiefläuft, ist ihre eigene Schuld. Nicht der Mann ist „fehlerhaft“ wenn zig Handmaids Fehlgeburten erleiden, nein, es sind immer diese Frauen, und ihre Sünden haben dazu geführt.
Es ist beklemmend, in diese so offensichtlich sexistische Welt einzutauchen und viel zu viel wiederzuerkennen, auch wenn es oft ins Extrem getrieben wurde. Es tut weh, zu sehen, wie Offred von all dem erdrückt zu werden scheint, während wir nicht mal ihren wahren Namen erfahren. Leider ist es auch frustrierend, beobachten zu müssen, wie viel Erfolg das System hat; sowohl bei ihr als auch allgemein.

Letztendlich kann ich euch allen nur empfehlen „The Handmaid’s Tale“ zu lesen, auch wenn ich selbst zugeben muss, dass mir eine andere Perspektive mehr gebracht hätte. Ich konnte mich in vielerlei Hinsicht nicht mit Offred identifizieren, viel mehr aber mit einer Freundin von ihr, die ein paar Mal vorkommt. Vielleicht hätte es mit ihr auch ein abgeschlossenes Ende gegeben – aber wer weiß, vermutlich auch nicht. Zu dieser Geschichte hätte es ohnehin nicht gepasst. Selbst wenn ein solches System zerschlagen wird, lebt es weiter in den kleinen Details, weiterhin vermittelten Werten, der Sprache … und viel zu viele wollen es nie sehen.

Wildwood

Prue passt gerade auf ihren Bruder auf (zumindest sollte sie das tun), als Krähen diesen entführen und mit ihm in die Undurchdringliche Wildnis verschwinden. Noch nie ist jemand von dort zurückgekehrt, aber Prue sieht es als ihre Pflicht, ihren kleinen Bruder zu retten. Begleitet von einem Freund, Curtis, macht sie sich auf den Weg und ahnt noch nicht, welche wundersame Welt voller sprechender Tiere sie erwartet – mit dem schon lange andauernden Konflikt, in den sie da hineingerät, hat sie erst recht nicht gerechnet.

02_Wertung

Ich mochte es einfach nicht. Die Welt an sich ist toll, denn mal ehrlich, was kann schon groß gegen eine Kojotenarmee und sprechende Adler und und und gesagt werden? Nicht viel, dummerweise weiß der Rest des Buches so überhaupt nicht zu überzeugen.
Es ist ja ganz nett geschrieben, wenn ich einige vollkommen unnötige Szenen mal ignoriere, aber damit sowas funktioniert, muss es auch mit den Charakteren hinhauen und das ist nicht der Fall. Das größte Problem haben mir eigentlich die Hauptcharaktere bereitet. Prue an sich ist schon reichlich unverantwortungsvoll: Da lässt sie mal eben ihren Bruder unbeaufsichtigt stehen, um kurz in die Bibliothek zu gehen und glaubt wildfremden Menschen, obwohl sie kurz vorher noch selbst sagt, dass sie nie ganz sicher sein kann, was jemand vorhat. Ich schieb’s einfach mal auf die Eltern, die verhalten sich nämlich ähnlich verantwortungslos.
Viel schlimmer ist aber Curtis, der den Titel „Größter Volldepp der Literaturgeschichte“ verdient. Der Kerl mischt sich mal eben in Kriege ein, ohne die Parteien zu kennen, tötet dabei Menschen (und das als angeblicher Pazifist), geht Verpflichtungen ein, ohne über die Konsequenzen nachzudenken und ist generell der schlimmste Sohn, den man/frau sich überhaupt vorstellen kann – und das bei einer scheinbar gesunden Familie.
Irgendwann hab ich den Text nur noch überflogen, damit ich es endlich hinter mir habe. Die anderen Charaktere waren nicht so übel, aber viel geholfen hat das dann auch nicht mehr.

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13 thoughts on “FYI | The Handmaid’s Tale, Margaret Atwood | Wildwood, Colin Meloy & Carson Ellis

  1. The Handmaid’s Tale würd mich auch echt noch interessieren, ich muss mal schauen, ob ich das nicht in der Bib bekomme. Schon krass, wenn das eigentlich alles noch so aktuell ist. Ich bin mal gespannt drauf, bisher wusste ich ja nicht wirklich, was mich da erwarten könnte.

    Achja, Wildwood XD Naja, wie gesagt, ich versteh auch echt, wieso man es nicht mögen könnte, insofern ist das nicht schlimm, nur schade, dass es dir nicht gefallen hat. Klar hast du Recht mit Curtis und Prue, aber irgendwie kann ich einfach drüber hinweg sehen und es ist und bleibt ein Lieblingsbuch von mir <3

    • Ich kann’s dir nur empfehlen! Ist zwar nichts für einen angenehmen Sonntag,aber es lohnt sich echt. (Falls es irgendwann auch mal ganz ins Regal einziehen soll: Die verlinkte Ausgabe hat schon vom Ve aus ein Ex-Libris-Feld drin. 8D)

      Ich glaub, das ist einfach wieder so eine Ink-Situation, da hatten wir ja genau das gleiche „Problem“. Aber leben und leben lassen, ne? x) Und die Bücher zu mögen, hat eindeutig den Vorteil, dass die dann richtig, richtig schick im Regal aussehen.

      • naja muss ja auch nicht alles ein Komfortbuch sein XD

        ja, ich liebe dich trotzdem <3 weißt du doch ;) und superschön sind sie sowieso, da haste Recht hehe :D

      • Ich sag’s auch nur als Warnung. Wenn im falschen Moment danach gegriffen wird, kann das ja nur schiefgehen. xD

        Ich mich und dich auch. <3 Bzw. dich und mich. Immer diese Höflichkeitsregeln, total unnötig!

  2. Margaret Atwood ist mir jetzt echt schon oft über den Weg gelaufen, ich sollte endlich mal was von ihr lesen! Und Wildwood…tja. Ich habs ja abgebrochen, dass Curtis zum Mörder wird wurde mir dadurch z. B. erspart. Das ist aber ganz schön krass für ein Kinderbuch o__O

    • Jaha, solltest du! Okay, ich sollte mal mehr von ihr lesen, aber das kommt irgendwann dann schon. xD
      Wann hattest du denn abgebrochen? Ich hab die Seitenzahl nicht mehr im Kopf, aber das war doch recht früh, als er das erste Mal zusammen mit der Kojotenarmee kämpft (Stichwort: Kanone). Es kommt auch gar nicht wirklich so ernst rüber, irgendwie. So richtig den Umständen entsprechend wird er darauf nicht angesprochen; zumindest nicht in der Art und Weise, in der ich es mir in solch einer Situation wünschen würde. xD

      • Auf Seite 122. Ich kann mich nur erinnern, dass er sein Schwert total stolz hin und her geschwungen hat, nur um dann zu betonen, dass er ja trotzdem Pazifist sei XD

      • Dann passiert das echt kurz danach. xD Er landet dann bei einem Kampf und mischt sich ein, ohne auch nur irgendwas über diesen Krieg zu wissen. Am Ende feuert er dann eine Kanone ab, mitten in Menschen rein. So als Pazifist und so, ne. xD

  3. Den Report der Magd habe ich vor einigen Jahren gelesen und war auch unheimlich geschockt und fand es erschreckend, wie Frauen hier behandelt werden. Umso schlimmer wenn man bedenkt, wie vielen Frauen auf der Welt ähnliches auch heute noch geschieht…

    • Frau muss gar nicht mal so sehr die Welt absuchen, in Deutschland finden solche Strukturen doch genauso. Vielleicht eher im Kleinen, und im Großen deutlich abgeschwächt, aber frei davon sind wir auch hier noch nicht. (Was nicht heißt, dass es woanders nicht wesentlich schlimmer ist und ja, das macht das Ganze noch furchtbarer.)

  4. Oh ja, The Handmaid’s Tale ist schon ein sehr krasses, richtig gutes Buch – ich hab es damals für die Schule gelesen. Ansonsten kenne ich von Atwood noch „Lady Oracle“. Hat mir nur leider nicht so gut gefallen wie das erste.

    Kennst du die Verfilmung von „The Handmaid’s Tale“? Ich mein in Erinnerung zu haben, dass da sogar recht bekannte Schauspieler mitspielen.. Und interessanterweise ist das Ende anders. Aber ich spoiler mal nicht ;-)

    LG
    Mila

    • Manchmal ist’s auch schwer, genauso zu begeistern wie zuvor schon – wobei ich zugebe, dass „Lady Oracle“ schon inhaltlich nicht ganz so interessant (für mich) klingt. Wobei ich es irgendwann vielleicht doch mal lesen werde, ich hab gefühlt alle weiteren Bücher von ihr auf die Wunsch- oder Vielleichtliste gepackt. xD Was ich auf jeden Fall noch mal lesen möchte, ist die MaddAddam-Trilogie. Bestenfalls vor der Leipziger Buchmesse, aber das werd ich wohl nicht schaffen – zu der kommt sie nämlich vielleicht. :D

      Ich weiß von ihr, aber ich hab sie noch nie gesehen! Ich hab mir damals den Trailer angeguckt, hab mir damit prompt ein Detail später im Buch gespoilert und hab erst mal gaaanz viel Abstand genommen. xD Vielleicht schau ich’s mir demnächst mal an. :)

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