Rezension | The Killing Woods | Lucy Christopher

The Killing Woods

Genre: YA, Thriller
Verlag: Chicken House
ISBN: 978-1-906-42772-6
Preis: £7.99
Erscheinungsdatum: Oktober 2013
Format: Paperback

Emily Shepherds Vater hatte schon lange Probleme, verursacht durch seine Zeit bei der Armee. Doch als er eines Nachts nach Hause kommt und etwas in den Armen zu halten scheint, denkt Emily zuerst an ein Tier – ganz bestimmt nicht an den toten Körper von Ashlee Parker. Doch genau sie ist es, die er trägt und für die Außenwelt scheint der Fall klar zu sein: Emilys Vater hat Ashlee ermordet. Er selbst glaubt, dass er das Mädchen getötet hat, gefangen in einem Flashback und Ereignisse von früher wiederholend. Emily selbst denkt nicht, dass ihr Vater auch nur irgendetwas mit Ashlees Tod zu tun hat, doch was ist dann im Wald geschehen? Auch Ashlees Freunde fragen sich das, vor allem jene, die in der entscheidenden Nacht mit ihr im Wald waren. Damon, ihr Freund, brachte sie doch noch bis zu ihrem Heimweg, oder nicht? Er erinnert sich an nichts, aber für ihn steht fest: Egal was war, Jon Shepherd muss der Schuldige sein. Er muss einfach.

Was mich sofort an „The Killing Woods“ beeindruckte, war, dass jedes Szenario auf seine eigene Weise realistisch war. Während Emily zwar nicht glaubt, dass ihr Vater etwas mit Ashlees Tod zu tun hat, ist von Anfang an klar: Es könnte aber doch so sein. Auch wenn ich – ohne den Charakter Jon Shepherd wirklich zu kennen – nie davon ausging, dass er sie ermordet hatte, so herrschten in jener Nacht Umstände, unter denen er sie durchaus getötet haben könnte. Andererseits – was wissen wir schon über ihn? Emily kann sich genauso gut in ihrem Vater täuschen, es wäre nicht das erste Mal, dass so etwas in der Welt passiert. Dann wiederum sind da Ashlees Freunde, die definitiv Gelegenheit hatten, ihr etwas anzutun – und deren Unwillen, ihre Aktivitäten jener Nacht der Polizei zu schildern, womit der Druck auf Jon Shepherd erhöht wird, ist auch nicht unbedingt unverdächtig. Hatten sie Motive? Das muss sich zeigen – so oder so, es gibt mehrere Optionen, die allesamt denkbar und realistisch sind, und das macht dieses Buch vor allem spannend. Die Frage nach dem Wer? hielt mich bis zum Schluss gefesselt, aber auch die Hoffnung, dass es am Ende doch noch „gut“ ausgeht.

„Gut“ bedeutete in dem Fall für mich, dass Emilys Vater kein Mörder ist und – bestenfalls – Ashlee generell nicht getötet hat. Zwar lernen wir ihn nie kennen, da er nach der anfänglichen Szene höchstens in Erinnerungen und Erzählungen auftritt, aber Emily ist mir – trotz ihrer Blauäugigkeit teilweise – ans Herz gewachsen. Ihretwillen wollte ich nicht, dass sie ihren Vater gänzlich verliert; denn seine Zeit bei der Armee hat bereits ihre Narben hinterlassen und ihr den Vater genommen, wie sie ihn einst kannte.
Andererseits wollte ich auch nicht, dass Ashlees Freunde, allen voran ihr Freund Damon, etwas damit zu tun haben. Dabei ist gerade Letzterer nicht gerade sympathisch. Er wacht auf und erinnert sich an nichts, er erzählt der Polizei auch nichts davon, was sie alle im Wald gemacht haben und konstruiert sich einen Abend, wie er üblicherweise ablief – nur dass er dieses Mal nicht weiß, ob es denn wirklich so war. Natürlich leidet er unter dem Verlust seiner Freundin und ich glaube ihm, dass er sie wirklich geliebt hat – wie er aber versucht, seine eigene Haut zu retten, dabei einen anderen Menschen immer mehr belastet, ist verachtenswert. Statt in Betracht zu ziehen, dass er Zweifel und Angst hat, meint er, dass es wohl stimmen muss, wenn er automatisch jede Beteiligung an Ashlees Tod abstreitet. Macht das misstrauisch? Aber sowas von, und schon ist die Spannung wieder ein bisschen erhöht.

Ähnlich wie Damon gehen alle sofort davon aus, dass Jon Shepherd ein Mörder sein muss, was deutlich zeigt, wie blind viele für die Grauflächen menschlicher Psyche und Taten sind. Dass niemand weiter Jons Unschuld deklariert, ist unter diesen Umständen verständlich, und sollte er die junge Frau getötet haben, ist auch eine Verurteilung gerechtfertigt und Hilfe notwendig. Es ist jedoch ein Unterschied, ob ein Mensch einen anderen böswillig ermordet, oder aber tötet, ohne es zu wollen. Das darf den Angehörigen egal sein, aber wenn Außenstehende sich zu Richtern erheben und vorschnelle Urteile fällen, dann hat das nichts mehr mit Trauer zu tun.
Es scheint ein wiederkehrendes Motiv in Lucy Christophers Büchern zu sein – auch Ty aus „Stolen“ wird von vielen als jemand verurteilt, der er nicht zwangsläufig ist. Das heißt nicht, dass er generell nicht zu verurteilen ist – er hat ein Verbrechen begangen und seine Gründe können das nicht relativieren. (Anmerkung: Ich bin nach wie vor kein Fan von Ty und werde das in der entsprechenden Rezension etwas vertiefen – nur so als Warnung.) Jon Shepherd ist nicht Ty, im Gegenteil. Aber mit ihm geschieht etwas ähnliches, und Emily hat mit den Konsequenzen zu leben: Ausstoßung.

Kein Wunder also, dass sie versucht herauszufinden, was wirklich geschehen ist, und ihr Verhalten zwingt auch Damon zum Nachdenken. Dass das spannend ist, erwähnte ich bereits, und auch wenn ich nie das Gefühl hatte, die Charakter hundertprozentig zu kennen, so dass stets eine kleine Distanz bei vielen blieb, ist es doch eine wunderbare Geschichte. Es mag nicht alles so verlaufen, wie Leser_innen sich das wünschen, aber das steigert eigentlich nur noch mehr den Reiz von „The Killing Woods“.
Kleine Empfehlung am Rande auch für Waldliebhaber: Als Ort des Geschehens und Rückzugsmöglichkeit für Emily spielt der Wald hier eine ganz besondere Rolle. Leider gibt es in meiner Nähe keinen Wald, ansonsten wäre ich aufgrund des Buches wohl öfter dort spazieren gegangen, so lebhaft und schön hat Lucy Christopher ihn beschrieben.

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Wer Wälder liebt (oder sie lieben lernen möchte) und nach einem ruhigen, aber nichtsdestotrotz spannenden Thriller sucht, ist mit „The Killing Woods“ sehr gut beraten. Dadurch dass alle möglichen Erklärungen vor Ashlees Tod wahrscheinlich sind, bleibt bis zum Schluss unklar, wer was getan oder nicht getan hat. Da das Buch trotzdem nicht zu düster ist, ist es wirklich jederzeit zum Lesen geeignet – also auch jetzt im Sommer. Worauf wartet ihr noch?

Stolen_200Kiss me kill me „Stolen“ hat im Grunde nichts mit „The Killing Woods“ zu tun, die beiden Geschichten sind vollkommen eigenständig. Trotzdem hat der Verlag das Buch noch einmal in einem Design passend zu Lucy Christophers neuem Roman herausgebracht; gefällt mir persönlich sehr gut, auch wenn das vorherige britische Cover auch gut war. (Vom deutschen reden wir besser nicht.)
Rechts seht ihr „Kiss me, kill me“, die deutsche Ausgabe von „The Killing Woods“. So sympathisch mir der Chicken-House-Verlag auch hierzulande ist, irgendwie haben sie den Dreh mit Titeln und Covern noch nicht so richtig raus. Lasst euch vom Äußeren aber bitte nicht abschrecken!

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3 thoughts on “Rezension | The Killing Woods | Lucy Christopher

  1. Ach das klingt gut. Ich warte in letzter Zeit sehnsüchtig auf Rezensionen zum Buch, weil ich „Stolen“ so gerne mochte. Es scheint ja so, als würde sich auch dieses Buch von Lucy Oliver wieder lohnen.

    Danke für die Rezi und liebe Grüße, Tine :)

    • Dann war das ja gutes Timing. :D (Schieb die Rezension auch schon ewig vor mir her … gelesen hab ich’s im Oktober. *hust*)
      Lohnt sich aber wirklich! :) Mir persönlich war es sogar etwas lieber als „Stolen“, aber das lag an meinen ganz persönlichen Voreingenommenheiten. xD

      Gern geschehen! :D

  2. Pingback: Rezension | Stolen | Lucy Christopher | Muh, das Telefonbuch

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