Reihe | Adrian Mayfield | Floortje Zwigtman

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Titel: Ich, Adrian Mayfield | Versuch einer Liebe | Auf Leben und Tod
Originaltitel: Schijnbewegingen | Tegenspel | Spiegeljongen
Genre: Jugendbuch, historische Romane
Übersetzer: Rolf Erdorf
Verlag: Gerstenberg
ISBN: 978-3-836-95200-2 | 978-3-836-95251-4 | 978-3-836-95367-2
Preis: 16,90€ | 18,90€ | 22€
Erscheinungsdatum: August 2008 bis Juni 2011
Format: Hardcover

London im 19. Jahrhundert: Adrian Mayfield ist gerade mal 16, hat im Leben aber schon viel verloren. Die Kneipe seines Vaters, seines Zeichens Alkoholiker, musste er verkaufen, die Anstellung in einem Schneidergeschäft ist er jetzt auch los. Nicht aber bevor er Augustus Trops kennenlernen konnte, einen flämischen Maler, der auch Adrian gerne als sein Modell sehen würde – und mehr. Denn Trops ist schwul, ein „Sodomit“, wie es damals hieß, und auch Adrian weiß schon lange, dass seine Interessen sich von denen seiner bisherigen Freunde unterscheiden. Über Trops lernt er endlich ein anderes Leben kennen, fernab der Londoner Arbeitsschicht: Ihm werden Blicke in die Welt der Künstler und Intellektuellen gewährt, deren König Oscar Wilde ist. Doch das Land wird von Homophobie beherrscht und auch untereinander gönnen sich manche Männer nichts. Intrigen und Erpressungen sind an der Tagesordnung für diejenigen, die sich auf die falschen Menschen einlassen – etwas, das Adrian Mayfield am eigenen Leib erfahren muss. Dabei möchte er nur eines: Ein glückliches Leben führen, seine Liebe finden … doch geht das, wenn er sie stets geheim halten müsste?

Ach Adrian.
Er hat es mir echt nie leicht gemacht, was für so ziemlich alle andere Charaktere auch gilt. Die einzigen, die ich hundertprozentig mögen konnte, kann ich an einer Hand abzählen, und ihre Szenen im Buch sind stark begrenzt. Der Rest dagegen … beginnen wir mal mit Adrian Mayfield, ein selbstsicherer und zugleich stark an sich zweifelnder Kerl, der eigentlich nett ist, manchmal aber auch ein wahres Ekel sein kann. Er kann Verantwortungsbewusstsein zeigen, benimmt sich oft aber so verantwortungslos, dass es schmerzt. Er ist jemand, der Hilfe dringend braucht und möchte, sie im richtigen Moment aber nicht annimmt. Er ist das Opfer von Intoleranz und Homophobie, zeigt sich selbst aber immer wieder intolerant, sexistisch, transphob oder auch rassistisch (das am häufigsten). Kurz: Adrian Mayfield steck voller Gegensätze, die ihn manchmal sympathisch, manchmal aber auch abstoßend wirken lassen. Ich hätte ihm am liebsten eine gescheuert, als er kurz nach dem Verlust seiner Anstellung ohne Unterkunft dasteht, sein Geld aber gleich ausgibt, statt es sinnvoll zu nutzen. Ich wollte mich als Aufpasserin daneben stellen, als er Augustus Trops, auch ein sehr widersprüchlicher Charakter, kennenlernt. Ich wollte ihm wirklich helfen, wenn er mal wieder am Boden war, weil er mir trotz allem ans Herz gewachsen ist – aber wenn er dann mal wieder das N-Wort benutzt und Schwarze als minderwertig darstellt oder zum Beispiel über Suffragetten (die ihm helfen würden, wenn er wollte) wettert, dann hätte ich ihm doch gern mal zwischen die Beine getreten. Dieses Hin und Her dauert die ganze Reihe über an und betrifft, wie gesagt, die meisten Charaktere. Da ist Trops, der Adrian helfen möchte, der dessen Abhängigkeit von sich aber auch ausnutzt, um mit Adrian Sex zu haben, nur um ihn immer und immer wieder zu vergessen, wenn es am wichtigsten wäre, dass er an ihn denkt. Oscar Wilde und seine Schar sehen auf „niedere“ Gemüter hinab, verachten Prostituierte, nehmen die Dienste männlicher aber selbst in Anspruch, wenn es ihnen beliebt. All die „Freunde“, die nur solche sind, solange Adrian tut, was sie sagen und ihren Ansprüchen genügt. Bosie, der zu seinem Liebhaber Oscar steht, aber ein grausamer Mensch ist. Adrians Vater, der seinen Sohn liebt, ihm helfen will, aus seinem Suff aber nicht rauskommt … die Liste könnte noch lange so weitergehen.

Wer das nicht möchte, braucht mit den Büchern gar nicht erst anzufangen. Was nicht heißen soll, dass all das kommentarlos akzeptiert werden muss, um die Bücher mögen zu können. Genaugenommen fiel es mir anfangs schwer, mich auf die Geschichte richtig einzulassen. Ich mochte den ersten Band, besonders die zweite Hälfte, aber eine gewisse Distanz zu Adrian blieb – vor allem aufgrund seiner eigenen Verfehlungen – bestehen. Erst mit dem zweiten Band wuchs er mir ans Herz, vielleicht auch, weil wir da mal seine verliebte und glückliche Seite zu Gesicht bekommen und dieser kann nur schwer widerstanden werden. Wer so weit kommt und Adrian mag, ist wohl auch bereit für den dritten Band – wenn es bei Band 2 noch nicht Klick gemacht hat, ist das Lesen der Fortsetzung sinnlos. Denn wie er halt so ist, nutzt Adrian sein zweifelhaftes Talent, sich auf die falschen Menschen einzulassen, um immer und immer wieder in Schwierigkeiten zu geraten, die so einiges zerstören. Manchmal ist es sein Stolz, der ihm in den Weg kommt, und seine Probleme sind zum Teil schlichtweg selbst verschuldet. Als Konsequenz gerät er in Situationen, in denen er seine dunkelsten Seiten zeigen muss oder in denen er zu einer Marionette noch zwielichtigerer Gestalten wird. Gerade der dritte Band ist sehr düster, sehr deprimierend und sehr schwierig – und das über lange Strecken hinweg.

Lichte Momente gibt es aber auch. Schon die Erzählweise ist meistens recht flopsig, mit einer ordentlichen Portion Sarkasmus, die sich direkt gegen Adrian richtet – da wird selbst sein Selbstmitleid seltsam amüsant. Schöner ist’s natürlich, wenn er wirklich ekelige Gefährten in seinem Leben auf’s Korn nimmt; mein Favorit wird auf Ewig „Prinz Penis der Erste“ sein, den ich niemals nie kennenlernen wollen würde, aber seinen „Spitznamen“ werd ich mir für unangenehme Menschen in meinem Leben sicherlich merken.
Abgesehen davon zeigt Adrian oftmals eine Menge Witz und Charme, manchmal (und nicht unbedingt selten) wird es allerdings auch poetisch; teilweise so sehr, dass ich es nur noch als Gelaber umschreiben kann und das zieht sich. Ist aber auch nicht immer seine Schuld, Trops und Wilde sind in dieser Hinsicht viel … talentierter.
Um noch für einen Moment bei der Sprache zu bleiben: Es ist schön, wenn auch genauso traurig, zu beobachten, wie Adrians Sprache genau wie er selbst im Laufe der Reihe ihre Unschuld verliert. Der anfangs noch unschuldig-amüsante „Dödel“ wird da zum vulgären „Schwanz“, Prostituierte werden irgendwann durchweg Huren genannt … es ist toll, dass sich Adrians (Leidens-)Weg auch so widerspiegelt, auch wenn ich ihm wünschen würde, es wäre nicht notwendig.

Jetzt bin ich ja doch wieder ins Deprimierende abgerutscht, aber die Bücher haben auch ihre schönen Momente, ehrlich! Ich fand es wunderbar, wie Adrian lernt, seine Homosexualität zu akzeptieren und sie auch leben zu wollen. Wenn er verliebt ist, ist er einfach herrlich und ich konnte gar nicht anders, als ihm all das Glück der Welt zu wünschen – ich war ja glatt selbst ein bisschen verliebt. In keine bestimmte Person, aber er war einfach ansteckend. Er hat schöne Momente, mit Liebhabern und Gönnern, mit Freunden und Familie und Menschen, mit denen er gar nicht gerechnet hätte. Manchmal meinen es andere wirklich nur gut mit ihm und selbst Menschen wie Trops sind nicht zwangsläufig schlecht. Diese Szenen bringen Spaß und Freude – was zwischendurch wirklich auch mal notwendig ist.
Dass Verliebtheit (und temporäre Gönner) nicht alles sind, wird dabei nicht außer Acht gelassen. Selbst Menschen, denen Adrian am Herzen liegt, können ihm schaden, sogar sehr. So zum Beispiel seine erste Liebschaft mit jemandem, der seine eigene Sexualität nicht akzeptieren kann, sich zu sehr von der Homophobie seines Umfeldes beeinflussen lässt. (Jetzt wird’s ja doch wieder deprimierend.) Das Ergebnis ist eine ungesunde, ungleich balancierte Beziehung, was nur die beiden nicht sehen wollen; und so etwas endet selten gut.

Am Ende sind vielleicht nicht alle Detailfragen geklärt, aber Floortje Zwigtman bringt Adrians Geschichte zu einem zufriedenstellenden Ende. Es hat etwas Tragisches, und wie könnte es auch nicht bei all dem, was geschehen ist? Aber ein Happy End hätte hier auch gar nicht gepasst; gegönnt hätte ich es ihnen zwar, aber für meinen Seelenfrieden mussten Dinge geschehen, die einigen Figuren wehtaten. So war ich nach der letzten Seiten traurig, Adrian nun doch gehen lassen zu müssen. Die Charaktere mögen fast alle ihre (großen) Fehler haben, viele waren dennoch eine unterhaltsame, bisweilen liebenswerte Truppe. Gäbe es irgendwann doch mal neue Bücher über Adrian, ich wäre sofort dabei.

04

Die Adrian-Mayfield-Reihe ist ganz bestimmt nicht für jede_n etwas, was zum einen am teilweise ausuferndem Schreibstil liegt, zum anderen an den schwierigen Charakteren. Selbst wenn ihr so etwas mögt, muss das ja nicht heißen, dass ihr mit Adrian klarkommt. Aber Band 1 ist definitiv einen Versuch wert und wenn er euch halbwegs überzeugt, dann auch die ersten Kapitel des zweiten Bandes – klappt’s bis dahin gar nicht, ist es wohl vergebene Müh. Aber gut Ding will Weile haben, und für mich hat es sich sehr gelohnt.

Ich Adrian MayfieldIhr habt ja sicherlich bemerkt, dass die Bücher ganz schön teuer sind – Band 1 und 2 gehen ja noch, die 22€ für den dritten Band sind aber ganz schön happig. Das Buch hat zwar auch eine entsprechende Dicke (640 Seiten, um genau zu sein), aber das ist trotzdem kein Preis, den die meisten einfach so bezahlen würden. Leider gibt es die Bücher auf Deutsch noch nicht komplett als Taschenbücher, und bei den niederländischen Ausgaben bin ich mir da auch nicht ganz sicher. Wer aber einfach mal Band 1 ausprobieren möchte, kann auf gleich zwei Ausgaben zurückgreifen: Bereits 2011 brachte der Oetinger-Verlag eine Taschenbuchausgabe für 10,95€ heraus, deren Cover ihr hier seht. 2013 zog auch der Gerstenberg-Verlag mit einer Paperbackausgabe für 14,95€ nach. Ob ab diesem oder nächstem Jahr die Fortsetzungen folgen, ist bisher nicht bekannt.

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3 thoughts on “Reihe | Adrian Mayfield | Floortje Zwigtman

  1. Ich habe den ersten Band schon ewig auf den Sub liegen. Dummerweise kann ich historischen und Jugendbüchern inzwischen nur noch sehr wenig abgewinnen, aber irgendwann werde ich mich an dem Band versuchen. ;)

  2. Pingback: 2014 | Looking back | Muh, das Telefonbuch

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