Rezension | Far From You | Tess Sharpe

Far From You

Genre: YA, Contemporary, Thriller
Verlag: Indigo
ISBN: 978-1-780-62165-4
Preis: £9.99
Erscheinungsdatum: März 2014
Format: Paperback

Mehr als fünf Monate lang war Sophie schon clean, als Mina und sie auf dem Weg zu einer Party noch jemanden treffen wollen. Es sei für eine Story für die Zeitung, meinte Mina, doch kurze Zeit später ist sie tot und in Sophies Tasche befinden sich Drogen. Für alle Welt ist der Fall klar: Sophie hatte einen Rückfall, fuhr mit Mina dorthin, um einen Dealer zu treffen, doch die Situation eskalierte. Sophie muss erneut einen Entzug machen, obwohl sie bereits clean ist, und in all der Zeit läuft Minas Mörder frei herum. Als sie endlich wieder nach Hause kann, gibt es für Sophie nur eines: Sie muss denjenigen finden, der das Mädchen erschoss, das sie liebte.

Triggerwarnungen für das Buch: Gewalt (stets gegen Frauen gerichtet), Mord, einmalig beiläufige Erwähnung von Gewalt in humoristischen Zusammenhang. Wer Details möchte, schreibt mir bitte!

Diversity-Check: Wenn ich jetzt nichts überlesen habe, sind alle handelnden Charaktere weiß und cis (sie identifizieren sich mit dem Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde). Es sind allerdings verschiedene Sexualitäten im Mittelpunkt der Geschichte, so zum Beispiel ist Sophie bisexuell und outet sich auch als solches. Zudem lebt sie mit einer körperlichen Behinderung, da sie nach einem Unfall ein zertrümmertes Bein und konstante Schmerzen im Rücken hat. Angedeutet wird außerdem eine posttraumatische Belastungsstörung.

Zum Buch: Was kann schon groß passieren, wenn wir in einer heteronormativen Gesellschaft leben, in der Heterosexualität als das „Normale“ angesehen wird und jede Abweichung davon als ungewöhnlich oder gar schlecht? „Far From You“ gibt eine Antwort auf diese Frage, und zeichnet ein trauriges Bild.

Ausgehend vom Klappentext wirkt Tess Sharpes Debütroman wie eine Kriminalgeschichte und wenngleich das durchaus ein wichtiger Teil des Buches ist, würde ich es nicht als die zentrale Handlung beschreiben. Wir treffen Sophie nicht das erste Mal, wenn sie gerade aus der Therapie nach Minas Tod entlassen wird – stattdessen findet sie sich einmal mehr in der Gasse wieder, in der ihre Freundin starb und nicht mal das ist der Anfang. Alles startete, als sie mit 14 mit Mina und deren älterem Bruder Trev unangeschnallt im Auto sitzt, dieser ein Stopschild überfährt und ein anderer, zu schnell fahrender Wagen die Jugendlichen rammt. Trev und Mina kommen mit Kratzern davon, Sophie kann fortan nur humpelnd laufen und lebt mit konstanten Schmerzen.

Ein Großteil des Buches widmet sich Sophies und Minas Geschichte. In Kapiteln, die stets zwischen Vergangenheit und Gegenwart wechseln, erfahren wir von ihrer Beziehung zueinander. Es war damals, dass Sophie immer stärkere Gefühle für ihre Freundin entwickelte und die ersten Fragen aufkamen, ob Mina denn ähnlich denke. Es war damals, dass Sophie Schmerzmittel nehmen musste, von denen sie immer mehr nahm, um ohne Schmerzen leben zu können – sowohl physische als auch psychische. Es war damals, dass das Leben der beiden immer und immer komplizierter wurde, ein Anfangspunkt für das tragische Ende, das ihre Geschichte letztendlich nahm.

„Far From You“ ist zuallererst ein trauriges Buch. Später, wenn gerade im letzten Drittel die Kriminalgeschichte in den Vordergrund rückt, ist es auch sehr spannend, aber zuvor lebt es durch Sophie, ihre Erzählung, ihr Leben. Sie ist ein sehr realer Charakter mit Ecken und Kanten. Sie ist sich ihrer selbst so sicher und doch bereit, sich zu verstecken, wenn es anderen hilft. Als sie zurückkommt, ist klar, dass ihr nicht alle freundlich begegnen werden, weil sie ihr die Schuld an Minas Tod geben. Trotzdem versteckt sie sich nicht, prescht voran, und will Mina Gerechtigkeit widerfahren lassen. All das in Kombination mit ihrer Trauer und dem ewigen Kampf gegen die Sucht, ihrer wachsenden Akzeptanz für wer sie ist, riefen in mir vor allem eines hervor: Bewunderung für ihre Stärke, und auch den hoffnungslosen Wunsch, dass alles gut werde. Denn dazu müsste Mina am Leben sein, und das ist sie nicht. Dass es kein richtiges Happy End geben kann, macht dieses Buch so furchtbar traurig, beinahe deprimierend.

Selbst die lichten Momente sind bittersüß. Die der Gegenwart zeigen sich nur ab und an und werden vom Verlust aller Beteiligten überschattet. Die der Vergangenheit zeichnen den Verlust nur umso deutlicher. Denn wir lernen nicht nur Sophie kennen, sondern auch Mina mit all ihren Geheimnissen und Ängsten, Träumen und Hoffnungen – auch sie ist ein realer Charakter, eine junge, selbstbewusste und gleichzeitig verängstigte Frau, die nur das Beste für ihre Liebsten wollte und ihnen genau damit wehtat. Und je mehr mir auch Mina ans Herz wuchs, desto schlimmer wurde es eigentlich. Aber gerade das macht den Reiz des Buches aus: Ich fühlte mit, von der ersten bis zur letzten Seite, wollte mehr wissen, wollte den Namen des Mörders erfahren, und das Buch am liebsten nicht mehr zur Seite legen. Wenn es nicht das ist, was ein Buch tun sollte, dann weiß ich auch nicht.

Abgesehen davon ist „Far From You“ ein sehr, sehr gutes Beispiel, wie „Liebesdreiecke“ geschrieben werden sollte. Nicht erschrecken! Hier werdet ihr lange nach der „Protagonistin probiert es mal mit Person B, wenn Person A nicht zur Stelle ist“-Konstellation suchen. Stattdessen ist es mit der Liebe, wie es nun mal ist: Es gibt mehr als nur einen Menschen, der Sophie wichtig ist. Aber: Sie hat ihre Wahl getroffen und nur weil Mina jetzt tot ist, kann sie sich nicht sofort – oder überhaupt – auf eine andere Person einlassen, so sehr diese andere Person das auch möchte. Dennoch sind diese Gefühle da und sie lassen sich nicht einfach abstellen, genauso wenig wie die von anderen Charakteren. Und so haben wir hier am Ende sogar eine Art Liebesviereck mit verschiedenen Zuneigungen, die manche Situationen erst so unglaublich kompliziert werden ließen – es ist aber alles vollkommen realistisch und nachvollziehbar und damit ein entscheidendes Element dafür, warum ich „Far From You“ so liebe.

Was das nun alles mit Heteronormativität zu tun hat? Sie mag nicht Schuld am Tod Minas haben, doch war sie es, die so vieles verkompliziert und verschlimmert hat. Sophies Schmerzen sind nur ein Grund für ihre Abhängigkeit, der Schmerz, den das Verstecken mit sich brachte, ein viel größerer. Sie ist der Grund, warum nicht nur diese Charaktere Chancen in ihrem Leben verpassen, warum sie solche Angst haben – bis es manchmal auch zu spät ist.

05

„Far From You“ ist an erster Stelle ein trauriges Buch, eine Geschichte über Liebe, Freundschaft, vertane Chancen, das Verstecken und den Schmerz, den es mit sich bringt. Die Kriminalgeschichte steht an zweiter Stelle und erst im letzten Drittel wirklich im Vordergrund. Zuvor lernen wir Sophie und Mina kennen, und sie überzeugen beide vollkommen. Tess Sharpes Roman schafft es, durchweg fesselnd zu sein, nur auf ganz unterschiedliche Arten; wer Zeit für eine tragische Geschichte hat, kriegt hierfür eine uneingeschränkte Leseempfehlung.

Zugegebenermaßen ist das US-Cover ein bisschen hübscher als das britische, aber dort gibt’s das Buch bisher nur als Hardcover und die kosten bekanntlich etwas mehr. In Deutschland gibt es das Buch überraschenderweise auch schon (genaugenommen erschien es hierzulande zuerst), und zwar als Paperback bei cbt mit dem Titel „Mein wildes Herz“. Ob das so ein deutsches Ding ist, das wilde Herz bei nicht-heterosexuellen Frauen? Sophie hier ist bisexuell und in „Mein Herz so wild“ von Jane Eagland haben wir es mit einer lesbischen Protagonistin zu tun. Wäre mal interessant zu recherchieren, ob das noch öfter der Fall ist …

far from you usfar from you dt

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2 thoughts on “Rezension | Far From You | Tess Sharpe

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