Rezension | Wenn ihr uns findet | Emily Murdoch

Wenn ihr uns findet

Originaltitel: If You Find Me
Genre: YA, Contemporary
Übersetzerin: Julia Walther
Verlag: Heyne
ISBN: 9783453534346
Preis: 15,99€
Erscheinungsdatum: März 2014
Format: Hardcover

Carey und Jenessa kamen sehr gut allein zurecht. Wenn ihre Mutter mal wieder für Wochen oder gar Monate ihren Wohnwagen im Wald verließ und in der Stadt verschwand, wusste Carey sich zu helfen und zu warten – bis ihre Mutter zurückkehrte, vielleicht sogar mit etwas zu essen. Doch eines Tages ist es nicht ihre Mutter, die kommt, sondern ihr Vater, vor dem Careys Mutter damals mit ihr fortgelaufen war. Mit ihm kommt auch das Jugendamt: Fortan sollen die Mädchen bei ihm leben und nach und nach wieder in der Gesellschaft Fuß fassen. Doch im Wald sind Dinge geschehen, die Carey auch außerhalb nicht loslassen – und die sie auch noch nicht loslassen will.

Triggerwarnungen für das Buch: Kindesmissbrauch, sexuelle Gewalt. Wer Details möchte, schreibt mir bitte!

Diversity-Check: Das Buch ist insgesamt sehr weiß und sehr hetero. Den Bechdel-Test besteht es mit seinen vielfältigen (cisgender) weiblichen Charakteren aber. Auch psychisch haben beide Mädchen, Carey und Jenessa, den Wald situationsbedingt nicht ohne Spuren verlassen. Es wird den Mädchen auf keiner Seite gesagt, dass sie sich „einfach“ zusammenreißen o.ä. sollen. (Bipolare Störungen werden ebenfalls erwähnt; zwar im Zusammenhang mit einem insgesamt eher negativ gesehenem Charakter, aber ich hatte nicht das Gefühl, dass es als Ursache für die schlechten Taten hingestellt wurde.)

Zum Buch: „Wenn ihr uns findet“ war die dringende Empfehlung einer Kollegin, die hellauf begeistert war und ich muss ihr recht geben. Im Zentrum der Geschichte steht Carey, deren Mutter sie damals als kleines Kind mit sich nahm, als sie in den Wald floh, und die seit nunmehr zehn Jahren kein anderes Leben als das in ihrem Wohnwagen kennt. „Zurückgeblieben“ ist sie deswegen noch lange nicht: Sie ist es, die die größte Verantwortung trägt; für sich selbst, für ihre kleine Schwester Jenessa, auch für ihre Mutter, die sich all dem immer wieder entzieht. Sie sorgt dafür, dass sie Bücher bekommt, aus denen sie lernen und mit denen sie auch ihre Schwester unterrichten kann. Sie behält das Violinenspiel bei, das ihr ihre Mutter beibrachte. Sie kümmert sich um das Essen, um eigentlich alles, was anfällt. Dementsprechend groß ist ihre Irritation, als plötzlich wieder verantwortungsbewusste Erwachsene in ihr Leben treten und sie ein wenig davon abgeben kann, sogar soll.

Emily Murdochs Buch lebt durch diesen Charakter. Es gibt durchaus andere spannende Elemente: Schon die Ausgangssituation ist ein Rätsel und während Careys Mutter behauptet, dass der Vater gewalttätig gewesen wäre, sagt dieser etwas ganz anderes und präsentiert sich auch nicht so (was natürlich reine Maskerade sein könnte). Was also ist die Wahrheit, wer ist schuld? Zudem muss es Gründe für das Verhalten z.B. von Jenessa geben, die sich weigert zu reden. Warum gibt es dieses Schweigegelübde? Hinweise auf diese Fragen sind im ganzen Buch verstreut und jeder offenbart ein neues, erschreckendes Detail. Nach und nach zeichnet sich das Bild einer Frau, die aufgegeben hat und das eines Mädchens, das nicht aufgeben will – weder sich noch seine Mutter.

Letztendlich ist es eine Art Familienroman. Gerade die Beziehung zwischen den Schwestern ist stark ausgearbeitet, ebenso die Beziehungen der Mädchen zu ihrer „neuen“ Familie: zu ihrer Stiefmutter und Stiefschwester. Jenessa und Carey reagieren da ganz unterschiedlich, und doch zeigt das Buch, dass eine Familie viel mehr als nur Gene ausmacht. Careys leibliche Eltern werden keineswegs außen vor gelassen, aber die schönsten Momente galten doch den Personen, die neu in das Leben der Mädchen eintreten und es umso mehr bereichern können. (In dieser Hinsicht der negativste Punkt: Es bahnt sich eine Romanze an, die zum Glück kleiner ausfällt, als sie anfangs wirkt. War aber ein wenig fehl am Platz – aber vielleicht war das auch der Punkt.)

So rosig, wie das klingt, ist das Buch allerdings nicht. Vieles in der Gegenwart mag toll sein, und je mehr ich über die Schwestern wusste, desto mehr habe ich mich für sie gefreut. Ihre Vergangenheit sieht dabei ganz anders aus. Es war nicht alles schlecht, denn es braucht kein als „normal“ angesehenes Leben, um ein gutes zu haben, aber in diesem Fall überwiegen die negativen Erlebnisse und diese fressen sich auch ihren Weg in die Gegenwart. Wie sehr sie auch die Zukunft beeinflussen werden, bleibt offen – so muss es wohl auch sein bei einer realistischen Darstellung.

04

„Wenn ihr uns findet“ ist ein Buch über Familie, wie kompliziert und zugleich einfach dieses Konzept sein kann; genauso ist es ein Buch über das Überleben von Traumata. Es ist eine emotionale, traurige Geschichte, aber nicht ohne Hoffnung; einerseits dank herzensguter Menschen, die es doch immer mal wieder gibt, aber auch dank der Stärke, die die Protagonistin selbst beweist. Wenig in diesem Buch wird einfach zu lesen sein, aber es lohnt sich.

Von „If You Find Me“ hat bereits ein paar Ausgaben mehr. In den USA gibt es sowohl Hardcover als auch Paperback. Von dort hat Heyne auch das Cover übernommen. Wer ein wenig Covervariation haben will, kann sich ja mal das britische Hardcover und das britische Paperback angucken:

if you find meif you find me pb

Advertisements

Und ihr so?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s