Auf eine wie dich habe ich lange gewartet | Patrycja Spychalski

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Genre: Contemporary, Romantik, Jugendbuch
Verlag: cbt
ISBN: 978-3-641-15054-9
Preis: 8,99€
Erscheinungsdatum: Juli 2015
Format: eBook

Goodreads

Ein Sommer voller Erdbeerküsse

Ab ans Ende der Welt, heißt es für Großstadtmädchen Laura – dort, wo sich höchstens die Wildgänse und Mamas neue Hühner gute Nacht sagen. Wie soll sie es da nur aushalten? Aber das piefige Kaff hat dann doch etwas zu bieten: Enzo, den süßen Neffen des Pizzeriabesitzers, und Irina, das hübsche, durchgeknallte Mädchen, mit dem Laura sich auf Anhieb versteht, Musik hört, am Bach herumliegt und … dann passiert es: Auf einer Party küsst Irina Laura – und Laura küsst Irina. Doch so unerwartet schön, so schrecklich verwirrend sind ihre Küsse auch. Bin ich lesbisch?, googelt Laura. Und wenn ja, warum dann dieses irre Kribbeln, wenn sie Enzo sieht?

Diversity-Check: Lauras Eltern sind ein glückliches Paar, das nie geheiratet hat und das auch nie vorhat. Enzos Vater kommt aus Italien (weshalb das Buch netterweise auch eine Handvoll Italienisch bereithält). Irina lebt mit ihrer alleinerziehenden Mutter, die mit Depressionen zu kämpfen hat. Und dann ist da natürlich noch der Fakt, dass Irina und Laura beide definitiv nicht heterosexuell sind.

Zum Buch:
Ich hab erst kurz vor Erscheinen von „Auf eine wie dich habe ich lange gewartet“ erfahren und mich spontan auf das Buch gefreut. Gleichzeitig bin ich mit vielen, aber auch mit gar keinen Erwartungen an dach Buch rangegangen. Passt so nicht? Lasst mich das mal erklären: Patrycja Spychalskis neuestes Buch ist eine Sommergeschichte, eine reine Romanze und das ist normalerweise nicht ganz mein Genre. Dann gab es aber Ausblick auf eine Protagonistin, die weder hetero noch lesbisch ist, etwas das ich bei einem original deutschsprachigen Buch so schnell nicht erwartet hatte. Gleichzeitig konnte ich auch nicht glauben, dass eine Protagonistin in so einem Buch einfach mal bi oder pan oder anderweitig multisexuell sein kann, so wie es mit lesbischen und vor allem schwulen Charakteren schon eher zu klappen scheint. Von daher: hohe Erwartungen und dann doch wieder keine.

Am Ende lag ich nicht falsch. Es ist ein Sommerbuch, zwar auch nicht durchweg eine Romanze, aber Lauras Verliebtsein steht im Vordergrund und andere Themen, wie das Loslassen von Freunden nach einem Umzug, spielen sich eher nebenbei im Hintergrund ab. Und Laura und Irina sind … nun, höchstwahrscheinlich – in dem Moment – nicht lesbisch, so viel ist sicher. Andere Optionen werden aber nie genannt, die Protagonistin überlegt kein einziges Mal, ob sie vielleicht bisexuell ist (da das von den Sexualitäten außerhalb Homo- und Heterosexualität noch die bekannteste ist), der Begriff fällt einfach nicht. Ob das nun der Fall ist, weil es so sein soll, oder weil die Autorin das selbst nicht auf dem Schirm hatte – wer weiß? Warum ich mir gewünscht hätte, dass es doch wenigstens mal erwähnt wird, erklär ich später etwas genauer.

Die Geschichte an sich ist meistens das, was bei so einem Buch klassicherweise erwartet werden kann. Das Stadtmädchen findet es auf dem Dorf erst mal überhaupt nicht toll, was vollkommen verständlich ist, das ehemalige Dorfmädchen (aka mich) aber auch sehr amüsiert hat. Diese Stadtmenschen haben ja keine Ahnung … am Ende merkt sie das dann aber auch, zumindest ist das Dorf zeitweilig doch eine schöne Kulisse für ein Leben. Die Menschen, die dort leben, sind auch nicht alle gleich. Zwar bedient das Buch erst mal das Klischee von den simplen Dorfjugendlichen in der Klasse, von Irina und Enzo mal abgesehen, aber später stellt sich dann doch heraus, dass zum Beispiel Melanie, ein Mädchen, das „Plastikpopmusik“ hört, Glitzerröcke trägt und mit den anderen auf dem Nettoparkplatz abhängt und den Jungs beim Schrauben am Moped zuguckt, an sich kein schlechter Mensch ist und Laura auch willkommenheißen will. Und ja, viele der Jugendlichen dort sind homophob und ein kleiner Teil auch gewalttätig, das ist letztlich eine Frage von Realitätsnähe (wie es in der Stadt auch wäre). Aber das Buch verfällt nicht in die „ich bin besonders, und meine zwei Freunde auch, aber alle anderen sind doof“-Narrative. Außerhalb der Schule sind die Leute überraschenderweise auch ganz nett, wer hätte das gedacht. Und so findet sich das Buch immer zwischen Klischee und etwas ganz Eigenem wieder, ohne je das eine oder andere zu sein. (Was an sich nichts Schlechtes ist.)

Bei einer Sache bin ich echt nicht sicher, ob’s einfach nur an mir liegt: Auf mich wirkte der Text manchmal etwas gestelzt oder künstlich und ich war mir nicht sicher, ob der Text wirklich nach Sechzehnjährigen klingt oder nach einer Erwachsenen, die es versucht. Allerdings sind meine Tage als Sechzehnjährige schon eine Weile her und ich hab seit langem auch keine Bücher mehr auf Deutsch gelesen. Vielleicht bin ich’s in Büchern einfach nicht mehr gewöhnt? Letztendlich war es auch kein übermäßiges Problem.

Was wirklich niedlich war, waren die Beziehungen zwischen Laura, Irina und Enzo. Als Laura im Dorf ankommt, ist Enzo die erste Person, die sie aus ihrer Klasse trifft und er ist nett. Und Irina ist die erste Person, die wirklich Lauras Blick auf sich zieht. Laura hat recht schnell einen Crush auf Enzo mit seinen zwei schiefen Zähnen und seiner freundlichen Flirterei, auch wenn sie gerade anfangs nicht so recht darauf zu reagieren weiß und so richtig befreundet sind sie zunächst auch nicht. Irina ist erst mal ihre Freundin, aber bald beginnt Laura, sie auch anders wahrzunehmen, sich ihres Körper bewusster zu sein und als Irina sie dann küsst, hat Laura absolut nichts dagegen. Und siehe da, bald werden Küsse in verschiedenen Geschmacksrichtungen ausprobiert. Ganz ohne Drama kann das Ganze natürlich nicht ablaufen, und damit meine ich nicht nur, dass nicht alle aus der Klasse gut auf Irinas und Lauras Kuss reagieren. Irina und Enzo waren selbst mal Freunde, haben sich dann aber zerstritten/auseinander gelebt und dass sie jetzt beide Laura mögen, macht Interaktionen seltsam und unangenehm für Laura. Und nur dass Irina und Laura hin und wieder knutschen und generell viel Spaß miteinander haben (nein, das ist keine Sexmetapher), heißt nicht, dass das alles so einfach ist.

Was uns wieder zur zentralen Frage – für Laura – zurückbringt: Ist Laura lesbisch? Es ist eine Frage, die sie sich selbst wiederholt stellt und das auch am Ende noch. Eine Antwort gibt es nicht so recht, wobei: Beide stellen relativ schnell fest, dass sie nicht lesbisch sind, und beide haben auch Gefühle für Jungs, die ihnen sehr wichtig sind. Klingt das nach Fällen, in denen sie das erzwingen, um den gesellschaftlichen Norman entsprechen können? Eher weniger, zumal sie dann sicherlich versucht hätten, Abstand voneinander zu nehmen. Und trotzdem ist die Frage bis zum Schluss: Ist Laura lesbisch? Es ist eine Frage, die Unsicherheit mit sich bringt und die Laura auch belastet. Es tut ihr wahnsinnig gut, wann immer sie mal mit wem darüber reden kann. Und selbst ihre Mutter, die selber ihre Erfahrungen gemacht hat, bietet nicht mehr als: Vielleicht bist du lesbisch, vielleicht nicht, Hauptsache du bist glücklich. Was an sich gut ist und selbst ein Kommentar à la „vielleicht ist es eine Phase“ ist nicht dazu gedacht, Lauras Gefühle zu negieren, sondern um zu untermauern, dass es vielleicht nur etwas für den Moment ist, vielleicht bleibt es und wie auch immer Laura sich entwickelt, es ist okay. Aber wisst ihr, was in solchen Momenten auch hilft? Einen Namen zu haben. Zu wissen, dass es da einen Begriff gibt (oder mehrere), denn das sagt mir, dass es noch mehr Menschen gibt, denen es ganz genauso geht. Mit denen ich reden könnte, wenn ich wollte. Deswegen hätte ich es vor allem auch für Leser_innen wichtig gefunden, andere Optionen außer Hetero- und Homosexualität wenigstens mal zu nennen (ob Laura das dann für sich annimmt, ist ja noch mal was ganz anderes). Denn manchmal geht’s den Leuten ganz genauso wie Laura und sie wissen die Gefühle nicht so recht einzuordnen. Dann über andere Optionen zu stolpern und zu merken, dass es da eine Ecke gibt, zu der mensch dazugehören könnte, das kann sehr erleichternd und hilfreich sein. Und für wen werden die Bücher denn geschrieben, wenn nicht für Leser_innen?

Abgesehen davon unternimmt das Buch aber nichts, um Lauras Gefühle in Frage zu stellen oder zu sagen, dass sie das nur aus … welchen Gründen auch immer tut, die nichts damit zu tun haben, dass sie einfach Irina und Enzo mag. Lauras Gefühle sind legitim, und ja, sie ist ein bisschen verwirrt – aber nur darüber, ob sie denn jetzt lesbisch ist oder nicht. Was ich besonders mochte: Das Buch betont, dass sich Sexualität auch ändern kann, ohne die momentanen Gefühle als nichtig zu erklären. Ob das so beabsichtigt war, weiß ich nicht, aber als Ergebnis ist es schön.

03

Das waren jetzt sehr lange Ausführungen und am Ende doch nur drei Sterne? Zum Großteil hat es damit zu tun, dass es als Buch nicht ganz mein Genre ist und auch wenn es da nicht gänzlich klischeehaft ist, bricht es nicht so sehr aus den Gewohnheiten aus, um mich von den Socken zu hauen. Und ja, ich war auch enttäuscht, dass Multisexualität nicht mal ansatzweise diskutiert wird, mal abgesehen davon dass Irina und Laura es sind. Aber wenn ihr solche Bücher mögt: go for it. Es ist ein kurzweiliges Buch über ein verliebtes Mädchen und wie das mit 16 halt so ist, ist das manchmal ein wenig kompliziert, aber auch nicht so schlimm, dass das Buch nichts mehr für zwischendurch wäre.

balken_blau

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4 thoughts on “Auf eine wie dich habe ich lange gewartet | Patrycja Spychalski

  1. Danke für deine Einschätzung, darauf war ich schon sehr neugierig. Leider habe ich das schon so erwartet, schade, dass die Autorin nicht mehr aus der Geschichte macht. Mal schauen, vielleicht begegnet mir das Buch mal in der Bibliothek, ansonsten scheine ich ja nicht zu viel zu verpassen ;)

    • Bei dem Buch scheint ja generell gerade etwas mehr Interesse in meinem Umkreis zu bestehen, da dachte ich, ich poste die Rezenesion so schnell, wie es geht. :D
      Überrascht war ich ja leider auch nicht. Aber es ist immerhin ein kleiner Schritt in die richtige Richtung, zumindest tröste ich mich damit. (Zumal bei cbt oder cbj ja auch Tess Sharpes Buch übersetzt wurde und da gibt es auch eine offen bisexuelle Protagonistin. Hat sich nur leider nicht so wahnsinnig gut verkauft, glaube ich, was bei der Vermarktung wohl aber auch keine Überraschung war.)
      Nee, viel fehlt dir da wirklich nicht. ;)

  2. Danke für die schnelle Rezension :) Ich denke ich werde es mir mal anschauen. Da ich nicht so viel Erfahrung mit Büchern in dem Bereich habe wie du, ist für mich auch schon ein Buch das sich mit eventuell bisexuellen Charakteren befasst besonders. Egal ob mit Label oder ohne :D

    • Tu das! :D Wenn du irgendwann mal ein anderes, sehr gutes und spannendes Buch lesen magst, das auch einen wunderbar geschriebenen bisexuellen Hauptcharakter hat: „Far From You“/“Mein wildes Herz“ von Tess Sharpe kann ich da nur empfehlen. ;)

Und ihr so?

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