Ein Abend mit Margaret Atwood

Margaret Atwood_1_1 Gelesen habe ich von Margaret Atwood nur zwei Bücher – eins davon, „The Handmaid’s Tale“, fand ich sehr gut, das andere, „Oryx & Crake“, konnte mich erst mal weniger überzeugen, aber doch immerhin so sehr, dass ich die Reihe weiterlesen möchte. Trotzdem ist Margaret Atwood eine der Autor_innen, bei denen ich nicht lange überlegen muss, wenn ich die Chance bekomme, sie zu sehen. Einmal habe ich die Chance schon einmal verpasst, als sie zur Leipziger Buchmesse kam und ich daheim an meiner Bachelor-Arbeit saß. Diesmal kam sie zum Erscheinen ihres neuesten Romans, „The Heart Goes Last“, nach Edinburgh, und ich habe sie mit 790 anderen Personen zusammen gesehen. (Wirklich reden konnten wir aber nicht, weil ich eine der Letzten war, die am Autogrammtisch ankam und mensch sah ihr die Müdigkeit deutlich an.)

Zum Buch der Stunde selbst sagte sie folgendes:

● Ursprünglich schrieb sie längere Texte für die Online-Plattform Byliner, und nach einer Weile bat der Verlag dann um einen Roman – diese längeren Texte wurden dann „The Heart Goes Last“.
● Da das Buch zunächst in kürzeren Abschnitten online erschien, gab es ganz andere Leser_inneneinflüsse als sonst; bei einem Buch gibt es nur vereinzelt Meinungen und zahlreichere Rezensionen erst, wenn es bereits fertig und erschienen ist. Hier konnten die Reaktionen teilweise formen, was später passiert, wer mehr in den Fokus rückt (oder dort bleibt), wie sich eine Figur verhält und so weiter. Außerdem hatte sie zunächst am Anfang immer eine kleine Zusammenfassung, was zuvor geschah – die ist im Roman natürlich unnötig, weil die Leute all das gerade erst auf den vorherigen Seiten gelesen haben.

Über zukünftige Projekte wurde auch gesprochen – alles davon ist nicht neu, aber ich persönlich hatte das alles verdrängt. Für den Fall, dass ihr genauso vergesslich seid wie ich, zähl ich das einfach noch mal auf:

● Hope Nicholson startete ein Projekt über Kickstarter, The Secret Loves of Geek Girls – eine Anthologie mit Comics und Texten ausschließlich weiblicher Autorinnen mit wahren Geschichten über Liebe, Romantik und Sex, die voraussichtlich diesen Dezember erscheint. Margaret Atwood hat dafür vier Comicstrips gezeichnet, und ein personalisierter Comic für Emily – wer auch immer Emily ist – steht noch aus. (Emily hat das Ganze $750 gekostet, ich hab nachgeguckt.)
● 2017 erscheint die Graphic Novel zu „The Handmaid’s Tale“ aus der Feder von Renee Nault. Atwood konnte aber nur so viel sagen: Das Buch befindet sich momentan in der Phase, die sich „second pencils“ nennt und als nächstes kommt dann „ink“.
● HBO hat eine Serie in Auftrag gegeben, die auf „Oryx & Crake“ basiert und von Darren Aronofsky („Black Swan“) produziert wird. Es gibt es ein Script für die Pilotfolge und bisher kann Atwood nur sagen, dass sie im Prozess involviert ist (diesen Monat wird sie sehen, wie weit das Projekt ist) und dass das Script dem Buch sehr nah bleibt.

Margaret Atwood_2
Und auch wenn Margaret Atwood eine erfolgreiche Autorin ist, ging es im Gespräch nicht nur um ihre Bücher:

● Eine Sache, die auffiel, war ihr Humor – sowohl was das Gespräch anging als auch den Ausschnitt, den sie aus dem Buch vorlas. Dabei schreibt sie nach eigener Aussage nie vornehmlich Comedy. Viel zu lachen gab es trotzdem, zum Teil auch durch Atwoods Art, einfach nicht das Gesicht zu verziehen. Wenn ich sie mit einem Wort beschreiben sollte, wäre mein erster Gedanke „deadpan“.
● Apropos Humor, sie empfiehlt Chuck Wendigs Blog. „He swears a lot but is pretty spot on.“ Dass er kürzlich dafür „kritisiert“ wurde, dass in seinem Star-Wars-Roman zu viele Frauen und schwule Männer sind, hat sie übrigens genauso irritiert wie … so ziemlich alle anderen auch, die kein Sexismus- und Homophobie-Problem haben. (Letzteres meine Einschätzung.)
● Sie sprach übrigens auch kurz Leipzig an. Sie war schon öfter auf Comicveranstaltungen und ist mit Cosplay durchaus vertraut – in Leipzig hat sie aber absolut keine der Figuren wiedererkannt.
● Übrigens, andere Länder: Sie ist Kanadierin und der Moderator wollte wissen, ob das Einfluss auf ihre Werke hat. Und natürlich hat es das, sie ist dort aufgewachsen. Kanada war auch nie ein machtvolles Land wie es z.B. die UK war und die USA ist, was die Perspektive auf internationale Geschehnisse ändern kann. Abgesehen davon funktionieren kulturelle Referenzen nicht so gut, z.B. kann sie auch nicht einfach über Paris schreiben, wenn sie Paris in Ontario und nicht in Frankreich meint.
● Spaß mal beiseite, politische Themen kamen hier und da auch zur Sprache. Der Abend startete schon damit, dass sie uns dazu aufrief, uns an eine Zeitung zu wenden, die eventuell die Rezensionen rausnimmt.
● An einer Stelle ging es darum, wie sich Menschen in extremen Situationen verhalten – z.B. eben auch, warum so viele Menschen in Deutschland während des Naziregimes nichts getan haben, und das nicht nur aus Angst. Atwoods abschließender Kommentar war: „If you’re behaving well, chances are you were well off.“ Eine Hypothese, die sich auch heute oft anwenden lässt, denke ich, nicht nur in extremen Situationen. Aber wer weiß, vielleicht lässt sich vieles, was heutzutage vor sich geht, auch durchaus als extrem bezeichnen.
● Auch ihre abschließende Worte hatten einen ernsten Hintergrund: Die Art wie Frauen in der Gesellschaft behandelt werden, ist immer stark mit der Ökonomie verknüpft – „keep your eye on that“.

Alles in allem ein sehr lohnenswerter Abend, und ich hab erneuerte Lust auf ihre Bücher. Drei hab ich auch auf dem SuB auf mich warten, und die Graphic Novel von „The Handmaid’s Tale“ wird wohl auch sehr bald bei mir einziehen, wenn sie dann endlich erscheint.

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13 thoughts on “Ein Abend mit Margaret Atwood

  1. Ich bin so neidisch *_*
    Ich vergöttere Margaret Atwood und hab sie damals in Leipzig leider auch verpasst. Aber vielleicht bekommt man irgendwann nochmal die Chance, ohne in den Flieger steigen zu müssen. ^^

  2. Das klingt wirklich mal nach einer spannenden Lesung, die auch mal ein wenig die Gedankenmaschine anwirft :)
    Habe ja neulich mein erstes Buch von ihr gelesen und fand es durchaus interessant und anders als das, was ich sonst lese. Allerdings hab ich einen „Fan-Bericht“ gelesen, in dem die Autorin als sehr unhöflich ihren Fans gegenüber beschrieben wird. Den Eindruck kannst du aber wohl nicht bestätigen?

    • Ganz genau so war’s. :)
      Hm, so gesehen nicht, auch wenn ich durchaus herzlichere Menschen getroffen habe. Ich denke, manches kommt eventuell unfreundlich rüber, weil sie wirklich kaum die Miene verzieht? Und gut, als ich beim Signieren dran war, hat sie nicht gelächelt und kaum hallo gesagt (weswegen ich dann davon abgesehen habe, nach einem Foto oder dergleichen zu fragen), aber das war wirklich nach nach mehrstündigem Signieren, das würde ich wirklich erst mal der Müdigkeit zuschreiben.

    • Ich hab sie auch bei einem Gespräch auf der LBM erlebt, da warst du aber nicht dabei oder? Das war glaube ich an einem anderen Tag als du da warst. Da kam sie auch ziemlich cool rüber, halt so eine pfiffige alte Lady. Natürlich hatte ich keinen direkten Kontakt mit ihr, aber auf mich wirkte sie da nicht unfreundlich, auch als Fragen gestellt wurden, hat sie eigentlich immer ziemlich freundlich reagiert.

  3. Das klingt total interessant. Mir war sie damals auf der LBM auch wahnsinnig sympathisch, da hat sie noch viel über ihren familiären Hintergrund geredet und dass da alle irgendwie wissenschaftlich tätig sind und dadurch ihr Interesse, aber auch ihre Motivation sich da genau einzulesen und alles so realistisch und gut erklärt wie möglich zu halten, herkommt. Das fand ich auch echt interessant, weil mir das besonders bei Oryx und Crake positiv aufgefallen ist.
    Aber cool, dass es zu letzterem eine Serie geben soll, das wusste ich gar nicht. Hab den ersten Teil auch gelesen und fand ihn seltsam aber rückblickend irgendwie trotzdem ziemlich gut, da hätte ich auch durchaus Lust weiterzulesen.

    • Ah, stimmt! DIe LBM hatte das Gespräch ja netterweise aufgezeichnet und ich hatte mir dann hinterher (traurig) das Video angeguckt. xD Gerade den familiären Hintergrund hatte sie hier auch mal ganz, ganz kurz erwähnt hier – aber wirklich nur kurz.
      Ich muss auch echt mal weiterlesen. Hab die Bücher sogar hier und sehe sie immer, wenn ich zum Fenster gucke … aber wollen und machen sind ja zwei verschiedene Dinge. xD

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