Tanya Byrne

Es ist mittlerweile über ein Jahr her, dass ich mein erstes Buch von Tanya Byrne gelesen (und geliebt) habe und obwohl ich mittlerweile auch ihre weiteren Bücher gelesen habe, bin ich nie dazu gekommen, auch nur eines davon zu rezensieren. Und auch wenn mir ihre späteren Veröffentlichungen nicht ganz so sehr begeistern konnten, wird es jetzt langsam mal Zeit, dass ich sie euch vorstelle. Wie immer führt ein Klick aufs Cover zu Goodreads für alle weiteren Informationen.

balken_blauHeart-Shaped Bruise 300Heart-Shaped Bruise startet mit Emily Koll, die uns (oder vielmehr ihrem Opfer) erzählt, dass sie etwas getan hat (weswegen sie auch gerichtlich belangt wird) – und dass es ihr nicht leidtut. Nicht gerade die sympathischste Einleitung, aber überraschenderweise konnte ich Emily im Laufe des Buches deutlich besser verstehen als so manch anderen Buchcharakter, der weniger kriminell aktiv ist. Versteht mich nicht falsch, nichts entschuldigt Emilys Taten und an keiner Stelle wird das vom Buch behauptet. Wir haben hier nur einfach eine wunderbar ausgebaute Figur in einer fantastisch konzipierten Geschichte. Es ist die Geschichte eines Mädchens, das von einem Tag auf den anderen seine Identität verliert, und das ohne eigenes Verschulden. Emilys Vater ist – ohne ihr Wissen – ein Gangster und bricht eines Nachts in die Wohnung eines Polizisten ein, welchen er umbringt. Dabei wird er aber von der Tochter des Polizisten erwischt, welche Hilfe herbeiruft und Emilys Vater in den Rücken sticht, weswegen dieser letztlich festgenommen wird. Fortan ist Emily nur noch die Tochter des Gangsters, der einen Mann im Schlaf erschoss – nicht Emily Koch. Und wer hat Schuld daran? Emily, die gewissermaßen auch um ihren Vater trauert, da der, den sie kannte, so nicht mehr existiert, projiziert diese Schuld auf Julie, die Tochter des Polizisten, und tut alles daran, Julies Leben zu zerstören. Sie stalkt sie und schleicht sich in ihr Leben ein … und die mochtest du, fragen sich jetzt vielleicht einige? Die Sache ist wirklich einfach, neben der spannenden Geschichte (bis fast zum Schluss ist nicht klar, was genau Emily nun getan hat) lebt das Buch einfach durch Emily. Emily, die stalkt, minutiös plant, wie sie das Leben einer anderen Person zerstören kann … Emily, die trauert, und Tag für Tag leidet und nur sehen kann, dass Juliet noch immer Familie und Freunde hat, während sie selbst alles verloren hat und sich damit selbst im Weg steht, wieder glücklich zu werden. Ich kann es wirklich nur noch einmal betonen: Emily ist fantastisch, als Charakter, und so gut geschrieben, dass ich sie recht schnell wirklich … mochte, und mir zwar nicht wünschte, dass es Juliet schlecht geht, aber wenn ich eine Seite hätte wählen müssen – es wäre vermutlich nicht Juliets gewesen.

balken_blau_kleinfollow me down_300Follow Me Down hat einen starken Start und ein Ende, das einem Fausthieb in die Magengegend gleichkommt. Der Mittelteil … konnte mich nicht ganz so überzeugen. Wie auch „Heart-Shaped Bruise“ wird in „Follow Me Down“ abwechselnd von der Gegenwart und der Vergangenheit erzählt und wir starten im Hier und Jetzt, ohne zu wissen, was passiert ist ist – nur dass etwas passiert ist und dass es schlimm ist. Im Zentrum steht dabei die Freundschaft von Adamma und Scarlett, von denen letztere scheinbar spurlos verschwunden ist. Damit verknüpft ist eine Romanze zwischen Adamma und einem Charakter, der auch für Scarlett sehr wichtig ist – und hier hätten wir auch die zwei Problemzonen für mich. Zum einen wurde ich mit Scarlett nie warm, die wir zugegebenermaßen immer nur durch Adammas Augen sehen. Und obwohl die Autorin viele Passagen dafür verwendet, uns zu beschreiben, wie toll Scarlett ist – es ist wirklich nur erzählen, Scarletts eigentliches Verhalten hat für mich eine andere Geschichte erzählt, weswegen mir nie ganz klar wurde, warum die zwei jetzt befreundet sind. Zum anderen ist die Romanze zu offensichtlich als Geheimnis konzipiert. Bis zum Schluss wird nie konkret gesagt, wer genau jetzt mit beiden Mädchen involviert ist, aber es gibt zwei Kandidaten, die in Frage kommen und nur bei einem macht der Konflikt, der mit der Romanze kommt, Sinn. Deswegen ist nicht gleich alles von Anfang an klar – es bleibt noch immer die Frage, was mit Scarlett geschehen ist und inwiefern es vielleicht mit noch so einigen Dingen mehr verknüpft ist, die nahe der Schule vor sich gingen. Abgesehen davon nutzt Tanya Byrne die Zeit, um Leser_innen daran zu erinnern, dass es vollkommen okay ist, als Mädchen sexuell aktiv zu sein, und spricht das Stigma von Vergewaltigungen an, das aber nicht der vergewaltigenden Person anhängt, sondern der, die vergewaltigt wurde. Sie bietet uns außerdem einen Blick auf falsche Romantik und Beziehungen, die mensch sich selbst schönreden kann – die aber niemals nie gut sind. Ein weiteres Plus ist Adamma, die nicht nur ein gut ausgearbeiteter Charakter mit eigenem Kopf ist, sondern als Tochter eines Botschafters aus Nigeria außerdem noch einen Blick auf eine andere Kultur bringt, inklusive kurzer Sätze in Igbo, wenn Adamma mit ihrer Mutter spricht und es emotionaler wird. (Letzteres macht mich als Linguistin ja immer ganz hibbelig!) Vielleicht hätte mich das Buch auch etwas mehr überzeugen können, hätte ich nicht mit „Heart-Shaped Bruise“ losgelegt. „Follow Me Down“ ist keineswegs schlecht – es ist einfach nur nicht so gut, wie es hätte sein können.

balken_blau_kleinFor Holly_300For Holly ähnelt den vorangegangenen Büchern insofern, dass etwas passiert ist, wir aber nicht wissen, was es ist, und darin dass die Erzählung zwischen Vergangenheit und Gegenwart (hier in Form von Briefen) abwechselt. Anders als in ihren Vorgängerinnen geht es hier aber mal nicht um ein Verbrechen. Damit verknüpft ist das Buch weniger um dieses eine Geheimnis zentriert, sondern konzentriert sich vielmehr auf die Beziehungen der Charaktere – was ihr vor dem Lesen vielleicht wissen solltet; zumindest bin ich mit falschen Erwartungen herangegangen, was mein Leseerlebnis durchaus beeinflusst hat. Kurze Zusammenfassung: Lolas Mutter ist überraschend verstorben und kurze Zeit später hat ihr Vater eine neue Frau und zieht nach Frankreich. Lola soll den Sommer mit den beiden in Paris verbringen, was ihr so gar nicht passt – sie will bei ihrer Großmutter bleiben, bei ihrem Freund Pan und ganz bestimmt nicht in Paris mit Agatha, die sie absolut verabscheut. Agatha ist reserviert, streng, in sich gezogen – das komplette Gegenteil von Lola und auch sie scheint nicht viel für die Tochter ihres Mannes übrig zu haben, und das nicht nur, weil sie mehr oder minder regelmäßig Kleinigkeiten aus Läden stiehlt. Und während die Dinge immer mehr eskalieren und Agatha sich immer furchtbarer Lola gegenüber benimmt, macht sich Lola daran, Agathas Schwachstelle zu finden – und hier kommt Holly ins Spiel. Die Sache ist, ich bin noch immer nicht sicher, ob Agatha wirklich so schrecklich ist, wie sie wirkt, da wir alles aus Lolas Sicht sehen. Andererseits gibt es da Sachen, die sich auch nicht wirklich schönreden lassen … viel wichtiger aber ist Lolas Beziehung zu ihrem Vater, die verständlicherweise belastet ist. Die meiste Zeit über hab ich mir einfach nur gewünscht, dass sich die beiden einfach mal ausreden, sich alles an den Kopf werfen, was sie so denken – einfach damit es endlich mal im Offenen ist und sie darüber reden können. Aber sie sind Menschen und so einfach ist es nicht. Und wie auch in „Follow Me Down“ spricht Tanya Byrne noch andere, gesellschaftliche Probleme an – hier Rassismus, mit dem Lola als Tochter einer Frau, die Schwarz ist, und einem Mann, der weiß ist, selbst als junges Mädchen konfrontiert wird. In einer besonders ekelhaften Szene nimmt eine fremde Person einfach an, dass Lola die Freundin von ihrem Vater ist und nicht seine Tochter, und spricht damit unter anderem die Sexualisierung Schwarzer Frauen an, die oftmals nicht einfach Mädchen sein dürfen. Letztlich geschieht das aber nur in den Details, der Rest der Geschichte … zog sich ein wenig hin und konnte mich nie wirklich fesseln. Vielleicht war es die falsche Erwartungshaltung, vielleicht ist es auch wieder Byrnes erstes und unglaublich fantastisches Buch, in dessen Schatten „For Holly“ lebt. Schlecht ist „For Holly“ deswegen auch nicht, ich hatte nur mehr erwartet.
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