Podcast | Serial: Season One

Serial_550 Serial, Season One: The State vs. Adnan Syed

It’s Baltimore, 1999. Hae Min Lee, a popular high-school senior, disappears after school one day. Six weeks later detectives arrest her classmate and ex-boyfriend, Adnan Syed, for her murder. He says he’s innocent – though he can’t exactly remember what he was doing on that January afternoon. But someone can. A classmate at Woodlawn High School says she knows where Adnan was. The trouble is, she’s nowhere to be found.

Als ich angefangen habe, mir Serial anzuhören, nahm ich noch an, dass es sich um eine fiktive Geschichte handelt. Eine Freundin hatte mir den Podcast vor einer ganzen Weile ans Herz gelegt und ich wusste eigentlich nur noch, dass es um eine Kriminalgeschichte geht, die in zwölf Folgen präsentiert wird und bei der in jeder Folge neue Erkenntnisse hinzukommen. Die erste Folge startet mit starken 54 Minuten Laufzeit (bei anderen Folgen schwankt es zwischen 37 und 45 Minuten, auch wenn die letzte Folge wieder fast eine Stunde lang ist) und erzählt uns von Adnan Syed: Adnan war der Ex-Freund von Hae Min Lee, die am 13. Januar 1999 verschwand und deren Leiche erst einige Zeit später in einem naheliegenden Wald gefunden wurde. Fast ein Jahr später wurde Adnan, der zum Tatzeitpunkt 17 Jahre alt war, zu lebenslanger Haft verurteilt.

Warum also wird der Fall nach 15 Jahren von einer Journalistin wieder aufgegriffen? Adnans Familie glaubt nicht, dass er der Täter ist und hat guten Grund dazu: Feste Beweise sind kaum vorhanden, eine Zeugin, die potentiell ein Alibi für Adnan hatte, wurde nie angehört, und die Anklage basierte im Grunde auf der Aussage eines Bekannten, Jay, der aussagte, dass Adnan ihm gegenüber gestanden hat und ihn dann dazu brachte, mit ihm zusammen die Leiche von Hae zu verscharren. Das Problem? Jays Aussage hat sich in den Details von seiner ersten Aussage bei der Polizei bis zur Aussage beim zweiten Verfahren vor Gericht stark verändert. Handydaten, die seine Aussage angeblich unterstützen, tun dies nicht wirklich – oder zumindest nicht ganz. Das sind nicht mal alle Details, die die Entscheidung der Jury fragwürdig erscheinen lassen. Mit jedem Indiz gibt es Aspekte, die gegen Adnan als Täter sprechen, andere wiederum unterstützen Jays Version der Geschehnisse. (Er selbst wurde übrigens nie für seine Mithilfe verurteilt und hatte Gespräche mit der Polizei, die nie dokumentiert wurden; noch so eine Sache, die zumindest seltsam wirkt.)

Mit jeder Episode gibt es neue Erkenntnisse, Überlegungen, Fortschritte … nur die wichtigste Frage, ob Adnan nun wirklich schuldig ist, lässt sich nicht beantworten. Nur eines wird schnell klar: Mit den Beweisen, die es damals gab, war eine Verurteilung nicht gerechtfertigt.

Ich weiß gar nicht, ob ich den Podcast per se „empfehlen“ kann – interessant ist die Geschichte zweifelfrei, aber immerhin geht es hier um das Schicksal realer Menschen. Um Haes Mutter, die um ihre Tochter trauert. Um Adnan, der – wenn er nicht der Mörder ist – seit fünfzehn Jahren unschuldig im Gefängnis sitzt. Um Adnans Familie, die ebenfalls ihr Kind verloren hat – ob er nun schuldig ist oder nicht.

Sarah Koenig geht dabei nicht chronologisch vor, sondern mehr nach Themengebieten: der Fall allgemein, die Beweise, die gegen Adnan vorliegen, Jay … und so weiter und so fort. Warum ich es erst für eine fiktive Geschichte hielt – vielleicht lag es an der Aufmachung? Es gibt eine eingängige Titelmelodie, und eine sympathische und talentierte Erzählerin. Die ganzen Telefonate und aufgezeichneten Gespräche hielt ich für gespielt und bewunderte das Engagement der Macher_innen. Und selbst mit diesem Gedanken, dass das alles nur eine Geschichte ist, wurde mir beim Hören ständig mulmig zumute. Weil die offizielle Geschichte wirklich nicht hinhaute. Aber heißt das, dass Adnan unschuldig ist, oder dass es einfach nur nicht ausreichend Beweise gibt? Wenn er es nicht war, was ist mit Jay? Schützt er wen anders? War er es selber? Wer zum Henker war es? – Es ist eine Frage, die sich sehr viele Menschen auch während des Podcasts stellen. Die Realisierung, dass es hier um reale Menschen geht, hat mein Gefühl nicht gerade verbessert. Zumal der Podcast wirklich nur Fakten präsentiert, hier und da Fragen formuliert, ein paar Steine in Rollen bringt, aber keineswegs die Lösung bietet. Wer war es nun? Die Frage bleibt offen, wird aber weiter verfolgt. Ein anderes Team, das Rabia Chaudry, die ältere Schwester von Adnans bestem Freund, einschließt, hat einen neuen Podcast gestartet, während Serial sich mit dem Start der zweiten Season einem neuen Fall zuwendet. Undisclosed: The State v. Adnan Syed greift den Fall erneut auf und präsentiert sowohl alte als auch neue Beweise und ebenso Theorien, was damals wirklich geschehen sein könnte. Auch wenn das Team neutrale Standpunkte vertreten will, so ist der Podcast hauptsächlich dazu ausgelegt, um Adnans Unschuld zu beweisen.

Am Ende bleibt auch die Frage: Was ist von Serials erster Staffel selbst zu halten? Wenn Adnan unschuldig ist, ist es natürlich wunderbar, dass es Menschen gibt, die auch nach all der Zeit weitergraben wollen. Sollte er doch schuldig sein – wurden hier Menschen nach fünfzehn Jahren unnötig belästigt? Während des Podcasts wirkte Sarah Koenig recht neutral auf mich, auch wenn sie immer eine leichte Tendenz zeigte, dass sie Adnan glauben wollte – in Frage stellt sie ihn trotzdem immer wieder. Was sie präsentiert, sind Fakten – und nicht alle Beteiligten kommen gut dabei weg, auch wenn sie an keiner Stelle Menschen schlecht redet. Aber sie stellt Fragen, und die lassen vor allem Jay nicht unbedingt im besten Licht dastehen, da viele Aspekte der Geschichte einfach nicht hinhauen, und mit der Meinung steht sie nicht alleine da. Aber wenn er nun doch – im Groben – die Wahrheit gesagt hat? Nachdem der Podcast eine gewisse Bekanntheit erlangt hatte, erklärte sich Jay zu einem mehrteiligen Interview bereit (nicht mit Sarah), das in The Intercept erschien. Er spricht davon, dass Sarah Menschen belästigt habe und erwähnt auch, wie sie eines Tages plötzlich vor seiner Tür stand. Darauf wird auch im Podcast eingegangen, und Sarah äußert, dass sie deswegen ein schlechtes Gewissen hat. Im Interview geht Jay weiterhin darauf ein, dass der Besuch seine Kinder und Frau verängstigte, während ihm nicht gesagt wurde, dass Sarah an einem Podcast namens „Serial“ arbeitet, unter anderem. Im Podcast wird dies nicht erwähnt. Zudem ist es ein trauriger Fakt, dass die Show Menschen dazu gebracht hat, Jay und seine Familie zu Hause aufzusuchen und zur Rede zu stellen. So etwas sollte nicht passieren.

Warum schreib ich trotzdem darüber? Zum einen vertraue ich euch mal, dass ihr nicht plötzlich loszieht, um irgendwen zu belästigen. Und auch wenn wir ohnehin zig Probleme haben, dieser Fall ist interessant. Mittlerweile wurde er wieder aufgerollt und vielleicht kommt demnächst ein bisschen mehr Licht ins Dunkel.

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2 thoughts on “Podcast | Serial: Season One

  1. Oh wow, das klingt ja spannend! Ich hab zwar irgendwie so am Rande von Serial gehört, aber nie, worum es eigentlich geht. Ich glaub, da muss ich auch mal reinhören.

    • Unbedingt! Ich lag teilweise abends noch stundenlang wach, weil ich weiterhören musste.
      In der zweiten Season geht es dann um einen US-Soldaten, der seinen Posten verließ und von Taliban gefangen genommen und fünf Jahre lang festgehalten wurde. Jetzt droht ihm aber ein Verfahren, weil er ein Deserteur ist. (Manche meinen, die Gefangenschaft ist dann wirklich schon Strafe genug.) Bisher sind erst vier Episoden, glaube ich, und es wird auch detailliert beschrieben, wie es alles so kam, wie die Gefangenschaft war etc.

Und ihr so?

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