Asking For It | Louise O’Neill

balken_blau Asking for it

Genre: YA, Contemporary
Verlag: Quercus
ISBN: 978-1-784-29586-8
Preis: £12.99
Erscheinungsdatum: September 2015
Format: Hardcover

Goodreads

It’s the beginning of the summer in a small town in Ireland. Emma O’Donovan is eighteen years old, beautiful, happy, confident. One night, there’s a party. Everyone is there. All eyes are on Emma. The next morning, she wakes on the front porch of her house. She can’t remember what happened, she doesn’t know how she got there. She doesn’t know why she’s in pain. But everyone else does. Photographs taken at the party show, in explicit detail, what happened to Emma that night. But sometimes people don’t want to believe what is right in front of them, especially when the truth concerns the town’s heroes…

Content Note:
Sexismus wird aus vielen verschiedenen Perspektiven betrachtet und im Zentrum stehen mehrfache Vergewaltigungen. Aber auch Fatshaming, Sexshaming, transphobe Beleidigungen und einiges mehr finden ihren Weg in die Geschichte, die wirklich durchweg nicht leicht zu verdauen ist.

Diversity-Check:
Es wird, glaube ich, nie konkret gesagt, dass Emma weiß ist, aber es wird impliziert in der Art und Weise, wie sie sich von anderen absetzt, zum Beispiel von Jamie, deren Mutter potentiell aus China oder Vietnam stammt (als Hinweis gibt es nur den Namen der Mutter und die Betonung, dass Jamie asiatisch aussieht). Jamie ist nicht die einzige Person of Colour im Buch, aber fast. Ich kann mich nur noch an Eli erinnern, der Schwarz ist.
Sprachlich ist zu erwähnen, dass die Geschichte in Irland spielt und da Irisch dort Pflichtfach ist, wird es ab und an mal erwähnt, der Text ist aber zu 99% Englisch.

Zum Buch:
„Asking For It“ ist ein Buch, das wütend macht. Es ist in zwei Teile aufgeteilt – erst ein Jahr zuvor, das die Ereignisse kurz vor der Vergewaltigung bis kurz danach betrachtet und dann ein Jahr später, als Emma sich mit den unfairen Konsequenzen auseinander setzen muss.
Es ist ein Buch, das Sexismus in seinen vielen Facetten betrachtet und welchen Einfluss er auch auf das Verhalten von Mädchen hat, selbst wenn diesen bewusst ist, wie unfair vieles davon ist. Emma zum Beispiel weiß sehr genau, welche Auswirkungen Doppelstandards haben: Da sie sehr attraktiv ist, macht sie sich die Mühe, zu anderen möglichst freundlich zu sein und nach ihrem Empfinden zu fragen, auch wenn es sie absolut nicht interessiert – weil sie weiß, dass sie sonst wegen ihres Aussehens und auch der Eifersucht anderer als „Schlampe“ abgetan werden würde. Sie ist auch ein Mensch, der Sex mag und viele One-Night-Stands hat, aber nach jedem Mal überlegt sie gleich, wie sie es unter Verschluss halten kann, weil sie weiß, dass sie sonst verurteilt werden würde.
Anderes wiederum geschieht unbewusst und trägt einen großen Teil dazu bei, Emma (so wie viele andere auch) als absolut unangenehme Person dastehen zu lassen: Immer wieder vergleicht sie sich mit ihren Freundinnen und wertet sie ab, um sich besser zu fühlen. Sie beleidigt sie, von Angesicht zu Angesicht, flirtet mit dem festen Freund einer Freundin, um sicherzugehen, dass sie immer noch „besser“ ist als die andere. Als ihre Freundin Jamie vergewaltigt wird, glaubt sie ihr nicht wirklich und rät ihr zu schweigen – weil es dem Vergewaltiger schaden könnte, als solcher bezeichnet zu werden, und am Ende Jamie sozial geächtet wäre. In dem Zusammenhang gibt es einen Austausch, der schmerzlich bezeichnend für unsere momentane Gesellschaft und die Vorstellungen von Vergewaltigung ist. Emma wirft Jamie vor, dass sie doch gar nicht Nein gesagt habe – Jamie erwidert daraufhin, dass sie aber auch nicht Ja gesagt hat. Und das ist etwas, das wir in vielen „Meinungen“ finden: Das Fehlen eines Neins wird als Zustimmung gewertet. Dabei sollte das Fehlen eines Jas dem vollkommen widersprechen.

Natürlich wird Sexismus nicht nur aus Emmas Perspektive betrachtet und Verhalten, das davon beeinflusst wird, ist nicht der einzige Grund, warum sie als Person sehr unsympathisch ist. (Zum Beispiel bestiehlt sie ihre Freundinnen, weil diese die Sachen angeblich ganz leicht ersetzen können.) So, wie sich andere ihr und anderen Mädchen/Frauen gegenüber verhalten, ist deutlich gewaltsamer. Emma mag Jamie davon abgeraten haben, Dylan anzuzeigen – aber er hat Jamie vergewaltigt. Nicht alles ist so (scheinbar) offensichtlich ein Verbrechen: Emmas Mutter kommentiert ständig das Aussehen und Gewicht ihrer Tochter. Alis Mutter verstößt ständig ihre eigene Tochter und zeigt sich an Emma viel interessierter, weil sie schöner ist. Emmas Bruder bezeichnet Emmas Outfits als „schlampig“, sieht aber kein Problem darin, Poster von halbnackten Frauen an der Wand hängen zu haben. Nachdem Emma vergewaltigt wurde und damit an die Öffentlichkeit ging, behaupten einige, dass sie ihr glauben würden, tun dies letzten Endes aber nicht wirklich, nicht einmal ihre Eltern. Als ihr Bruder das erste Mal die Bilder ihrer Vergewaltigungen sieht, ruft er sie an, um ihr Vorwürfe zu machen – vollkommen überzeugt, dass ein bewusstlos wirkendes Mädchen trotzdem irgendwie selbst dafür verantwortlich sein muss.

Alles an „Asking For It“ ist trostlos. Die Beziehungen zwischen Emma und ihren Freundinnen, ihrer Familie, alles ist irgendwo ein wenig verdorben, weswegen sie nach der Tat auch kaum richtige Unterstützung hat. Die Tat selber … vom Fall, um den sich das Buch dreht, bekommen wir nichts direkt mit, erst hinterher werden die gemachten Bilder vage beschrieben, sodass Emma und wir nur eine ungefähre Ahnung haben, was genau passiert ist. Aber schon das reicht aus, um Ekel und Entsetzen hervorzurufen. Davor aber gibt es eine andere Szene, die genauso eine Vergewaltigung ist, aber nie als solche besprochen wird, weil es der „typische“ Fall ist: Emma gab zunächst ihr Einverständnis, also muss alles, was folgte, okay sein. Ist es aber nicht. Emma fühlt sich schnell vollkommen unsicher, traut sich nicht, Verhütung anzusprechen, und ihr wird gesagt, sie soll sich nicht so haben – sie kann ihn nicht anmachen und dann das „Angebot“ zurückziehen. Am Ende geht es in der Szene für sie auch nicht um Lust oder Vergnügen, sondern darum es möglichst schnell hinter sich zu bringen.

Und nach all dem steht das Schlimmste noch bevor. Es mögen nicht alle die Vergewaltiger entschuldigen und hier und da erfährt sie Unterstützung, aber nach all der Hetze, die sie da – und schon ihr ganzes Leben – erfahren hat, ist das einfach verdammt schwer anzunehmen.
Was folgt, ist das, was wir alle aus den Medien kennen: Was hat sie getragen? Sie wirkt, als wäre sie bewusstlos – aber ist das nicht auch ihre Schuld, wenn sie so viel trinkt? Wenn sie diese Kleidung trägt? Hat sie nicht letztendlich praktisch danach gefragt?
Nein, hat sie nicht, das bringt das Buch sehr deutlich rüber, auch wenn Emma selbst lange braucht, das zu verstehen. Und deswegen ist dieses Buch so wichtig. Emma ist kein liebes Mädchen, mit dem alle sofort Mitleid haben. Sie ist ein gemeiner Mensch, der andere ausnutzt und dem etwas Furchtbares widerfahren ist. Und dafür verdient sie trotzdem unser Mitleid und vor allem unsere Unterstützung.
Das sollte spätestens auffallen, wenn dieses selbstbewusste, extrovertierte und laute Mädchen plötzlich vollkommen in sich gekehrt ist, sich vor sich selbst ekelt und Suizidgedanken hat. Und trotzdem merken so viele nicht, was Sache ist, weil sie so erpicht darauf sind, ihr die Schuld zu geben. Selbst wenn was passiert ist, sie soll sich zusammenreißen, es war ja „nur Sex“. Die Leben der Jungs, die werden durch solche Anschuldigungen angeblich ruiniert. Dabei sind die Leute selbst das beste Beispiel dafür, dass das nicht stimmt: Gib dem Ganzen ein wenig Zeit, und sie feiern wieder mit den Vergewaltigern, als sei nichts geschehen. In ihren Augen stimmt das vielleicht auch.

05

„Asking For It“ nimmt ein ernstes und aktuelles Problem unserer Gesellschaft und präsentiert es in all seiner Hässlichkeit. Das macht das Buch unglaublich schwer zu lesen, weil Louise O’Neill zwar die gewaltsamsten Übergriffe nicht direkt präsentiert (weil es nicht notwendig ist), ansonsten aber absolut kein Blatt vor dem Mund nimmt oder die Dinge beschönt. Das Buch ist ein durchweg bedrückendes Leseerlebnis, aber das muss es auch sein. Es gibt noch viele andere Aspekte von Vergewaltigungen, die das Buch nicht anspricht, aber es ist trotzdem eines dieser Bücher, die ich gerne allen in die Hand drücken möchte, weil es sie geradezu zwingt, über das Thema nachzudenken.

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4 thoughts on “Asking For It | Louise O’Neill

    • Danke! Es ist aber auch echt ein eindrucksvolles Buch. Ich hatte es schon lange nicht mehr, dass es mir beim Lesen wegen des Buches tatsächlich körperlich schlecht ging. (Ist auch der bisschen der Grund, warum „All the Rage“ von Courtney Summers zwar auf dem Stapel liegt, aber noch etwas hinausgeschoben wird.)

  1. Wow, das klingt krass. Krass wichtig und krass berührend/fertig machend. Ich hatte länger schon vor, das Buch zu lesen, aber die Lust ist mir dann nach „Only Ever Yours“ etwas vergangen – das war zwar gut, aber hatte so ziemlich seine Makel. Jetzt hab ich allerdings doch wieder „Lust“, wenn man das so bezeichnen kann. Wohl eher Neugierde darauf, wie das Buch sein könnte, denn es klingt als würde dieses Thema wirklich facettenreich angesprochen werden.

    • Ich kann jetzt leider auch nicht sagen, ob es hier dann nicht ähnlich für dich wäre, weil ich ihr anderes Buch noch nicht gelesen habe. :/ Aber ich denke, „Asking For It“ ist trotzdem einen Versuch wert – und zur Not kann ja immer abgebrochen werden. ;)

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