Über das Rezensieren von Transcharakteren

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Oder vielmehr über das Rezensieren von Büchern, in denen Charaktere vorkommen, die trans sind. Aber das wäre ein bisschen zu lang für den Titel gewesen. Es lebe die Vereinfachung!

Auf Twitter sehe ich das Thema immer wieder aufkommen, vor allem weil immer mehr Bücher mit Charakteren, die trans sind, veröffentlicht werden und es daher auch mehr Rezensionen gibt. Wie sollte denn jetzt über diese Bücher geschrieben werden? Einfach wie uns das Buch gefiel und warum, richtig? Nun, im Bezug auf das Buch: ja. Was die Charaktere angeht, gibt es doch noch ein paar weitere, erwähnenswerte Richtlinien.

An dieser Stelle aber ein kurzer Disclaimer: Ich selber bin cis und alles, was ich hier nenne, sind Sachen, die mir vor allem auf Twitter über den Weg gelaufen sind und von Leuten stammen, die selber trans sind. Die Tweets haben sich allerdings über Monate angesammelt; ich hab versucht, einige wiederzufinden, war damit aber nicht erfolgreich. (Sobald mir wieder welche über den Weg laufen, verlinke ich sie hier!) Hier gibt es aber einen Beitrag von Alex Gino. Der Text bezieht sich zwar auf Alex‘ Buch „George“, ist aber auch allgemein gültig und führt Punkte auf, die ich immer wieder sehe. Wer es also nicht von mir hören will, der Link ist eine gute Quelle. :) EDIT: Hier gibt es noch einen Beitrag eine*r trans Leser*in. Für alle anderen gibt’s jetzt die deutsche Zusammenfassung von mir:

● First things first: der Name. Es ist wichtig, den richtigen Namen der Figur zu verwenden, was heißt: nicht den alten, falls es eine Änderung gab. Grayson aus „Gracefully Grayson“ z.B. nennt nie einen anderen Namen, aber Melissa aus Alex Ginos „George“ ist Melissa, auch wenn sie bei ihrer Geburt anders benannt wurde. (Warum ausgerechnet der Titel des Buches den alten Namen verwendet, wird auch im oberen Link angesprochen!) Und auch wenn ich „The Art of Being Normal“ noch nicht gelesen habe, wenn ich das richtig verstanden habe, ist der Name der Protagonistin Kate? Und immer so weiter.
● Damit auch zusammenhängend: Pronomen. Grayson, Melissa, Amanda aus „If I Was Your Girl“ … sie alle sind Mädchen. Manche von ihnen haben das andere schon wissen lassen, manche noch nicht, aber sie sind alle Mädchen und waren es auch schon immer, selbst wenn ihre Geburtsurkunde was anderes sagt. In ihren Fällen ist immer „sie“ das richtige Pronomen; bei Transjungen ist es „er“ und generell immer die Pronomen, die ein Charakter für sich beansprucht. (Anmerkung von mir: Das englische „them“ ist zugegebenermaßen ein bisschen schwer zu übersetzen; Alternativen wären vielleicht „xier“ oder „sier“ oder kein Pronomen? Oder doch einfach weiter „them“. Denglisch ftw.) Die Versuchung ist eventuell groß, andere Pronomen zu verwenden, wenn über das Leben der Charaktere vor der Erkenntnis/einem Outing geredet wird, aber: auch da waren sie, wer sie sind, auch wenn’s noch keine*r wusste.
● Was sie sein wollen und was sie sind: Grayson will kein Mädchen sein, sie ist eines. Amanda identifiziert auch nicht nur als Mädchen, sie ist auch eines. Gleiches gilt für Melissa. Und wenn ich mich recht entsinne, ist Hex aus „Love in the Time of Global Warming“ ein Junge und will es nicht nur sein. Was sie z.B. wollen, ist, dass ihre Familien und andere sie auch so sehen/ansprechen.
● Es gibt sicherlich Figuren (und genauso Leute), die sich in ihrem Körpern gefangen fühlen, aber es ist auch keine universelle Erfahrung bzw. spielt da vieles mit rein. Zumal diese Formulierung (ebenso „geboren im falschen Körper“) meist darauf anspielen soll, dass wer bei der Geburt als männlich oder weiblich kategorisiert wurde und daher … sind sie das? Deswegen sei/ist es der „falsche“ Körper? Aber sagen das auch alle Charaktere? Für manche ist der Körper genau richtig, nur andere lassen ihn falsch wirken. Es kommt da sicherlich aufs Buch und die Erzählung an, aber so generell: Es ist der Körper der Figur und wenn nicht gesagt wird, das er falsch ist, warum muss es dann so formuliert werden? (Anmerkung: Mit dem zusätzlichen Problem, wenn ein Buch von einer Cisperson geschrieben wurde: Sagt die Figur es, weil es in dem Fall so ist, oder weil da jemand etwas missverstanden hat? Es bleibt kompliziert.)

Es gibt sicherlich (definitiv) noch zig Nuancen, aber das Wichtigste scheint erst mal zu sein: die Identität der Figuren anerkennen und respektieren. Es geht um die richtigen Namen und das richtige Pronomen, und dann sind wir schon mal auf dem richtigen Weg.

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12 thoughts on “Über das Rezensieren von Transcharakteren

      • Trotzdem großartig. :) Und auch wichtig, denn ich denke viele haben so ihre Schwierigkeiten, nicht nur beim Rezensieren, sondern allgemein im täglichen Sprachgebrauch.

      • Mir sind da auch vereinzelt Rezensionen über den Weg gelaufen, bei denen ich weiß, dass es nicht böse gemeint ist, die aber genau das machen, was eigentlich nicht gemacht werden sollte … ich weiß nur auch nicht, wie angebracht es dann für mich ist, reinzuplatzen und über die Sprache der Rezension zu reden? Der Beitrag hier ist da auch eine Art Kompromiss und ich hoffe, dass er die richtigen Leute erreicht. D:

  1. Super Post! Ich denke, dass einige da etwas überfordert sind und nicht genau wissen sollen, was sie schreiben sollen und da bist du sicher eine große Hilfe :)

    • Bei vielen Punkten ist es ja auch so, dass es in den Medien und z.B. auch auf den Klappentexten der Bücher selbst so umschrieben wird, da liegt die Vermutung ja nahe, dass es so okay sein muss. (Gerade was die Formulierungen mit den falschen Körpern angeht, so hab ich auch lange drüber gedacht, bis ich eben über Texte gestolpert bin, die mir die Augen geöffnet haben.)

      • Ja, das mit dem falschen Körper lese ich auch immer überall und bisher habe ich auch noch gar nicht so darüber nachgedacht, dass das so vielleicht überhaupt nicht stimmt. Sowas ist immer etwas schwer, wenn man da nicht aus Erfahrung sprechen kann, sondern sich nur an dem orientieren kann, was andere sagen oder machen.

  2. Pingback: Mai 2016 | Muh, das Telefonbuch

  3. Nachdem ich deinen Beitrag gelesen hab sehe ich, dass ich einige der aufgeführten Punkte z. B. bei meiner Rezension zu „Zusammen werden wir leuchten“ (The Art of Being Normal) so geschrieben habe. Werde ich nächstes Mal dann drauf achten. Ich habe allerdings bewusst von David und „er“ gesprochen, weil die Figur sagt, dass sie ein Mädchen ist, im Text aber trotzdem durchgehend die männlichen Pronomen weiterverwendet werden, wenn ich mich recht erinnere. Leider hab ich das Buch nur ausgeliehen, deswegen kann ich es jetzt nicht nachgucken, aber ich meine dass ich darüber gestolpert bin und mich gewundert habe. Der neue Name „Kate“ taucht aber erst ganz am Ende auf, wäre es da nicht eher verwirrend und auch spoilernd, in der Rezension nur von Kate zu schreiben? Argh, schwierig.

    Auf jeden Fall vielen Dank für den Post, ist hilfreich!

    • Ich glaube, gerade sowas ist dann auch gemeint, wenn es heißt, dass es da naheliegend oder verlockend scheinen kann. Ich hab das Buch selber noch nicht gelesen, aber es klingt nach einer Zwickmühle, wenn es selbst in der Erzählung so ist – wollte die Autorin da jetzt den Werdegang sozusagen widerspiegeln, oder bedient sie sich da eher der „war ein Junge, wird jetzt ein Mädchen“-Erzählung? (Die Autorin selber war ja auch cis, oder? Kann mich aber auch täuschen.)

      Aber gerade Sachen wie der Namen ließen sich zumindest in Rezensionen (bei den Büchern können wir ja nix machen xD) so lösen, dass der richtige Namen verwendet wird und dann ein kleiner Erklärungssatz à la „Kate, die anderen zuvor als … bekannt war/die bei ihrer Geburt … genannt wurde“ und dann wissen die Leute Bescheid, wie diese Namen zusammenhängen? Als Spoiler würde ich das Ganze eigentlich weniger sehen; meistens ist ja vorab bekannt, dass ein Charakter trans ist und den Namen zu kennen, verrät über den sonstigen Verlauf der Geschichte ja nichts?

      Das sollte er sein, bitte und danke! :D

  4. Das ist ein ganz toller, super hilfreicher Artikel! Genau solche Fragen stellen sich mir immer, wenn ich über Trans-Charaktere schreibe! Ich hoffe, ich bin bisher nicht in zu viele der vorhandenen „Fettnäpfchen“ getreten D:

    • Freut mich, dass der Beitrag helfen kann! :) Und falls dem so ist (ich hab ehrlich gesagt keine Ahnung/Erinnerung xD), dann können die in Zukunft ja vermieden werden. :D

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