Über das schmutzige Anderssein

Ich lebe gerne in meiner kleinen Bubble. In dieser Bubble ist Queerness ganz normal und alles, was Queerness in Frage stellt oder negativ ansieht, wird als Unsinn verstanden. In dieser ganz speziellen Bubble verwirrt mich höchstens mal Monosexualität, aber das ist mein Bier. Und dann gibt’s immer wieder diese unschönen Momente, die mich schmerzlich daran erinnern, das es bei den meisten Menschen ganz anders aussieht.

Zuletzt war das ein Beitrag von Barbara Dee, eine (heterosexuelle) Autorin, die ein Middle-Grade-Buch über zwei Mädchen geschrieben hat, die in einer Schulaufführung Romeo und Julia spielen und von denen zumindest eine in die andere verliebt ist. Ein niedliches kleines Buch über ein bisexuelles Mädchen – und die Autorin wurde bei einer Schulveranstaltung gebeten, nicht mehr über dieses Buch zu reden. Noch schlimmer: Eine der Lehrerinnen entschuldigte sich gegenüber einer Klasse, dass sie „das“ hören mussten. „Das“ ist einfach eins der wenigen Bücher für Kinder (wenn nicht gar das einzige), in dem es unter anderem um Bisexualität geht.

Wer weiß, warum sie es getan hat. Aus Angst vor queerfeindlichen Eltern, vielleicht ist sie es selber. Aber wie die Autorin auch in ihrem Artikel schrieb: So oder so, es schadet den queeren Schüler*innen der Schule, besonders dieser Klasse. Irgendein queeres Kind hat mal wieder, immer wieder gesagt bekommen, dass etwas nicht mit ihm stimmt.

Und sowas ist keine Ausnahme. Auch ganz aktuell: YouTube führt einen Restricted Mode ein, um YouTube zugänglicher für junge Zuschauer*innen zu machen, ungeeignete Videos sollen in diesem Modus nicht verfügbar sein. Mir fallen schnell Themen ein, die da nicht aufgeführt werden sollten. Was ist YouTube auch eingefallen? Videos mit queeren Themen natürlich.

Auch gar nicht mal so lange her: VOYA, ein Magazin, das in den USA auch viel von Bibliotheken genutzt wird, um zu entscheiden, welche Bücher gekauft werden, verpasste „Run“ von Kody Kepler eine Warnung – Gründe hätte es dafür viele gegeben. Gewarnt haben sie, weil eine Figur bisexuell ist, und nichts weiter.
Es betrifft auch nicht nur die USA oder das Thema Sexualität. Als Alex Ginos „George“ endlich auch auf Deutsch erschien, fand ich es bei der Jugendliteratur einsortiert. Weil das Thema angeblich noch nichts für Kinder sei – was vollkommen ignoriert, dass das Buch ein Kind im Zentrum hat, für Kinder geschrieben wurde, der Text sehr kindlich ist, die Gestaltung auf Kinder abgestimmt wurde und auch die Vermarktung auf Kinder abzielt. Und nicht nur Kinder allgemein – ganz speziell Kinder, die trans sind, um ihnen zu zeigen, dass mit ihnen nichts falsch ist. Jugendlichen, die trans sind, kann das Buch sicherlich auch helfen – aber warum muss ein paar Jahre länger gewartet werden, wenn es so viel besser hilft, wenn sich die Kinder gar nicht erst anzweifeln müssen?

Und ich hasse es. Ich hasse es so sehr. Gründe für dieses respektlose und verachtenswerte Verhalten gibt es einige. Queere Sexualitäten werden oft hypersexualisiert, was ihr in diesem Beitrag auch sehr gut erklärt findet. Alle Sexualitäten, die von Heterosexualität abweichen, sind eben nicht nur das – die sind immer gleich mit Sex verknüpft. Ein lesbisches Mädchen kann nicht nur in ein Mädchen verliebt sein. Bisexuelle Menschen müssen sowieso ständig mit Personen verschiedener Gender Sex haben – denn das ist schließlich auch Bisexualität: viel Sex mit vielen verschiedenen Menschen haben, oder?

Darunter liegt wie immer, wie bei so ziemlich allem, was in den Gesellschaften der Welt schief läuft, Othering. Es muss ja einen Grund geben, warum Heterosexualität ganz harmlos gesehen wird und andere Sexualitäten nicht. Heterosexualität ist das „Normale“ oder viel mehr: das, was sein soll. Kein Mensch (der auch cis ist) wird je gefragt, ob er sich seiner Heterosexualität wirklich sicher ist, oder ob er schon mit einer Person eines anderen Geschlechts zusammen war. Alle anderen Sexualitäten? Die sollen nicht sein. Sie sind anders, schmutzig. Krank, wie es bis vor einigen Jahren noch offiziell definiert wurde. Sind das dann einfach Unterdrückungsmethoden, wenn mittlerweile bei vielen auch einfach unbewusst eingesetzt? Wenn ja, dann funktioniert es.

Bücher und andere Medien sind eine tolle Gelegenheit, um solche Vorurteile zu widerlegen und zu untergraben. Um zu zeigen: auch das ist ganz normal und ganz bestimmt nicht ungeeignet für Kinder. Aber wie soll das funktionieren, wenn der Zugang denen, die ihn am meisten brauchen, verwehrt wird? Letztlich liegt es an uns Einzelnen, Kindern diesen Zugang zu bieten. Barbara Dee hatte es damals nicht geschafft, sich gegen diese Behandlung zur Wehr zu setzen. Und ich kann es ihr nicht mal übel nehmen, es ist schwer und angsteinflößend. Aber irgendwie muss es ja vorangehen.

Advertisements

7 thoughts on “Über das schmutzige Anderssein

  1. Bäääääh, ich hasse sowas. Das ist so, so abartig, typisch amerikanische Schulen (aus Deutschland hab ich sowas bisher nicht gehört). Da fällt mir direkt auch das Beispiel ein von dem Shannon Hale mal erzählt hat. Sie hat so eine Middle Grade Reihe mit einer Prinzessin, die sich als Superheldin verkleidet oder so (Princess in Black) und als sie mal an einer Schule war, um das vorzustellen, durften die Jungs nicht mit dabei sein, weil es ein „Mädchenbuch“ ist. Mich macht das so, so, so sauer. Ich will gar nicht erst wissen wie es Menschen geht, welche die Themen noch viel persönlicher ansprechen :(

    • In Deutschland gibt’s das aber auch, siehe Beispiel „George“. (Oder ganz extrem die gedanklich Biegsamen, die einen umfassenden Sexualkundeunterricht für „Frühsexualisierung halten.) Sind zwar keine Schulveranstaltungen, aber vielleicht liegt das auch nur daran, dass solche Veranstaltungen in D sowieso kaum stattfinden? (Tatsächlich eine Frage, ich bin mir nicht sicher, ob es solche Veranstaltungen in Schulen – mit queeren Büchern – wirklich kaum gibt.)

      Dass Jungs bei einem „Mädchenbuch“ nicht mithören dürfen, ist ja aber auch eine besondere Form der Unnötigkeit. o-o

      • Ah stimmt, das mit George ist auch Mist. Genau wie diese YT-Restriction. Was die bloß alle Denken, was ein wenig Horizonterweiterung mit ihren Kindern anstellen könnte, ekelhaft!

        Kann leider gut sein, dass es solche Veranstaltungen hierzulande weniger gibt, aber ich hab auch das Gefühl, dass unsere Lehrer irgendwie offener und freier sind. Zumindest die, die ich so erlebt habe. Ich habe in meinem Umfeld noch nie (?) davon gehört, dass Eltern versucht haben irgendwas im Schulunterricht zu verbieten. Da gab es höchstens mal welche, die ihre Kinder aus religiösen Gründen für ein paar Stunden aus dem Bio- bzw. Sexualkundeunterricht genommen haben, aber das empfand ich nicht als Protestaktion sondern als persönliche Entscheidung.

        Ich glaube bei dem Princess in Black Fall wollte ein Junge sogar explizit dabei sein und es wurde ihm richtig krass verboten. Das tat mir so leid :(

      • Persönliche Entscheidung aber auch der Eltern, nicht der Kinder, die die Infos vielleicht wollen oder brauchen. (Da kann ewig drüber diskutiert werden, sorry. xD Find sowas aber auch nicht richtig, wenn es nicht auch vom Kind explizit gewollt ist.)
        Und wer weiß, was passieren würde, wenn es solche Veranstaltungen überhaupt/häufiger gäbe. Ich bin da eher pessimistisch.

        Armer Kinder. :( Wer hat das denn so getrennt? Eltern oder Lehrer*innen?

      • Das stimmt auch wieder. Ich kann mich aber an den Fall nur noch ganz dunkel erinnern… mir ist so, dass das Kind damit kein Problem hatte und ebenfalls sehr religiös war… bin gerade nicht sicher, was mein Gedächtnis sich da alles zusammenreimt xD

        Ich glaube, das waren die Lehrer, aber auch hier würde ich kein Geld auf mein Gedächtnis setzen ;D

Und ihr so?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s