Es ist nur Repräsentation, wenn es auch genau für diese Menschen geschrieben wurde

Wir kennen wohl alle diese Bücher, auch wenn es nicht immer (gleich) bemerkt wird: Da gibt es Charaktere, die nicht dem üblichen Schema weiß/hetero/cis/able-bodied/… folgen, aber irgendwie? Irgendwie haut trotzdem was nicht hin.

Vor nicht allzu langer Zeit – und vermutlich auch heute noch – gab es Freude, wenn es in einer Geschichte den einen schwulen, besten Freund gab. Auch ich bin drauf reingefallen. Normalerweise ist es ja auch was Tolles, nur am Ende steht dann doch die Frage: Für wen ist dieser Charakter hier?

Repräsentation ist wichtig, keine Frage. Aber ist jedes Auftauchen eines Charakter gleich Repräsentation? Nein. Das ist es nur, wenn ein schwuler Charakter auch für schwule Leser da ist. Es kann nicht nur über einen Charakter geschrieben werden – der Charakter muss auch für die Gruppen geschrieben worden sein, die er repräsentieren soll.

Oftmals ist das allerdings (immer) noch nicht der Fall. Ein erster Hinweis ist vermutlich, dass es in der Geschichte nur eine einzige Figur gibt, die nicht dem üblichen Schema folgt. (Wie immer bestätigen die Ausnahmen die Regel.) Vielleicht so verbildlicht: Es ist ein bisschen so wie die Menschen, die sagen, dass sie gar nicht queerfeindlich sein können, weil sie eine queere Person kennen. „Das Buch ist diverse, weil es eine Figur gibt, die „~anders~“ ist!“.

Nur was dabei raus kommt, nützt oft niemandem und schadet nicht selten. Wenn genau die Figur, die psychisch erkrankt ist, böse ist/Dreck am Stecken hat, was sagt uns das dann? Zeigt uns es dann die Welt oder existierende Vorurteile? Freilich mag es solche Fälle geben, aber wenn es wirklich nur eine Figur gibt, und dann viele Figuren in anderen Geschichten, die ähnlich behandelt werden … dann ist das keine Repräsentation, sondern nur eine faule Ausrede für einen ideenlosen Plot.

Das ist auch einer der Gründe, warum #ownvoices-Bücher so wichtig sind. Zum einen wissen Autor*innen in dieser Hinsicht besser, wovon sie reden, zum anderen sind sie viel weniger geneigt, es als universelle Erfahrung zu verkaufen und schreiben tatsächlich auch für diese Menschen, nicht zuletzt sich selbst.

Diesen Anspruch sollten auch Autor*innen haben, die außerhalb ihrer eigenen Erfahrungen schreiben. Bzw. ist es ja auch bei #ownvoices-Autor*innen so: Nicht jeder Teil der Geschichte stammt aus ihrer eigenen Erfahrung und sie müssen aufpassen.
Was dann nicht geht, sind zum Beispiel Geschichten über intersexuelle Charaktere, in denen eben jene Figur nie selbst zu Wort kommt und deren Intersexualität immer im Kontext von Gewalt (die ihr angetan wird) angesprochen wird. Was nicht geht, sind Geschichten, in dem der eine queere Charakter stirbt, damit der Hetero-Protagonist etwas über Queerfeindlichkeit lernen kann. Was nicht geht, sind Bücher, in denen Figuren of Color als primitiv dargestellt werden.
Sowas erleben Menschen tagtäglich. Diese Geschichten braucht niemand.

Und wie geht’s besser? Menschen, und damit Charaktere, bestehen nicht nur aus einem Adjektiv. Und ein Adjektiv trifft nie auf nur eine einzige Person zu. Geschichten haben Platz für mehr – vor allem, wenn Recherche vorausgeht. Irgendjemand weiß, wie es ist. Nicht immer finden sich Menschen, die direkt darüber reden wollen, aber oft solche, die auf ihrer eigenen Plattform darüber geredet haben. In der Regel gibt es auch bereits Menschen, die all das beachtet und diese Bücher geschrieben haben. Recent(ish) honourable mentions:

Und aus ganz persönlicher Erfahrung: Meistens sind diese Bücher ganz generell auch einfach besser.

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2 thoughts on “Es ist nur Repräsentation, wenn es auch genau für diese Menschen geschrieben wurde

  1. Ich stimme dir mit allen zu (wie man ja erwarten kann). Und die Bücher find ich auch wirklich viel viel besser. Ich glaube jemand der sich Zeit nimmt richtig zu recherchieren, der nimmt sich auf für den Rest vom Buch Zeit.

    • Und es liest sich einfach ganz anders. „False Hearts“ von Laura Lam z.B., eine der wichtigen Nebenfiguren (unwichtigeren Hauptfiguren? Keine Ahnung, wie ich sie am besten bezeichnen soll) ist eine Sexarbeiterin; die Autorin hat da aber sehr viel Recherche betrieben und es ist dermaßen deutlich zu merken – da macht das Lesen gleich noch mehr Spaß.

Und ihr so?

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