The Long Way to A Small Angry Planet, oder: wie SciFi und Fantasy viel öfter sein sollten

Ich hatte es in meiner Rezension zu Ariah schon mal erwähnt: Ich mag es, wenn Romane, die in einer anderen Welt spielen, dies auch tatsächlich umsetzen. Das tun sie nicht, wenn in einer Fantasy-Welt nur die gesellschaftlichen Strukturen reproduziert werden, die wir aktuell anzufinden haben (oder zuvor hatten). Auch bei solchen gibt es gute Geschichten, aber Kreativität zeichnet sich eben nicht nur durch das Vorhandensein von Drachen aus. Ich würde sogar argumentieren, dass Drachen und dergleichen mittlerweile ziemlich unkreativ sind.

„Ariah“ ist eines dieser Bücher, die es besser machen: Es gibt Elfen, auch hier keine große Neuerung zu sonstigen Titeln des Genres, aber die verschiedenen Gesellschaften, Konzepte von Biologie und Familie haben hier für mich die Faszination ausgemacht und waren etwas, das ich so noch nie gelesen hatte. Bitte mehr davon!, war damals mein Wunsch.

„The Long Way to A Small Angry Planet“ hat genau das mal wieder geschafft – wenn auch mit kleinen Abzügen.

Es hilft dem Buch definitiv, dass sich in der Crew des Raumschiffs Wayfarer sehr viele Spezies tummeln; alle mit ihren eigenen Traditionen, Vorschriften, Ideen und anderen gesellschaftlichen Konzepten. Einige davon sollten – und werden – nicht kritiklos hingenommen, andere zeigen uns Wege, wie es auch gehen kann. Besonders begeistert haben mich die Aandrisk, die nicht nur Intimitäten ganz anders interpretieren. Auch Familie ist ein sehr viel fließender Begriff – nicht immer etwas, in das wir hineingeboren werden, sondern etwas, das gewählt wird. (Besonders spannend fand ich, dass erst Erwachsene „Personen“ waren und zum Beispiel Kinder die Älteren beobachtet haben, um das Wissen zu erlangen, eine Person zu werden.)

Ein bisschen enttäuscht war ich aber beim Thema Gender. Auch hier gab es viele verschiedene Konzepte – allerdings waren auch die oftmals an biologische (oder sich ändernde biologische) Merkmale gebunden. Hinzu kommt, dass dies immer nur bei den nicht-menschlichen Spezies der Fall war. Bisher gab es bei den Menschen immer nur Mann und Frau, strikt biologisch getrennt. Es wird nicht gesagt: Es ist so und so, aber trotz aller Stellen, die sich mit Gender beschäftigen, kommen nie alternative menschliche Konzepte zur Sprache. Dabei ist es bereits heute so, dass die Binarität nicht die Wirklichkeit umschreibt und war es auch noch nie – außerhalb der europäischen und europäisch-amerikanischen Gesellschaft gibt es viele Kulturen, die anders damit umgehen. Auch Band 2, „A Closed and Common Orbit“, ist in dieser Hinsicht eher enttäuschend.

Trotzdem bin ich sehr froh um diese Reihe und gespannt auf den dritten Band, „Record of a Spaceborn Few“ – vielleicht wird hier auch noch nachgeholt, was ich bisher vermisst habe?

Rein grundsätzlich denke ich auch, dass gerade Fantasy und SciFi immer so sein sollten. Geht es denn nicht auch darum? Der eigenen Welt ein wenig zu entfliehen, sich mit neuen Ideen auseinanderzusetzen? Freilich mag das auch bei anderen Genres der Fall sein, aber da ist es oftmals eine Flucht aus dem eigenen Leben, nicht aber in eine gänzlich andere Welt. (Auch wenn zum Beispiel Ausflüge in andere Kulturen ebenfalls einen gänzlich neuen Blick bieten können.) Aber wie soll das passieren, wenn diese fantastische oder futuristische Welt nur wieder eine leicht veränderte Kopie unserer Gesellschaft sind und immer wieder reproduzieren statt wirklich Neues zu erschaffen? Vielleicht trauen sich die meisten noch nicht … aber Becky Chambers‘ Erfolg sollte zumindest diesen Mut machen, auch einmal mehr zu wagen.

Wie sieht’s bei euch aus, kennt ihr noch weitere solcher Bücher?

Titel: The Long Way to A Small Angry Planet deutsch: Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten Autorin: Becky Chambers Genre: SciFi Verlag: Hodder & Stoughton ISBN: 978-1-473-61980-7 Preis: £8.99 Erscheinungsdatum: August 2015 Format: Paperback

Titel: A Closed and Common Orbit deutsch: Zwischen zwei Sternen Autorin: Becky Chambers Genre: SciFi Verlag: Hodder & Stoughton ISBN: 978-1-473-62144-2 Preis: £7.99 Erscheinungsdatum: Oktober 2016 Format: Paperback

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9 thoughts on “The Long Way to A Small Angry Planet, oder: wie SciFi und Fantasy viel öfter sein sollten

  1. So spontan fällt mir dazu kein Buch ein, aber du bist ja generell auf diesem Gebiet viel besser informiert als ich. Aber eigentlich wäre es ja grad in Sci-Fi- und Fantasy-Bereich wirklich unproblematisch, sowohl biologisch/sex als auch kulturell/gender mehr Vielfalt einzubinden …

    Jedenfalls freue ich mich jetzt noch mehr, dass ich das Buch auf meine Leseliste gesetzt habe :)

    • Ansonsten fällt mir wirklich nichts weiter in die Richtung ein, mal abgesehen von diversen Titeln (no pun intended), in denen vereinzelte Charaktere nicht mehr Schema X entsprechen.
      (Wobei ich mir, zumindest was Gender (und andere Themen, die jetzt nicht im Post dabei waren) angeht, genau das Gleiche für alle anderes Genres wünsche. Irgendwann dann mal … es hat sich ja auch schon ein bisschen was bewegt.)

      Eine gute Entscheidung! So meine natürlich vooollkommen objektive Meinung. :’D Hast du das Buch schon oder ist es auf der Wunschliste?

      • Ich nehme bei #TheReadingQuest teil und habe es dafür eingeplant. Derzeit habe ich fast nur die Bücher dafür, die ich mal abgebrochen habe und denen ich im Rahmen der Challenge eine zweite Chance gebe. Aber die anderen Bücher wie eben „The Long Way to A Small Angry Planet“ standen alle mehr oder weniger lange schon auf meiner Wunschliste und in Kombination mit dem Praktikum ist es eine tolle Gelegenheit, diese mal abzuarbeiten.

  2. Ich muss zugeben, Gender ist ein Punkt, auf den ich beim Lesen bislang (leider) nicht sehr achte, aber wenn ich deine Rezension so lese, kann ich dir eigentlich nur beipflichten. Ich fand das Buch (bzw. beide Bücher) sehr gut, kann den Kritikpunkt aber absolut nachvollziehen und auch Elena nur beipflichten: Gerade in Büchern wie diesen ließe sich das Thema eigentlich so dermaßen einfach einbinden.

    • Ich muss auch sagen, am Anfang ist es mir gar nicht so aufgefallen und ich war gänzlich begeistert. Erst nach einer Weile fiel mir auf, dass es echt immer die nicht-menschlichen Charaktere waren und dann ging es in Band 2 ganz genauso weiter; ansonsten fand ich sie auch echt gut, wobei mir Band 1 deutlich besser gefallen hat als Band 2. Wurde aber auch besser, sobald Tak aufgetaucht ist. xD

      • Ich bin schon gespannt, um wen es dann geht! Ich hatte vor dem zweiten Band nicht ganz mitbekommen, dass wir nicht mehr mit der Crew reisen und war dann leicht negativ überrascht. xD

  3. Für mich auch mal ein echt spannendes Buch, das zumindest ansatzweise versucht spannende von der Norm abweichende Charaktere zu entwerfen. Ich kann aber deine Kritik auch total nachvollziehen. Jetzt wo ich so drüber nachdenke, ist das definitiv der Fall.

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