Ein Herz für Sachbücher

CN: Das wurde beim Schreiben dann doch persönlicher, als erwartet. But alas! Wem Diskussionen von Sexualität aktuell zu nahe gehen, um sich damit wohlzufühlen: Überspringt den dritten Absatz nach diesem!

Es ist gar nicht mal so lange her, da hättet ihr mich mit Sachbüchern jagen können – zumindest in meiner Freizeit. Sachbücher waren meine Klassiker aus der Schulzeit; gerade während des Studiums erinnerten sie mich an meine Pflichten und vor allem Arbeit. Arbeit, die ich durchaus auch gerne machte, aber außerhalb meiner Lern- und Recherchierzeiten wollte ich meine Ruhe haben, wollte mich entspannen – und das hieß damals für mich Fiction. Zwar Fiction, die mir auch etwas beibringen kann, aber es ist nun mal nicht das Gleiche wie bei einem Non-Fiction-Buch. Letztere kam höchstens in Form von Online-Artikeln und anderen Beiträgen zum Zuge; nichts für das mehrere Tage investiert werden müssen.

Mittlerweile hat sich das geändert. Ist es das Alter? Ist es der Wunsch, detailliertere Werke zu lesen, da Bücher den Autor*innen mehr Platz bieten als Texte online teilweise? Ist es der Wunsch, anderen nicht nur zuzuhören, sondern auch finanziell beizutragen? Geht es darum, den Verlagen direkt zu zeigen, dass bestimmte Inhalte wichtig und gewünscht sind? Nicht, dass deswegen die Onlinewelt ignoriert werden sollte: Nur wenige Autor*innen werden traditionell veröffentlicht und es gibt immer weitere, wichtige Stimmen in den Weiten des Netzes.

Aber ich kann einen Titel benennen, mit dem es losging: In meinen vielen Stunden auf Tumblr begegnete mir 2014 ein Buch immer wieder: Bi: Notes for a Bisexual Revolution von Shiri Eisner. Ich hatte schon länger zuvor angefangen, meine Sexualität zu hinterfragen. Jahrelang drehten sich die Gedanken im Kreis: Ich finde Frauen attraktiv, aber …? Lesbisch kann ich nicht sein, da es eben nicht „nur“ Frauen sind. Den Begriff „bisexuell“ hatte ich zwar schon mal gehört, aber ich zog ihn erst in Betracht, als ich bisexuelle Menschen auf Tumblr davon schreiben sah. Und trotzdem blieben Zweifel: Kann ich denn wirklich bi sein? Oder fake ich es nur, um mich wichtig zu machen, dazuzugehören? Hätte ich nicht eigentlich schon immer etwas ahnen müssen? Und wisst ihr was geholfen hat? Dieses Buch. Shiri Eisner hat das Buch, ihre Platzform genutzt, um an einer Stelle zu erläutern, dass Bisexualität kein 50/50-Ding ist, sich nicht unbedingt auf nur zwei Gender bezieht. Dass es nicht immer von Anfang an klar sein muss. Dass, wenn du denkst, du fakest etwas vielleicht nur, du es es definitiv nicht fakest. All diese Informationen und Beteuerungen hätten in einem Fiction-Titel in dieser Form keinen Platz gehabt, es wäre nie so konkret angesprochen worden. Und ich werde Shiri Eisner immer dankbar sein, dieses Buch geschrieben zu haben.

Ich habe angefangen, Sachbücher zu genießen, wenn ich es denn so nennen kann. Nicht immer ist alles leicht zu lesen. Manchmal ist schon ein Kapitel genug Input und ich brauch erst mal eine Pause. Mittlerweile lese ich solche Titel gern parallel zu Fiction-Titeln: Ein Kapitel Sachbuch und am nächsten Tag geht’s weiter. Ich weiß sie zu schätzen für Ihre klare Themen, für ihre ungewöhnliches Blickpunkte, für all das Wissen, das nur auf uns wartet. Mittlerweile hat sich eine kleine Sammlung gefunden, deren Titel auch mal nichts mit mir und meiner Situation zu tun haben. Die besten drei, die ich allen ans Herz legen möchte:
Hidden Figures von Margot Lee Shetterley, einer Schwarzen Wissenschaftlerin, die in ihrem Buch die Geschichte Schwarzer Mathematikerinnen und Physikerinnen in der NASA vom zweiten Weltkrieg an beschreibt – die Geschichte von Schwarzen Frauen, die in der sonstigen Erzählung der wissenschaftlichen Fortschritte damals vollkommen außen vor bleiben, ohne die die Erkundung des Weltalls in dieser Form aber nicht möglich gewesen wäre.
Deutschland Schwarz Weiß von Noah Sow, welche Rassismus in Deutschland gegenüber Schwarzen Menschen betrachtet.
Unter Weißen von Mohamed Amjahid, der sich ebenfalls mit Rassismus in Deutschland auseinandersetzt und dass er eben nicht nur von der extremen Rechten ausgeht.
Und was ich aktuell noch lese, aber auch zu einer Empfehlung werden wird: Trans Like Me von CN Lester, einer genderqueeren Person, über gesellschaftliche Ansichten über trans Menschen und was es wirklich heißt; bezogen auf eigene Erfahrungen, aber auch unter Beachtung der Erfahrung anderer.

Auch in Zukunft werden sich interessante Titel ansammeln. Es stehen sogar schon einige bereit! eingeschrieben. Zeichen setzen gegen Rassismus an deutschen Hochschulen von Emily Ngubia Kuria, bei dem Sinead von Huntress of Diverse Books so lieb war, es mir zu schicken. Queer, There and Everywhere von Sarah Prager über queere Menschen der Weltgeschichte. Bad Feminist, eine Essay-Sammlung von Roxanne Gay über ihr Leben als Frau of Color und Feminismus. Ich bin gespannt!

Wie geht es euch denn damit? Gibt es Sachbücher, die euch viel bedeuten oder die euch sehr geholfen haben?

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13 thoughts on “Ein Herz für Sachbücher

  1. Ich kann das sehr gut nachvollziehen! Bei mir ist die Sachbuchfaszination damit gewachsen, dass ich angefangen habe, mich mehr mit Rassismus zu beschäftigen und mittlerweile habe ich doch ein paar mehr, als ich gedacht hätte. Mit „Unter Weißen“ und „Deutschland Schwarz-Weiß“ bin ich ganz bei dir, auf „Trans Like Me“ hast du mich bereits auf Instagram neugierig gemacht und Roxane Gay möchte ich mir seit Ewigkeiten auch mal anschauen. Ansonsten habe ich noch „The Good Immigrant“, „Plantation Memories“, „Ene Mene Missy“ und „Gegen den Hass“ da, auf die ich schon allesamt sehr gespannt bin.
    Früher habe ich mich auch über Leute gewundert, die gern Sachbücher lesen, das hat einfach wirklich was von Pflichtlesen, aber inzwischen schätze ich das wirklich sehr. Danke für den Post und die Tipps! :)

    • Ich glaube, „Unter Weißen“ hatte ich vor allem auch über dich kennengelernt. Was wenig überraschend ist. :)
      (Anfangs war es bei mir aber echt größtenteils Twitter, Tumblr … was aber auch nicht schlecht war, weil so auch viele Stimmen auf einmal zusammenkommen.)
      „Trans Like Me“ ist auch wirklich hilfreich, weil es sehr viele Themen abdeckt – trans Vorbilder, was eine Behandlung für trans Kinder mit sich bringt (aka erst mal keine OPs), Grundrechte, welche trans Personen es in der Geschichte gab, das Boshafte an der „Trans Panic Defense“ … bin ständig am Markieren!
      Bei „Ene Mene Missy“ bin ich sehr gespannt – Im Deutschen gab’s ja schon ein paar Sachbücher zum Thema Feminismus, aber als Jugendbuch wär’s mir neu, oder?
      „The Good Immigrant“ wartet noch auf meiner Liste. Sinead war ja auch sehr überzeugt vom Buch!

      Falls du „Gegen den Hass“ mal ausleihen magst, sag Bescheid! Hab es im Regal und reiche es gerne herum. :D

      Ich muss sagen, bei Klassikern bewundere ich euch Lesende nach wie vor. Da bin ich über meine Zurückhaltung noch nicht ganz hinweg … xD

      • Auf Tumblr war ich nie viel, aber Twitter war echt die beste Schule für mich, was diese Themen angeht. „Gegen den Hass“ habe ich auch da, aber vielen Dank für das liebe Angebot! <3 Mochtest du es?
        "The Good Immigrant" ist ein Langzeitprojekt geworden – weil es verschiedene Essays sind, lese ich immer mal wieder eins, aber bisher waren alle sehr gut!

        Oh, bei mir ist die Bewunderung aber fast an der falschen Stelle, ich interessiere mich zwar mega für Klassiker und besitze unglaublich viele, aber das Lesen schreckt mich auch immer super ab. :D Jane Austen "tackle" ich grade mit den Hörbüchern, das geht richtig gut. Dass ich mich schwertue, liegt selten an den Büchern selbst, aber ich brauche einfach meistens ewig für Klassiker und greife einfach seltener danach. 🙈

      • Da nicht für! Und ja! Auch wenn ich mich sagen muss, dass ich mich gar nicht mehr so sehr an Details erinnern kann, aber wenn ich mich recht entsinne, werden wirklich vielfältige Formen des Hasses angesprochen.

        Immerhin machst du etwas in die Richtung! Ich glaube, meine letzten Klassiker waren während des Bachelor-Studiums, weil ich „musste“. Mal abgesehen von „The Handmaid’s Tale“ vielleicht.
        Warum es länger dauert, kann ich aber gut nachvollziehen. xD Jane Austen als Hörbuch klingt aber auch nach einer interessanten Idee!

    • Bei den KGs bin ich voll bei dir! Gerade Essaysammlungen finde ich sehr praktisch, da lässt sich wirklich eins pro Tag lesen und es ist in sich abgeschlossen – ich finde, das gibt einer selbst dann auch Zeit drüber nachzudenken, ehe es mit dem nächsten weitergeht.

      Mit Gedichten kann ich dagegen gar nichts anfangen, aber das war schon immer mein „Problem“. Ich find da schwer Zugang zu, zumindest wenn es sehr abstrakt wird. Das ist nicht bei allen Gedichten so, ich bevorzuge am Ende doch Prosa. (Außer wenn ich mal über ein Gedicht stolpere, das auch mir gefällt. xD)

  2. Ich finde es richtig schön, dass du in deinem Beitrag auch ein bisschen persönlicher geworden bist. Ich habe ähnliche Erfahrungen mit Sachbüchern gemacht. Früher klangen die für mich immer zu sehr nach Wissenschaft und langweilig. Ich habe dabei nie bedacht (oder gezeigt bekommen), dass es Sachbücher über unzählige Themen gibt und mit den verschiedensten Herangehensweisen. Muss nicht alles staubtrocken sein, auch lustige Essays oder feministische Denkanstöße zählen zur Sachliteratur. Inzwischen entdecke ich da mehr und mehr für mich. Mich hat damals vor allem Reasons To Stay Alive erwischt, in einer Phase, in der es mir selbst nicht so gut ging, und in der ich mich von dem Buch einfach verstanden und ermutigt gefühlt habe. Seitdem ist die Hemmung vor Sachbüchern total gesunken und ich lese sie genau wie du gerne mal hier und da neben der üblichen fiktionalen Lektüre.

    • Ich konnt’s mir dann einfach nicht verkneifen, aber schön, dass es auch gut angenommen wird. <3
      Es ist aber echt … nicht unglaublich, aber sowas in die Richtung, wie sehr das richtige Buch im richtigen Moment helfen kann. Bei "Reasons to Stay Alive" hatte ich , ehrlich gesagt, gar nicht richtig mitbekommen, dass es ein Sachbuch ist. Hatte es zwar immer wieder on- und offline gesehen, aber immer angenommen, es sei ein Belletristiktitel.

      • Doch doch, das ist schon irgendwie unglaublich wie tief einen das richtige Buch zum richtigen Zeitpunkt berühren kann und dass man es viellicht zu einem anderen Zeitpunkt „nur“ ganz gut gefunden hätte.
        Liegt vielleicht daran, dass der Autor sonst nur Belletristik schreibt ;) Es ist teilweise ein bisschen Memoiren-mäßig, weil er von seinen eigenen Erfahrungen erzählt, aber das meiste sind sehr kurze Kapitel mit Listen, Anekdoten, Fakten usw.

      • Auch wieder wahr! Umso wichtiger ist es, die Bücher immer wieder zu pushen. In der Hoffnung, dass es dann bei wem anders im richtigen Moment aufgeschlagen wird.
        Ich kenn auch nur seine Vampirbücher. Sein Vampirbuch? Irgendwas mit den Radleys, glaube ich, das damals in einem Twilightforum (meine düster-glitzernde Vergangenheit …), in dem ich angemeldet war, immer wieder angesprochen wurde. Seitdem ist er als Belle-Autor abgespeichert. Das klingt aber auch gut!

      • Es ist nur eins ;) The Radleys ist richtig. Das fand ich von ihm aber bisher am schwächsten. Wenn du mal Belletristik von ihm lesen willst, dann lieber The Humans.

Und ihr so?

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