Es war einmal das Buch

Reißerischer Titel? Check!

Seit ich im Verlag arbeite und arbeitsbedingt viel in der Branchenpresse lese, wird mir eine Problematik viel öfter und deutlicher vor Augen geführt: sinkende Verkaufszahlen im Buchhandel. Auf mein eigenes Verhalten hat das bereits Einfluss genommen – viel gekauft habe ich schon länger, jetzt mit eigenem Gehalt hat sich das aber noch einmal verstärkt.

Zuletzt stieß ich auf ein interessantes Interview mit Robert Schekulin, seines Zeichens Lektor, Übersetzer und Buchhändler einer Krimibuchhandlung. Eine Frage nimmt Bezug auf ein vielbesprochenes Thema der Branche: der Frequenz- und Umsatzrückgang vor Ort. Ihm ginge es da wie vielen anderen Einzelfachhandelsgeschäften: weniger Käufer*innen, weniger Umsatz. Er habe sich jedoch für eine neue Offenheit gegenüber den Kund*innen entschieden. Es wird aktiv über die schwierige Lage gesprochen und dann kam folgender, abschließender Satz: „Die Resonanz der Kunden (sic!) auf diese Offenheit ist ermutigend. Vielleicht hätten wir die Probleme schon viel früher thematisieren sollen.“

Und ich fragte mich: Wie oft rede ich eigentlich konkret über das Thema? Mit wem? Und die Antwort lautet: viel zu selten und mit kaum jemanden. Bei einem elterlichen Besuch wurde das bereits geändert und die Verwandt- sowie Bekanntschaft musste sich minutenlange Vorträge über die Sorgen des Buchhandels anhören, wurde mit Zahlen konfrontiert und vielleicht geht die eine oder andere Person jetzt öfter Bücher kaufen. Meine Eltern selber habe ich vor ein paar Jahren schon anstecken können, mittlerweile kriege ich immer mal Nachrichten meiner Ma, die mich wissen lässt, welche Bücher sie wo gekauft hat. Deswegen auch der Versuch, über den Blog noch ein paar mehr Menschen anzusprechen.

Ein kleiner Disclaimer noch: Alle verlinkten Artikel stammen aus dem Börsenblatt. Beim wissenschaftlichen Arbeiten eine eher fragwürdige Methode, andererseits soll das hier kein Essay werden. Zumal über die Zahlen, auf die ich Bezug nehme, dort auch „nur“ berichtet wird – bzw. bei Interpretationen wirken sie auf mich schlüssig. Außerdem ist das Börsenblatt online frei einsehbar, etwas, das mit anderen Seiten beispielsweise nicht immer möglich ist. Lest das alles also im Notfall mit dem Hintergedanken: Es ist eine Quelle.


Über die Probleme des stationären Buchhandels wird nicht erst seit kurzem berichtet. Allein da ist – und vermutlich bleibt – viel Bewegung. Allein in den letzten zwei Monaten gab es da einige Meldungen: Ein neuer Buchladen, weil ein anderer schließen musste und dadurch eine Lücke im Ort entstand. Eine Kundin, die das Geschäft übernimmt, weil die bisherige Leitung in den Ruhestand geht. Eine Übernahme durch eine Mitarbeiterin. Auch eine Schließung durch eine Kündigung des*r Vermieter*in selbst, weil in nächster Nähe Konkurrenz auftauchte und die Chancen zu schlecht eingeschätzt wurden. Ebenso eine Übernahme durch einen Filialisten, was aktuell (und auch nicht erst seit gestern) eine aktive Strategie der Filialisten ist. Was davon gut ist, was davon schlecht, das wäre sicherlich ein Thema für einen anderen Beitrag und vermutlich auch für eine andere Person. Fakt ist, es passiert einiges – nicht erst seit heute, nicht erst seit 2018.

Die Gründe sind mannigfaltig, ebenso die Probleme: Mieten, Rabatte, Buchpreise … über all das lässt sich reden, aber nichts nützt viel, wenn eine Sache fehlt: die Lesenden. Und vor allem die Buchkaufenden.

Anfang des neuen Jahres stand natürlich ein erster Rückblick an. Wie steht es um den deutschen Buchhandel? Eine erste Tendenz lautete: Nach einem leichten Umsatzplus in 2016 folgte nun ein Minus von 2% im Vergleich zum Vorjahr, sogar -3% im stationären Buchhandel. (Detailliertere Zahlen über alle Warengruppen findet ihr im Artikel.) Hier wird bereits – erneut, immer wieder – angesprochen, was später noch einmal betont werden wird: Das Buch kämpft um Aufmerksamkeit mit anderen Medien, vielerorts werden schwindende Kundenfrequenzen beklagt.

Kurz später folgten Zahlen, zusammengetragen von der GfK für die Jahre 2012 bis 2016. Hier nur kurz die wichtigsten Zahlen in der Übersicht, es lohnt sich aber definitiv, den eigentlichen Artikel zu lesen:

  • seit 2012 gibt es 6,1 Mio. Buchkäufer*innen weniger, von 2015 auf 2016 sind es 2,3 Mio. weniger (ein Minus von 6,9%)
  • die Gesamtausgaben stiegen dafür um 1,8%
  • für 2017 liegen vorerst nur Zahlen für das erste Halbjahr vor: auch hier ging die Zahl der Buchkaufenden um 600.000 zurück
  • bei den Altersgruppen 20-49 sind sowohl die Käufer*innen als auch die Ausgaben rückgängig

Es folgen noch einige weitere interessante Zahlen: Der Rückgang des Anteils der buchkaufenden Bevölkerung, rückläufige Lesehäufigkeit, auch des regelmäßigen Lesens – unabhängig des Bildungsniveaus. Und die scheinbare Bestätigung der Sorge, dass neue digitale Inhalte Zeit in Anspruch nehmen, die sonst vielleicht zum Lesen verwendet werden würde: Alle Entertainmentmärkte („Games“, „Kino“, „Home Video“ und „Musik“) bis auf’s Buch wachsen – die Info kommt vermutlich wenig überraschend, wenn es euch wie mir geht und ihr euch doch immer öfter mal mit Netflix ablenkt, statt euch wie früher mit einem Buch zu verkriechen. (Neue Taktik: Mache nun beides gleichzeitig!)

Das sind natürlich keine allzu schönen Zahlen, von den Ausgaben mal abgesehen. Wobei größere Einkäufe (und zum Teil höhere Preise) von weniger Personen nur bedingt gegenwirken können. Gerade in Hinblick auf die Altergruppen: Wenn die „jüngeren“ Käufer*innen älter werden, ist es nicht gegeben, dass sie plötzlich wieder Bücher kaufen. Und die Generationen, die folgen? Es braucht keine lesenden Eltern um eine*n Leser*in aus dir zu machen, und lesende Eltern sorgen auch nicht automatisch dafür. Aber es ist zumindest eine gute Ausgangssituation.

Und warum? Neben anderem Medienkonsum werden im Artikel noch einige weitere Beweggründe, die aus Fokusgruppen-Gesprächen hervorgingen, genannt. Mir stellt sich die Frage, inwiefern auch Geld eine Rolle spielt. Krasse Beispiele wie 36€ für ein Buch sind zwar die Ausnahme und werden es wohl noch länger bleiben, und auch die steigenden Preise sehe ich nicht als Auslöser (zumal sie laut Artikel schon mal höher waren). Aber wenn ich die Wahl habe zwischen einem oder vielleicht ein paar Büchern im Monat, die ich in der Regel einmal lese, und anderen Angeboten, die mir viel mehr liefern als ein einzelnes Produkt … wofür entscheide ich mich dann wohl? Leben wird nicht günstiger und da bleiben manche Dinge auf der Strecke. Sich aus finanzieller Sicht nicht zwischen dem einen oder dem anderen entscheiden zu müssen, ist ein Privileg.

Also, was ist das Fazit? Lösung kann schließlich nicht sein, dass wir, die sowieso Bücher kaufen, jetzt noch viel mehr Bücher kaufen. Versteht mich nicht falsch: Ich bin durchaus Fan dieser Strategie. Ich habe dann eben keinen SuB, ich habe meine private kleine Bibliothek, da ist keine Schande dabei. (Genauso wenig, wenn das nichts für euch ist und ihr lieber wenige ungelesene Bücher daheim habt!)
Aber das hält die Entwicklung nicht auf. Hier steht auch der Buchmarkt selbst und andere Institutionen in der Verantwortung. Es braucht Bücher, die die Leute interessieren. Es braucht Gründe, in Buchhandlungen gehen zu wollen. (Subjektiver Eindruck: Da sind sie dran.) Es braucht Mittel für Bibliotheken (an vielen Standorten!), damit Bücher nicht nur etwas sind, das mensch sich leisten können muss.
Und wir im Einzelnen? So plump es klingt, ich denke, was wir tun können, ist – wie mit so vielem – mit Menschen zu reden. Siehe meine Eltern. Mein Vater las als Kind viel, später waren aber weder er noch meine Mutter große Leser*innen. Trotzdem wurde Töchterchen mit Zugang zur Bibliothek Leseratte, dann auch noch Bloggerin und fing schlussendlich damit an, in der Branche zu arbeiten – und darüber zu reden. Heute sitzen sie auch mal abends da und lesen, und kaufen auch fleißig. Das wird nicht immer klappen, aber es ist eine Möglichkeit.
Gleichzeitig reicht es nicht, wenn jetzt alle aus Mitleid mehr Bücher kaufen. Ist auch nicht Sinn der Sache. Aber die eine oder andere Person, die früher Bücher las, Bücher kaufte, Bücher auslieh, die entdeckt ihre Liebe zum Buch vielleicht wieder – und gibt sie hoffentlich weiter.

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10 thoughts on “Es war einmal das Buch

  1. Spannendes und wichtiges Thema. ich kämpfe selbst mit meiner zunehmenden Lesefaulheit, habe mir aber kürzlich nach langer Zeit wieder einen Bibliotheksausweis ausstellen lassen. Ein erster Schritt …

    • Kleine Schritte sind ja ohnehin die beste Variante! :D Und manchmal braucht es einfach das richtige Buch, um wieder in Schwung zu kommen – die Bibliothek hat da noch mit die beste Auswahl.

  2. Cooler Beitrag und wichtiges Thema, auch wenn die Buchblogleser da wahrscheinlich die sind, die weiter noch viel kaufen. Deshalb umso besser, dass du auch noch mal das „mit anderen Leuten lesen“ usw. ansprichst.
    Ein paar Worte zu den deutschen Bibliotheken (gehe jetzt mal von der in Berlin aus, bin aber recht sicher, dass es auch anderswo der Fall ist): Da passiert mittlerweile auch einiges, um Buecher wieder schmackhafter zu machen und die Digitalisierung nicht komplett zu ignorieren. Es gibt mittlerweile viel groessere online Angebote fuer eBooks, Audiobooks, etc. sogar mit Zugriff auf ein gutes englisches Angebot. Ich glaube also auch, dass da aktiv etwas getan wird :) Hoffentlich bringt es was.

      • Jaaaaa, aber an die meisten Nicht-Leser*innen komm ich eh nicht ran, da müssen wir alle ein bisschen mitmachen. :D
        Oh, englisches Angebot ist auch gut! Meine Bibo-Zeiten sind ein bisschen länger her, und damals hatte Dresden zumindest mit der Digitalisierung angefangen. Ich glaube, ein paar fremdsprachige Titel waren auch vorhanden, aber keine große Auswahl. Hängt sicherlich auch noch mal von der Region ab, aber gerade nicht-deutschsprachige (oder mehrsprachige) Literatur dürfte heute wichtiger denn je sein.

  3. Pingback: #2 Durchgeklickt – Unterwegs im Netz | Lesen in Leipzig

  4. Hey Saskia,

    toller Beitrag und echt mal interessant davon zu lesen. Insgeheim habe ich es zwar geahnt, aber so schwarz auf weiß habe ich es dann doch noch nicht gelesen, dass der Buchverkauf im Sinken ist. Darüber reden finde ich grundsätzlich immer gut und die Leute um mich herum, habe ich schon angefixt, auch mal wieder zu einem Buch zu greifen. Ich bin gespannt, wie sich das Thema entwickeln wird.

    Liebe Grüße
    Ella <3

  5. Huhu!

    Über das Thema spreche ich in letzter Zeit viel, mit meinem Mann, meinen Freunden, meiner Familie… Mein Mann ist Lehrer und findet besonders bedenklich, dass das Lesen für Jugendliche immer unattraktiver wird, weil sie von anderen Angeboten quasi erschlagen werden.

    Ich frage Rezensionsexemplare an, ich leihe aus der Bibliothek aus, ich nutze Abo-Services wie Legimi und Bookbeat, ich kaufe gebraucht – aber mir ist es zunehmend wichtig, dass ich Bücher auch neu im stationären Buchhandel kaufe, genau wegen dieser Entwicklung. Aber wie schon sagst: das Problem geht nicht davon weg, dass Leute, die ohnehin Bücher kaufen, mehr Bücher kaufen.

    Natürlich gibt es viele Menschen, die es sich nicht leisten können, ständig neue Bücher zu kaufen, aber da frage ich mich, warum da die Bibliotheken nicht mehr genutzt werden… Wenn ich auf den Monat umrechne, was ich für meinen Bibliotheks-Ausweis bezahle, könnte ich mir dafür gerade mal zwei Tafeln Schokolade kaufen. Es gibt nicht überall Bibliotheken, aber da gäbe es ja zum Beispiel die Option, die Onleihe zu nutzen.

    Ulkigerweise ist Netflix für mich überhaupt nicht attraktiv, seit ich meinen Buchblog habe, schaue ich überhaupt zunehmend seltener Fernsehen. Da kann ich mich schon eher stundenlang mit Wimmelbildspielen beschäftigen. Auch ins Kino gehe ich nur alle paar Monate mal, das ist dann auch Geld, dass ich stattdessen in Bücher investieren kann. ;-)

    Die Buchhandlung meiner Wahl bemüht sich sehr um Kundennähe, mit Leserunden, Leseungen und anderen Events, aber unser Krimi-Lesekreis wird zum Beispiel immer schlechter angenommen…

    LG,
    Mikka

    • Hallo Mikka!

      Teilweise ist es aber auch nicht nur die Entscheidung, ob mensch sich den Bibliothekszugang leisten kann – sondern ob es auch zusätzlich leistbar ist. Zwar sind die 15€ bis 20€ pro Jahr keine Unsummen, aber es ist ja trotzdem eine zusätzliche Ausgabe und andere Ausgaben gehen da gerne mal vor. Was ich auch verstehe. Gleichermaßen braucht eine Onleihe ja auch noch mehr Geräte, um es nutzen zu können.
      (Ich find das Bibliotheksangebot nicht schlecht, aber ich versteh auch, warum es nicht sofort ergriffen wird, auch wenn es ginge.)

      Beneidenswert! Ich brauch immer die Hintergrundgeräusche, da kommt mir Netflix wie gerufen. Ist natürlich gerne auch mal ablenkend …

Und ihr so?

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